Zeitung Heute : Das Beste waren die Bratwürste

MEIKE MATTHES

Wo Brecht endet und Beliebigkeit anfängt: 12 Fragmente-Uraufführungen als sinnfrei schlappes Spektakel am Berliner Ensemble Wir brauchen ein ganz neues BE, das ist klar.Aber vorher, sagt sich das BE, brauchen wir einen ganz neuen Brecht.Eigentlich wären umfangreiche Renovierungsarbeiten vonnöten, jede Menge überflüssiger Beton müßte gründlich abgetragen werden, die Fundamente gewissenhaft überprüft, das vor haltloser Unumstößlichkeit wankende und stöhnende Weltanschauungsgebäude bedürfte einer sorgfältigen De- und Remontage, damit nicht alles in Schutt und Asche fällt und Peymann dann nur noch den großen Kehraus-Besen schwingen muß. Doch die Zeit drängt, morgen ist schon der 100.Geburtstag, und übermorgen geht das Jahrtausend zu Ende, und wir können nicht in skrupulöser Seelenruhe Stein für Stein umdrehen, während die Welt darauf wartet, daß wir ihr einen wasserdicht durch- und überdachten, vergegenwärtigten und auf Hochglanz getrimmten Klassiker präsentieren.Also müssen wir uns wohl, schien man sich am Schiffbauerdamm gedacht zu haben, auf die Schnelle unseren Brecht neu erfinden.Ein beherzter Griff in den Zettelkasten des unermüdlichen Schreibtriebtäters, und siehe da: jede Menge potentielles Spielzeug, grobe Entwürfe, konfuse Skizzen, unverbindliche Anspielungen, zuckende Geistesblitze.Worte, denen der Sinn und Sinn, dem die Worte fehlen.Eine unendliche Projektionsfläche für jeden selbstverwirlichungswütigen Regisseur öffnet sich jenseits der Bruchkanten der Fragmente, wo Brecht endet und die Beliebigkeit anfängt. Und so rennen sie alle ins Offene und verlieren sich darin: Aus Brechts "Neandertaler"-Rudimenten, einem Versuch, das Friß-oder-Stirb-Gesetz der Steinzeit mit der hackebeilschwingenden Hilfe des Menschenmetzgers Haarmann auf den im Kapitalismus lauernden Kannibalismus zu übertragen, bastelt sich Armin Petras eine circensische Grusel-Klamotte im muppetshow-mäßigen Primaten-Outfit, die ziemlich unvermittelt zu einer nicht minder possierlichen documenta-Persiflage mutiert.Leander Haußmann dagegen schnappt sich ein paar kryptische Altherrenwitze (nullkommanichtige Szenen-Partikel, die in der Mogelpackung "Brechts Kolportagedramatik" von der Literaturgeschichte verwahrt werden), wirft die verschwindend geringen Textmengen schwungvoll auf seine unvermeidliche Drehbühne, wirft noch einige Pappnasen, Schifferklaviere, Schaukelpferde, ein bißchen Kuschelmusik und eine Einar-Schleef-Parodie dazu und verwirbelt das Ganze zu einem melancholischen Papierleichenball, ohne auch nur einen Gedanken an Brecht aufkommen zu lassen. Der steht dafür bei Christoph Schlingensief auf der Bühne, Werner Brecht nämlich, ein kleiner schwitzender Dicker, der das Fragment "Die letzten Wochen der Rosa L." so sinnvertilgend wiederkäut, daß die letzten Brecht-Feinschmecker ihre Hoffnung auf ein gefundenes Fressen aufgeben und sich von der lauwarm vor sich hingluckernden Gerstensaftstimmung im BE-Hof in ein dialektisch einwandfreies Nirwana tragen lassen.In diesem Narkose-Zustand verirren sie sich vielleicht noch ins BE-Zelt, wo eine ruhrpöttisch-mustöpfische Sockenmolli-Truppe namens "Kommando Zweiter Bildungsweg" den Egoisten Fatzer zu einem zugekifften Möchtegern-Guevara zusammenstaucht. "So jenau wollen wir det jarnich wissen", nörgeln im Neandertaler-Fragment die mit den Problemen der Jetztheit konfrontierten Herrschaften - und genau diese maulige Ignoranz, dieses aufmüpfige Desinteresse ist der Grundton dieses Spektakels, das keines ist.Natürlich gibt es jenseits der Fun-Fraktion auch ein paar ernsthaftere Arbeiten - Carmen-Maja Antonis Kinderspiel aus dem unvollständigen "Leben des Konfutse" zum Beispiel oder Ernst M.Binders klassenkampfbewußtes und v-effekt-versiertes "Aus Nichts wird Nichts" -, die sich aber darauf beschränken, Brecht korrekt die Gardinenstange zu halten.Der Gesamteindruck aber ist und bleibt: Mehr schlecht als Brecht.MEIKE MATTHES Beim Kommen: Leander Haußmann tritt in Gucci-Slippern aus dem Ganymed, schwenkt ein in Richtung Berliner Ensemble.Django zahlt nie oder Die Kleinen Strolche entern den Brecht-Tempel.Das ist die gute Nachricht.Nie wieder Bertolt zum Gähnen.Aus dem Bollwerk grämlicher Dialektik wird ein Berlin-Bertie-Erlebnispark.Deshalb - nach den längst legendären Prater-Spektakeln - nun der erste BB-Budenzauber: 12 Uraufführungen aus BBs üppiger Hinterlassenschaft (in Buchform 1348 Seiten dick und 176 Märker teuer; Archiv-Interne munkeln von weiteren, in die Tausende gehenden Resten) als Fragmente-Flederei zwischen Hinterbühne und Hof, mit Blasmusik am Bronze-Brecht - das ist superduperweltspitzenklasse! Ist es natürlich nicht.Das Beste an dem so sinnfrei wie länglichen, aufgrund heftigen Biergenußes noch heftiger urintreibenden Abend waren die Bratwürste.Vom Grill und im Hof.Und natürlich Christoph Schlingensiefs Urauffühungsfestakt mit vielen Danke-Dankes und dem Plädoyer für ein "Theater des Volkes" in BBs Sinn, weil Suhrkamp und die Erben ihm die "Rosa Luxemburg" überlassen haben.Die zieht in Gestalt von abwechselnd Margarita Broich und Martin Wuttke (Klasse im Fummel) auf der Drehbühne ihre Kreise, hält brav Täfelchen hoch und muß aufpassen, daß sie der rosa Riese in Gestalt des Sumoringers Volker Spengler nicht vom Förderband fegt.Vorher gab es Kasperletheater im original verkleinerten BE-Bühnenrahmen, der interimistische Vordenker Carl Hegemann hatte sein Bühnendebüt als Zigeunerbaron und der beinharte Werner, der einzige wahre Brecht, wurde mittels V-Effekt in Klammern gesetzt.Sehr schön das. Grottengrauenvoll dagegen Jürgen Kruses Hofbespielung mit "A Woman killed with Kindness".Gekillt wurde da niemand, höchstens totgeredet von fünf Frauen im Landadellook und einem männlichen Nummerngirl mit Schildern à la "Frack Ment" oder "Sack Zement".Dann lieber hammerharten Teufelsberger-Trash als dieses traurige Verweigerungsgelaber mit BB in der Easy-Listening-Endlosschleife.Hingehört hat sowieso keiner.Max Raabe guckte tranig, Tankred Dorst war längst schon weg und zwei Damen im Abendkleid unterhielten sich höchst angeregt über die Straußsche "Fremdenführerin", damals an der Schaubühne: "Irgendwie links, es ging um freie Liebe, war tierisch interessant." "Wer immer es ist, den ihr hier sucht, ich bin es nicht", verkündet dagegen ein Schriftband mit Zitaten des Ex-Hausherren über dem Kantineneingang.Keine Bange, er wird auch nicht gefunden noch vermißt.Während die inszenierenden Halbstarken aus Bochum, Berlin und dem Rest der Republik ihre öden Sketche routiniert abspulen, was verdammt auf die Stimmung drückt, bahnen sich die Halbzarten, vornehmlich Ernst-Busch-Studenten, einen gepflegt didaktischen Pfad zwischen ragenden Brecht-Trümmern.Auf der Probebühne treibt es ein silberner "Glücksgott" unter Anleitung von Britta Geister zwischen Bettlakenschlitzen mit Puppenköpfen und singt dazu: "Seit der Gott den Schwan geritten / Wurd es manchen Mädchen bang." Auch nicht abendfüllend.In der zweiten Version dieses 1945 entstandenen Versuchs läßt Maxim Dessau Mitglieder des Chors der musikbetonten Gesamtschule Paul Dessau Zeuthen in den abgedunkelten Katakomben des Fotolabors Texte flüstern und singen sowie ihre Instrumente bestreichen und beblasen.Hübsch: ein Mädchen, das sich in einem Kabuff am Cello abarbeitet, über ihr die gesammelten Jahrgänge von "Sinn und Form". "Entweder stehe ich schon vor verschlossenen Türen oder ich verliere meine Begleiter", so faßt eine ihr Elend mit den simultan abrollenden Aktionen und dem anschließenden Leerlauf zusammen.Von der Hinterbühne wird von einer streng exerzierten "Sintflut" (Regie: Tilman Gersch) berichtet, im Apen-Zimmer war der "Chinesische Vatermord", den Hans Werner Kroesinger vor einer Schultafel vollführen ließ, schon nach 10 Minuten vorbei.Bei der fröhlichen Laienspielschar von Armin Petras sind wenigstens die musizierenden Polizisten echt.Ihre "Anneliese"-Polka darf unter den professionellsten Leistungen des mit halbgelähmten Schwingen tobenden Klamauk-Radaus verbucht werden.Und natürlich Heiner Müllers "Fatzer"-Hörspiel.Vorgetragen in splendid isolation vor sechs Zuhörern auf der Brecht-Besetzungscouch im Turmzimmer. Beim Gehen: Leander Haußmann, der zwischendurch mit einem Stofftier und einem blonden Kind gesichtet wurde, und einen weiteren Säugling vor zuviel Brecht-Genuß schützen wollte, sitzt im Ganymed.Brecht vorbei.Affe tot.Tschüß, Berlin.Morgen wieder Bochum.MANUEL BRUG

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