Zeitung Heute : Das bewegte Dorf

Mutlangen: Vor 20 Jahren sammelte sich hier die Friedensbewegung zum Protest gegen amerikanische Pershing II-Raketen. Die Einwohner haben von den Demonstranten eines gelernt: Wie man sich wehrt. Und sei es gegen Umweltschützer.

Constanze von Bullion

Damals, als es losging in Mutlangen, war Hans Betz gerade in Afrika auf der Jagd. Als er zu Hause anrief, brauchte seine Tochter nur den Telefonhörer aus dem Fenster zu halten, da wusste er Bescheid. Wie ein Sturm hörte sich an, was da durch Mutlangen brauste und alles mitzureißen drohte, was bis dahin sicher schien. Die Ruhe, die Orientierung, selbst innerste Überzeugungen kamen den Leuten abhanden, und im Dorf gab es bald zwei Sorten Menschen. Die „Mutlänger“ und die anderen. „Eine unschöne Phase“, sagt Hans Betz.

Mutlangen auf der schwäbischen Alb, das ist wie eine Reise durch die Zeitschleife. Früher, in den 80ern, war die Gemeinde mal die Pilgerstätte der westdeutschen Friedensbewegung, ein Synonym für Sitzblockaden gegen Kriegsangst und Nachrüstung. Heute fürchten sich wieder viele vor einem Krieg und gehen auf die Straße, in Mutlangen aber ist tiefer Frieden eingekehrt. Blitzblanke Siedlungen gibt es hier, eine Klinik und jeden Nachmittag einen Stau. 6200 Menschen leben im Ort, die meisten arbeiten auswärts, und wer das schon hinter sich hat, der werkelt einfach zu Hause weiter.

Hans Betz und seine Frau Ursula haben sich einen hübschen Wintergarten gebaut, ihre Sanitärfirma haben sie altersbedingt geschlossen, 60 sind die beiden heute, und es gibt noch genug zu tun im Haus. Ausgestopfte Tierköpfe hängen hier und jede Menge riesige Geweihe. „Kaffernbüffel aus Ruanda, Hirsch aus Malaysia, Steinbock aus Kasachstan.“ Hans Betz unterbricht. „Die Publicity der Jäger ist ja im Keller,“ sagt er.

Soldaten kauften nur Zigaretten

Hans Betz geht in der ganzen Welt auf die Pirsch, es liegt ihm sozusagen im Blut, die widerspenstige Kreatur zu wittern und zu erlegen. Aber als diese struppigen Wesen über sein Dorf herfielen, da war er erstmal wehrlos. Lästig waren die Demonstranten, erzählt er, „abgerissene Typen, wo mir die Nas’ beißt, wenn ich daneben steh“. Oft stand es kurz vor der Eskalation, überall wurde blockiert, „der gewohnte Verkehr zu den Schrebergärten konnte sich nicht mehr bewegen“. Auch die Prominenten hatte er dicke, lauter Mitläufer, „die später Filmstars geworden sind“. Na, na, sagt Frau Betz. „Das war der Grass. Und der Dietmar Schönherr.“

Mutlangen, 1. September 1983. Vor dem Raketendepot der US-Armee, in dem der Nachrüstungsbeschluss vollzogen und 36 atomare Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II stationiert werden sollen, sammeln sich die Demonstranten. Es ist 5 Uhr 45 morgens, Gedenkminute für den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Nobelpreisträger Heinrich Böll hat einen Campingstuhl aufgeklappt, Petra Kelly ist mit Stahlhelm erschienen, Gert Bastian setzt sich auf die Straße, neben Oskar Lafontaine. Die Fotografin Barbara Klemm fängt den Moment in einem Foto ein, das ihr fast zur Ikone gerät. Unglaublich ruhig war es damals, erinnert sie sich, eine ernste, fast gespenstische Szene.

Installateurmeister Betz war nicht sonderlich beeindruckt von solchen Inszenierungen. Es möge ja ein paar Idealisten gegeben haben, aber selbst den aufgebrachten Pastoren nahm er die frommen Sprüche nicht ab, „lauter Reingschmeckte, Mutlangen ist katholisch.“ Wer ins Dorf gehört und wer nicht, das war immer ein großes Thema hier im Schwäbischen, wo der Krieg so viele Vertriebene anspülte. Jetzt also diese neuen Fremdkörper, Blockierer oder solche wie den „Ehrenmann Oesterle“, der Hans Betz ein besonderes Ärgernis war.

Und da kam so: Mutlangen hatte seit den 60er Jahren ein kleines Gewerbegebiet draußen in der Heide. Dort lag die Sanitärfirma Betz, und als die Zufahrtsstraße verbreitert werden sollte, weigerte Herr Oesterle sich, Boden zu verkaufen. Hans Betz saß damals im Gemeinderat und half etwas nach bei der Enteignung. Oesterle revanchierte sich. Er verkaufte den Raketengegnern ein Grundstück mit einer Hütte, in der er Kanarienvögel züchtete. Kein Klo, kein Bad, dreißig Protestierer zogen ein. Dann fing Oesterle sogar an zu demonstrieren, ein normaler Bürger, der hatte doch die Linie verloren, sagt Betz. Naja, er lebt ja heute nicht mehr. „Im Graben gestorben“, sagt Frau Betz.

Mutlangen ist eine furchtbar nette Gemeinde, auch der Bürgermeister ist ein umgänglicher Mensch. Peter Seyfried ist ein undogmatischer CDU-Mann, er kämpfte damals um Leitplanken, die ihm die US-Trucks platt walzten, wenn sie ihre Wachmannschaften ins Depot karrten. Alles schon Geschichte, der Bürgermeister schiebt ein Buch über den Tisch. Da steht drin, er habe vor seiner Wahl 1986 der Feuerwehr geraten, zur Vesper zu gehen, wenn die Pressehütte brennt. Die Gräben müssen wirklich tief gewesen sein.

An der Stationierung der Pershing II verdiente die Gemeinde keinen Pfennig, erzählt der Bürgermeister. Die US-Soldaten waren unten in Schwäbisch Gmünd stationiert und kauften hier oben höchstens Zigaretten. Als sie im November 1988 abzogen, war das ein Glücksfall für die Gemeinde, die 400 Bauplätze ausweisen konnte. Damit finanziert Seyfried den neuen Sportplatz und die Friedhofsvergrößerung, Schwerter zu Grabplatten sozusagen.

Hat die Friedensbewegung Mutlangen verändert? Man hat hier zumindest viel gelernt von den Friedensleuten. Mutlangen sollte eine Umgehungsstraße bekommen, und weil Umweltschützer sie per Bürgerinitiative bekämpften, gründete die Gemeinde eine Gegen-Initiative. Weltverbesserer werden hier mit den eigenen Waffen geschlagen. „So gesehen hat das Demonstrieren Wirkung gezeigt“, sagt Seyfried.

Mutlangen, 10. Dezember 1984. Diesmal sind 7000 gekommen, zum Jahrestag des Nato-Doppelbeschlusses. Walter Jens erscheint und der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter. Für viele hier ist er fast ein Guru, dieser schlohweiße Mann, der von der Weltkriegsfront zurückgekehrt war und erfuhr, dass betrunkene Russen seine Eltern erstochen hatten. Richter wurde Pazifist, ein Unbedingter. Während seiner Rede in Mutlangen überrennen Hunderte von Aktivisten den Stacheldraht am Raketenlager.

Küchenrollen-Rakete

Wolfgang Schlupp-Hauck war von Anfang an dabei in Mutlangen, er ist wegen der Proteste hierher gezogen, aber zum radikalen Flügel der Friedensbewegung hat er nie gehört. Überhaupt ist er ein recht weicher Typ, der mit seinen 45 Jahren eine fast bubenhafte Begeisterung verbreiten kann. Vor allem, wenn es um Raketen geht. Schlupp-Hauck ist nach all den Jahren im Widerstand ein Experte für Weltraumrüstung geworden. Er gibt das Faltblatt „Weltraum aktuell“ heraus und hat dem Generalsekretär der Weltraumbehörde ESA in vielen Postkarten vor der „Rüschtung“ im All gewarnt. Der Mann hat ihm die Karten jetzt zurückgeschickt, einen ganzen Karton. Er sei in Rente und habe genug.

Wolfgang Schlupp-Hauck kann das nicht entmutigen, und es gäbe wohl nur eine Methode, ihn vom Kurs abzubringen: ihn einsteigen zu lassen in eine Rakete, die aufsteigt in die Atmosphäre. „Diese Ruhe, die Stille“, sagt er und wirkt so erhitzt, als fange unter seinem Wollpullover schon ein Triebwerk an zu glühen. „Da müsste ich meine ganze Moral aufbringen, um abzulehnen.“

Wahrscheinlich wird es dazu nicht kommen, Schlupp-Hauck ist kein Astronaut, sondern Sozial- und „Friedensarbeiter“ und führt jetzt durch die Pressehütte von Mutlangen. Der einstige Vogelschuppen ist heute ein kleines Seminarhaus, wo lila Halstücher und andere Reliquien liebevoll drapiert sind. Verkokelte Holzkreuze hängen hier und dieser blinkende Leuchtkasten, an dem eine Laserkanone baumelt. Wolfgang Schlupp-Hauck hat sie selbst gebastelt, aus Küchenrolle und Alufolie.

Man muss schon etwas tun für das Gedenken in Mutlangen, denn von den Mahnmalen des Kalten Krieges ist wenig übrig. Draußen in der Heide liegen noch zwei alte Raketenbunker wie Ungetüme aus grauer Vorzeit, der Rest des Depots ist abgerissen. In der Pressehütte gibt es immerhin ein paar Fotos, die das absurde Szenario des Wettrüstens wiederbeleben. In Mutlangen waren 36 Pershing II stationiert, und damit die Russen sie nicht alle gleichzeitig ausschalten konnten, kutschierten Amerikaner sie regelmäßig durch den Wald, wo die Raketen dann wie Riesenbleistifte herumstanden.

Was hat er eigentlich gebracht, der Widerstand? Ging der Kalte Krieg nicht auch so zu Ende, trotz und womöglich sogar wegen der Rüstung, die der Osten sich nicht mehr leisten konnte? 1987 schlossen die USA und die Sowjetunion den INF-Vertrag, die Mittelstreckenwaffen mussten verschrottet werden. Im November 1988 rollten die zersägten Teile auf 14 Lastern aus Mutlangen. Das war das Ende.

Im Rückblick war das Lebensgefühl der 80er Jahre ziemlich überdreht. Diese ständige Angst vor Atomtod und Apokalypse, eine echte deutsche Psychose eigentlich. Manche halten die Friedensbewegung für einen historischen Irrtum. Wolfgang Schlupp-Hauck guckt entgeistert, wenn er das hört. „Die Mauer ist gefallen, weil das Volk der DDR aufstand, und weil Gorbatschow es so wollte“, sagt er. Von einem Irrtum könne keine Rede sein. Ja sicher, einige Kriegsgegner richteten sich auf den Weltuntergang ein, vielleicht auch, um vor dem eigenen Leben zu fliehen. Aber so war eben die Stimmung dieser versinkenden Ära, in der noch niemand von der Wende wusste.

Und jetzt? Jetzt gehen wieder Millionen für Frieden auf die Straße. Aber was heißt das eigentlich, Friedensbewegung? Bedeutet es Frieden für die Menschen im Irak, wenn sie von einem Angriff verschont werden? Wolfgang Schlupp-Hauck hat noch keine befriedigende Antwort auf diese Frage gefunden. „Es gibt viel Gewalt auf der Welt, gegen die ich nichts tun kann“, sagt er. Damals hat ihn Euphorie nach Mutlangen getrieben. Er hat hier seine Frau gefunden, zog die Kinder groß, wie das so geht. Was ihn mit Mutlangen verbindet, ist inzwischen Treue. Er hält durch, ziemlich tapfer. Sagt seine Tochter.

Unten im Tal, wo das mittelalterliche Schwäbisch Gmünd seine malerischen Gassen ausbreitet, liegt die verwaiste Kaserne, aus der 1990 die letzten US-Truppen abzogen. In Gmünd ging damit eine uralte Militärtradition zu Ende. In manchen Köpfen aber schweigen die Waffen bis heute nicht.

Werner Offenloch wartet die Fragen der Reporterin gar nicht ab. Er hat den Gesprächsgegenstand in vier Komplexe eingeteilt. Komplex 1: die Nachrüstung, ein Streit von weltgeschichtlicher Bedeutung. Komplex 2: das Aufkommen der Friedensbewegung. Komplex 3: der jahrelange Konflikt der Gerichte. Komplex 4: wie der Streit um die Blockaden mitten durch die Gesellschaft ging. Offenloch war Direktor des Amtsgericht Schwäbisch Hall und ist ein energischer Herr von 65 Jahren, der Hunderte von Mutlangen-Blockierern verurteilt hat. Die Leute setzten sich auf die Straße, wurden weggeschleppt, Offenloch verurteilte sie wegen Nötigung, und wer das Bußgeld nicht bezahlte, wanderte ins Gefängnis. So ging das. Dass manche ihn deshalb gnadenlos nannten, treibt Werner Offenloch bis heute um.

Schröder als Verteidiger

Er ist schon pensioniert, aber in seinem Haus gibt es diese Kammer, die er emsig und sehr allein beforscht. Hunderte von Dokumenten hortet Offenloch da, es sind Protokolle und Aufsätze über Mutlangen. Ein Stück aus seinem Archiv hat er rausgefischt, es ist ein Ausschnitt aus einer Zeitung, wenig größer als eine Briefmarke. Offenloch hat mit Bleistift winzige Verweise angebracht.

Helmut Gollwitzer ist da zitiert, der sich im Fall einer russischen Invasion eine Bundeswehr wünschte, die „kapituliert vor der Sowjetarmee. Dies ist die vaterländische Pflicht der Bundesrepublik.“ Gollwitzer, der bedeutende Theologe und NS-Widersacher. Und dann solche Sätze. Schwer nachvollziehbar in der heutigen Zeit, in der über Auslandseinsätze und sogar einen Offensivkrieg diskutiert wird. Manche hätten in der Friedensbewegung ja eine „Unterwerfungsbewegung“ gesehen, sagt der Richter. Er zitiert nur, will das so nicht sagen.

Gollwitzer hat er verurteilt wie die anderen auch, die Rechtslage war klar, sagt er, eine Sitzblockade ist rechtswidrig, seit 1911. Nötigung ist laut Strafgesetzbuch aber nur dann strafbar, wenn auf sie die Begriffe „Gewalt“ und „verwerflich“ zutreffen. Daher stritten die obersten Gerichte der Republik 15 Jahre lang, ob die Blockaden von Mutlagen den Tatbestand der Nötigung überhaupt erfüllten.

Die Raketen waren längst abgezogen, als ihre Gegner noch mit deftigen Haftstrafen ins Gefängnis gingen, einer saß 270 Tage. War das nicht ein bisschen hart? Werner Offenloch hat seine Antwort längst bereit: „So wie das Bundesverfassungsgericht geurteilt hat, mit einer fachlich höchst angreifbaren Begründung, müsste ich heute natürlich anders entscheiden.“ Im Januar 1995 hat Karlsruhe die Blockade-Urteile aufgehoben. Die Bundesrepublik hatte sich den Protesten vorsichtig geöffnet. Für Werner Offenloch brach einen Art Lebenswerk zusammen.

Fragt man, wie es ihm ging damals, blättert er in seinem zerlesenen Gesetzbuch. Er habe die Entscheidung professionell gesehen. Die Mutlangen-Fälle hatte er ja schon abgegeben, und das Wort Bitterkeit mag er nicht. Offenloch spricht dann noch lange über die „sprachrechtsdogmatischen Feinheiten“ des Falls. Er ist nun mal zutiefst überzeugt, dass rechtswidrige Aktionen kein politisches Mittel sein dürfen. „Wenn das in großem Umfang Schule machte, könnte das den demokratischen Rechtsstaat sprengen.“

Er hat sie alle in seinem Gerichtssaal gehabt. Gerhard Schröder als Verteidiger und einen Kollegen von Schily, nur Joschka Fischer ging ihm durch die Lappen. Jetzt sind sie ganz oben und der Richter ein wenig im Abseits. Hat Mutlangen die Republik verändert, vielleicht ein wenig freier gemacht? Kopfschütteln. Und der Richter, ist er ein anderer heute? Jetzt wird es noch stiller in diesem stillen Raum. Er hätte früher nicht gesagt, „dass die Welt von so deutlichen atomaren Gefahren bedroht ist“. Er hat wohl auch bezweifelt, dass diese Leute etwas ausrichten gegen die Rüstung. Und jetzt? „Ich könnte mir denken, dass das Vorhandensein der Friedensbewegung und der Umgang mit ihr die Neuorientierung der Sowjetunion erleichtert hat.“ Werner Offenloch ist einen weiten Weg gegangen.

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