Zeitung Heute : Das Bild der arabischen Welt

Birgit Cerha

Der Fernsehsender Al Dschasira feiert sein zehnjähriges Bestehen. Wie hat er die Berichterstattung aus und über die arabische Welt verändert?


Als eine kleine Gruppe frustrierter BBCJournalisten vor einem Jahrzehnt in einem winzigen Büro in Katar den ersten arabischen Satellitensender gründete, da ahnte niemand, dass sie damit die weltweite Fernsehberichterstattung verändern würden. Heute erreicht Al Dschasira mehr Menschen als der US-Sender CNN: Rund 40 Millionen Menschen, so rühmt sich der Sender, in der arabischen Welt und darüber hinaus, würden sein Programm verfolgen. Der Slogan: „Die ganze Welt guckt CNN und CNN guckt Al-Dschasira“ zeugt von einem beachtlichen Selbstbewusstsein.

Doch zurück zu den Anfängen. 1995 hatte die BBC – in den arabischen Staaten wegen der objektiven Berichterstattung geschätzt – mit dem saudischen TVSender Orbit versucht, einen arabischen Satellitensender aufzubauen. Er sollte sich vor allem durch Unabhängigkeit auszeichnen. Doch als Orbit Bilder von Hinrichtungen im Königreich ausstrahlte, war das Projekt vorbei. Der Emir von Katar, Scheich Hamad al Thani, der sich gerne als modernes und liberales Staatsoberhaupt gibt, bot dem BBC-Team an, in seinem Land einen neuen Sender aufzubauen. Er sollte „Al Dschasira“ heißen, übersetzt bedeutet das „die Halbinseln“. Und die Journalisten sollten die Freiheit haben, „die Nachrichten zu berichten, wie sie sie sehen“.

Binnen kürzester Zeit riss Al Dschasira mit seinem Programm die arabische Welt aus ihrem politischen Schlummer. Erstmals brach eine arabische Fernsehstation das ungeschriebene Gesetz, das jede Kritik an den Regimen der Region verbietet. Endlich konnten auch die Araber ein wenig von den verbotenen Früchten der Gedanken- und Meinungsfreiheit kosten.

Mehr noch als die Nachrichtensendungen zogen und ziehen die oft emotional geführten Diskussionsrunden Millionen von Zuschauern an. Dabei gilt die Maxime: Jeder hat das Recht, frei seine Meinung zu äußern. In den Talkshows treten radikale Islamisten und gemäßigte arabische Persönlichkeiten ebenso auf wie arabische und israelische Politiker.

Nicht nur die Konservativen in der arabischen Welt haben ein Problem mit Al Dschasira, sondern auch die USA und Israel. Sie kritisieren den Sender für seine Berichterstattung über die Besatzungspolitik der Israelis und das Leid der Palästinenser. Israel sieht sogar einen Zusammenhang zwischen dem Aufstieg des Senders und der zweiten Intifada. Wahr ist, dass die arabische Bevölkerung vor der Gründung Al Dschasiras wesentlich weniger über das Geschehen in den Palästinensergebieten informiert war.

Seinen großen Erfolg aber verdankt Al Dschasira den Kriegen in Afghanistan und dem Irak. Al Dschasira war der einzige Sender, der auch aus entlegeneren Gebieten über das Kriegsgeschehen berichtete und sich dabei auf das Leid der Zivilbevölkerung konzentrierte. Das empörte Amerika ebenso wie die Ausstrahlung einer Videobotschaft von Al-Qaida-Chef Osama bin Laden, kurz nach dem 11. September 2001. „Bin-Laden-Fernsehen“ nannte man fortan den Sender. Durch das Forum, das Al Dschasira dem islamistischen Terror gab und durch seine proarabische Berichterstattung im Afghanistan- und Irak-Krieg, war Washington derart empört, dass US-Truppen „versehentlich“ die Al-Dschasira-Büros in Kabul und Bagdad zerstörten.

Al Dschasira hat noch viel vor: Am 15. November will es einen englischssprachigen Sender starten – er soll sich zu einer „neuen Waffe im Krieg der Ideen“ entwickeln, die „Menschen und Kontinente“ einander näherbringt.

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