Zeitung Heute : Das „Bild des Tages“

Wie ein ARD-Korrespondent die Verhandlungen in Paris miterlebte

Ernst Weisenfeld

Innerhalb einer aufgeregten Medienlandschaft brach der Bonner Regierungstross am 20. Januar 1963 nach Paris auf zur Unterzeichnung einer Regierungserklärung, die der deutsch-französischen Zusammenarbeit immer festere Formen geben sollte. General de Gaulle hatte wenige Tage zuvor für einen Skandal gesorgt mit einer Pressekonferenz, in der er England die Tür zum Gemeinsamen Markt zuschlug. Im Regierungslager kriselte es. Konnte Adenauer da noch seine Unterschrift geben?

Ich war jetzt ARD-Korrespondent in Bonn, war vor zwei Jahren noch Pariser Korrespondent und hatte meine Informationsquellen. Bald wusste ich: Zwei bewährte „Europäer“, der Franzose Jean Monnet und der Deutsche Walter Hallstein, die ersten Präsidenten einer Europäischen Gemeinschaft (für Kohle und Stahl) waren gleich nach seiner Ankunft beim Bundeskanzler, um ihn aufzufordern, nur dann zu unterschreiben, wenn de Gaulle seine Englandpolitik korrigiere. Etwas später beklagte sich Monnet bei mir: „Die deutsch-französische Zweisamkeit“ sei „Romantik und Schlimmeres“. Europa brauche keine Führungsmächte. Beide brauchten Europa zum Ausgleich ihrer divergierenden Interessen.

Nach dem ersten Gespräch Adenauer – de Gaulle wusste sein Sprecher von Hase nur, dass die Englandfrage „eine Rolle gespielt habe“. Man müsse nun die nächste Ministerratssitzung in Brüssel, kommende Woche, abwarten. Das erwies sich als Kunstgriff, um eine kurze Beruhigung zu erreichen. Wichtiger war von Hases Mitteilung, man werde keine Regierungserklärung unterzeichnen, also keine unverbindliche Absichtserklärung, sondern einen Vertrag, der ratifiziert werden müsse. Die Staatsrechtler hätten das herausgefunden. Sollten sie keinen Ausweg wissen? Sicher war, dass Adenauer jetzt „Nägel mit Köpfen“ machen wollte. Damit wechselte die Beleuchtung der ganzen Szene.

Die Skeptiker in CDU und Regierung schienen verstummt. Adenauer selbst schwieg – abgesehen von ein paar Worten, die er in einige Mikrofone sprach, die man ihm immer entgegenhielt: „Meine Herren, es geht um Deutschland und Frankreich. Drei Kriege in drei Generationen. Das soll endgültig Vergangenheit sein. Darum geht’s“. Auch die Minister mit Nato-Präferenzen stimmten zu. Die Atmosphäre einer „historischen Stunde“ breitete sich aus.

Jetzt sah man nur noch Probleme auf der kleinsten materiellen Ebene: beim Schreibpapier. Man hatte aus Bonn keine Bogen mitgebracht mit schmalem schwarz-rot-goldenem Rand, auf denen Staatsverträge geschrieben werden. Man entschied sich für französische Bogen: weiss mit rotem Rand. Der Text musste in blaues Leder eingebunden sein. Das schien schwieriger. Aber man fand schließlich eine passende Mappe beim Nobelausstatter „Hèrmes“.

Ich verfolgte das mehr als „Schlachtenbummler". Die „Tagesschau“ kannte noch keine aktuellen Überspielungen. Sie bediente sich aus dem Austausch-Angebot der europäischen Anstalten. Ich hatte mir von der ARD ein Angebot an die ORTF, das französische Fernsehen, mitgeben lassen für eine Koproduktion über den Ersten Weltkrieg, an dessen Beginn vor fünfzig Jahren man im nächsten Jahr erinnern werde. Sie kam zustande und wurde Anfang September 1964 an zwei Abenden in beiden Ländern textgleich ausgestrahlt. Gegenüber allen Zweiflern argumentierten wir, dieser Krieg sei der hasserfüllte Höhepunkt von 75 Jahren „Erbfeindschaft“ gewesen. Eine gemeinsame Darstellung sei nun möglich und könne wie eine Austreibung böser Geister wirken.

Die erste redaktionelle Besprechung war zufällig für die Stunde der Unterzeichnung des Vertrags angesetzt. Wir sahen die Bilder der Fernsehübertragung. Als de Gaulle Adenauer umarmte und ihm die „Akkolade“ gab, den Bruderkuss, waren wir uns einig, dies sei das „Bild des Tages“. Für Adenauer war es das Bild des Jahres, in dem er, angeschlagen, aber souverän wie immer, die Regierungsgeschäfte niederlegte.

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