Zeitung Heute : Das Bildnis des Leidens

„Ich komme aus einem fernen Land“, waren seine ersten Worte als Papst. Deshalb suchte er Ferne zu überwinden: durch Reisen, durch Versöhnung mit anderen Religionen. Johannes Paul II. wurde zum nimmermüden Globalisierer des Katholizismus

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Es waren Bilder der Verzweiflung: Johannes Paul II. am Fenster seines Arbeitszimmers. Die Kameras sind auf ihn gerichtet, eine Milliarde Menschen vor den Fernsehgeräten, 150000 unten auf dem Petersplatz. Es ist Ostersonntag, zwölf Uhr. Urbi et orbi, der Papst spendet den Segen. Er öffnet die Lippen, aber kein verständlicher Ton will von ihnen kommen. Er versucht es wieder und wieder, sein Gesicht verzerrt sich, Anstrengung ist darauf geschrieben und Vergeblichkeit. Der Papst bleibt ohne Worte. Dann dreht eine Hand das Mikrofon weg, der Vorhang hinter dem Fenster wird geschlossen.

Drei Tage später ist der Papst noch einmal am Fenster. Wieder versucht er zu sprechen, wieder scheitert sein Bemühen. Es sind die letzten Bilder von Papst Johannes Paul II, die die Öffentlichkeit zu Gesicht bekam. Und sie ähneln jenen Bildern, die in den vergangenen Monaten und Jahren immer wieder zu sehen waren. Der Papst war ein Bildnis des Leidens geworden. Des öffentlichen Leidens. Tief zusammengesunken, den Kopf schief gelegt, das Gesicht in zitternden Händen, die Augen geschlossen oder zu Schlitzen verengt. Und die Gebrechlichkeit des Körpers war wie die Brüchigkeit der Stimme. Mühsam suchten sich die Worte Bahn, verwirrten sich, glitten ab in ein Murmeln und Stammeln, lösten sich auf in ein quälendes Schweigen.

Es waren die Bilder eines Mannes an der Grenze seiner Kräfte, in der Tiefe seines Leidens. Und es waren gleichzeitig die Bilder eines Papstes auf der Höhe seines Ruhmes. Je mehr seine Gesundheit schwand, umso mächtiger schien seine Strahlkraft zu werden. Besonders die Jungen waren es, die Ehrfurcht empfanden, Rührung und Bewunderung, wenn dieser alte Mann, der gekrümmte Greis zu ihnen sprach, zumeist im Rollstuhl.

Als sich am 16. Oktober 1978 das römische Konklave nach acht Wahlgängen überraschend auf den damaligen Krakauer Kardinal Karol Wojtyla als neuen Papst geeinigt hatte, ging die Nachricht als Sensation um die Welt. Für die 111 Kardinäle war der weitgehend unbekannte Pole ein Kompromisskandidat. Heute zählt sein 26-jähriges Pontifikat zu den längsten und spektakulärsten der Kirchengeschichte. Erstmals seit 1522 hatte wieder ein Nichtitaliener den Stuhl Petri bestiegen, ein Pole, ein Mann aus dem damals kommunistisch beherrschten Osten. „Ich komme aus einem fernen, so fernen Land“, waren seine ersten Worte als Papst. Solche Ferne zu überwinden schien sein allererstes Anliegen zu sein. So wurde Karol Wojtyla zum Reisenden in Sachen Religion, zum nimmermüden Globalisierer des Katholizismus.

129 Länder hat er auf 104 Reisen besucht. Sie wurden Triumphzüge. Es wuchs eine Hoffnung auf einen Aufbruch, auf eine Kirche, die aus den engen Mauern des Vatikans hinaus in die Welt geht und an dieser Welt Anteil nimmt wie noch nie zuvor. Und dieser junge Papst mit seinen 58 Jahren schien solche Hoffnungen aufs Schönste zu beflügeln. „Öffnet, nein, reißt die Türen auf für Christus“, rief er bei seinem ersten Gottesdienst als Papst den Gläubigen auf dem Petersplatz zu. Was für ein vitaler Mann, fanden diese, wie warmherzig und freundlich. Und man berichtete sich Erstaunliches: Schauspieler sei dieser Wojtyla gewesen in jungen Jahren, Skifahrer, Bergsteiger, Gedichte habe er gar geschrieben. Und bei seinem Oster- und Weihnachtssegen schickte er Wünsche um den Erdkreis in schier unzähligen Sprachen. Ein Papst von dieser Welt.

Und diese Welt hielt den Atem an, als ihn am 31. Mai 1981 die Schüsse des Türken Mehmet Ali Agca trafen. Ein Attentat, dessen Gründe und Hintergründe bis heute nicht aufgeklärt sind, um das sich die seltsamsten Gerüchte von KGB bis CIA ranken. Und das die Aura des Johannes Paul II. noch strahlender machte, als sie in jenen Jahren ohnehin war. Ein Attentat aber auch, das Verletzungen schuf, die ihn ein Leben lang quälten.

Seine Reisen machten Karol Wojtyla zu einem Mann, den so viele Menschen live gesehen haben wie noch nie einen anderen zuvor. In Rom empfing er mehr als 17 Millionen Menschen in seinen weit über 1000 Generalaudienzen.

Umjubelt wie nirgendwo sonst war er in seiner Heimat Polen. Neun Mal besuchte er das Land. Erstmals 1979, gleich nach seiner Wahl, schon da wurde klar, dass dieser Papst neben seinem geistlichen auch ein politisches Anliegen hatte, auch wenn er immer wieder betonte, dass seine Mission rein spiritueller Art sei. Aber der Schrecken der Diktaturen – der Nazis und der Kommunisten – hatte früh den Mut zum Widerstand in ihm entzündet. Johannes Paul II. war Geburtshelfer der Gewerkschaft „Solidarnosc“, viele nennen ihn unter den Wegbereitern des Umbruchs von 1989 nach Michail Gorbatschow an zweiter Stelle.

Karol Wojtyla wurde am 18. Mai 1920 in Wadowice am Fuß der Beskiden geboren. Sein Vater war Eisenbahner, seine Mutter litauischer Abstammung. Sie starb, als er neun Jahr alt war. Wojtyla, ein ausgezeichneter Schüler und guter Sportler, studierte von 1938 an zunächst Philosophie und Literatur an der Universität Krakau. Er war in literarischen Zirkeln aktiv und gehörte zu den Gründern des Krakauer „Rhapsurdischen Theaters“. Dort führten er und seine Freunde während der Zeit der nationalsozialistischen Okkupation vorwiegend Stücke und Texte aus der Epoche der polnischen Romantik auf, also aus einer Zeit, als Polen nicht als selbstständiger Staat existierte und die Dichter die einzigen Hoffnungsträger nationaler Sehnsüchte waren.

Während der Kriegsjahre schuftete er in den Kaligruben der Chemiefabrik Solvay. Damals erwachte sein Interesse an Theologie, und er meldete sich zum Studium an der Krakauer Untergrunduniversität. Am 1. November 1946 empfing Wojtyla die Priesterweihe und wechselte danach zu weiteren Studien an die päpstliche Universität Angelicum nach Rom, wo zu seinen Lehrern der französische Dominikaner Garrigou-Lagrange gehörte, ein kompromissloser Traditionalist.

In den Ferien arbeitete der spätere Papst als Seelsorger unter polnischen Arbeitern in Nordfrankreich und Belgien. Ende 1948 kehrte er nach Polen zurück und schloss sein Theologiestudium 1951 ab mit einer Dissertation zu dem Thema „Das Glaubensproblem in den Schriften des heiligen Johannes vom Kreuz“, eines spanischen Mystikers und Kirchenlehrers des 16. Jahrhunderts. Zwei Jahre später habilitierte er sich mit einer Arbeit über katholische Ethik .

Nebenbei ging er weiter seinen künstlerischen und literarischen Neigungen nach. Fünf Dramen hat er in den Jahren 1940 bis 1964 verfasst, in denen er sich – durch den seiner Heimat Polen aufgezwungenen Kommunismus herausgefordert – mit dem Verhältnis von Marxismus und Christentum oder, wie er sich ausdrückt, von Revolution und Barmherzigkeit als Reaktion auf soziale Missstände auseinander setzte. Viele Gedanken des jungen polnischen Klerikers haben Eingang gefunden in die scharfen Sozialpredigten des späteren Papstes.

Im November 1980 kam der polnische Papst auch nach Deutschland. Köln, Mainz, München – auch dies eine Reise, die Euphorie bei den Katholiken auslöste und bei den anderen zumindest Sympathie. 1987 und 1996 kam der Papst wieder. Nun aber hatte sich die Stimmung gewendet, von der Euphorie des Anfangs war kaum mehr etwas zu spüren. Allzu sehr hatte man sich inzwischen an die Inszenierung dieser Reisen gewöhnt, an die ritualisierten Gesten, etwa den Bodenkuss am Flughafen beim Betreten des besuchten Landes. Was einst als Ausdruck der Demut gefeiert wurde, schien nun vielen allzu medienwirksames Kalkül.

Und noch etwas hatte sich verändert: Deutlich war mittlerweile geworden, dass dieser Papst keineswegs willens war, sich bei seinem Weg in die Welt den Niederungen des Weltlichen allzu sehr hinzugeben. Keinerlei Bereitschaft zeigte er, die Lehre der Kirche aus der Enge der traditionellen Moraltheologie herauszuführen. Ganz im Gegenteil: In seiner Moralenzyklika „Veritatis Splendor“ und in dem neuen Weltkatechismus versuchte Johannes Paul II., das dogmatische Kirchengebäude noch einmal ausdrücklich und demonstrativ zu befestigen.

Zu der doktrinären Unbeweglichkeit bei der Sexualmoral kamen andere autoritäre Weisungen wie das harte Nein des Papstes in Fragen des Zölibats, der Scheidung, der Eucharistiegemeinschaft mit den Protestanten und des Frauenpriestertums. Autokratisch hat er den Dissens unterbunden und Dissidenten gemaßregelt.Speziell in der deutschen Kirche löste die Anordnung des Papstes, das System der staatlichen Schwangerschaftsberatung zu verlassen, anhaltende Turbulenzen aus. Einen konservativen, ja reaktionären Dickschädel nannten ihn viele, und die Kritik an seinem zentralistischen Kurs wurde immer heftiger. Bischofs- und Kardinalsernennungen schienen mitunter einer rücksichtslosen politischen Absicht zu folgen und führten in den späten 80er Jahren besonders in der Schweiz, in Österrei5ch und Deutschland zu Unruhe. Über die Köpfe der Ortskirchen hinweg kamen dabei meist Männer zum Zuge, die sich eher als marienfromme Wallfahrtsmeister, nicht aber als theologische Vordenker oder kirchenpolitische Köpfe einen Namen gemacht hatten. Lange schwelende Konflikte und Resignation selbst bei loyalen Gemeindechristen waren die Folgen. Bei den Kirchen in Afrika, Asien und Lateinamerika wuchs das Unbehagen gegenüber der europäisch-römischen Zentrierung des Katholizismus. Und so galt der Papst, der zu Beginn seines Pontifikats für den Aufbruch in die Welt stand, als eiserner Wärter, der den Schlüssel des Petrus dazu gebrauchte, das Reich Gottes vor jeglichen irdischen Anfechtungen abzusperren.

Genau diese unbeirrbare Konsequenz aber ist es offenbar gewesen, die in den vergangenen Jahren das Ansehen des Papstes wieder zu neuen Höhen brachte, ja, die Popularität der frühen Jahre noch übertreffen ließ. Die Unübersichtlichkeit und Beliebigkeit der modernen Zeiten schufen mehr und mehr Bedürfnisse nach unmodernen Beharrungskräften, nach Sinnstiftung, nach moralischer Instanz. Ein immer wiederkehrendes Leitmotiv in allen Reden des Papstes auf seinen Auslandsreisen war die schonungslose Kritik an Ungerechtigkeit. Seine Sozialenzykliken hielten nicht nur Distanz zur kommunistischen Wirtschaftsordnung, sondern auch zur kapitalistischen. Mehr als alle seine Vorgänger betonte er das Recht jedes Menschen auf Arbeit, nicht nur weil sie dem Einzelnen erst die Teilnahme am Leben der Gesellschaft eröffnet, sondern ihm auch bei angemessenem Lohn die Würde verschafft, sich aus eigener Kraft zu ernähren. Dem Recht auf Privateigentum, der heiligen Kuh westlicher Gesellschaften, räumte Johannes Paul II. dagegen einen deutlich geringeren Stellenwert ein. Gleichzeitig warnte er die aus den kommunistischen Diktaturen Osteuropas hervorgegangenen jungen Demokratien vor dem blinden Glauben, allein der Markt werde aus sich heraus schon soziale Gerechtigkeit schaffen.

Und dann kamen jene Tage, die Johannes Paul II. eine Hochachtung der ganz besonderen Art eintrugen. Schon kurz nach seiner Wahl hatte er davon geredet, von einem seiner größten Wünsche: einer Reise ins Heilige Land. Immer wieder hatte er sie aufgeschoben, im Jahr 2000 endlich war es so weit. Er gestaltete diese Pilgerreise zu einem welthistorischen Ereignis. Es begann kurz vor Reisebeginn mit seinem spektakulären Schuldbekenntnis im Petersdom. Im Namen der katholischen Kirche bittet der Papst das jüdische Volk um Verzeihung für „das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen“. Und schließlich der Besuch selbst – Johannes Paul II. stand dort, wo Christus gestanden hatte, am See Genezareth, am Ort der Bergpredigt, und feierte eine Messe, zu der 100000 Menschen kamen.

Die Stationen seiner Reise hätten nicht gegensätzlicher sein können: Besuch im Felsendom von Jerusalem, Versöhnungsgebet an der Klagemauer („die Tragödie der Juden“), Gottesdienst in der Grabeskirche, Besuch in der palästinensischen Stadt Bethlehem und der Gang zur Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem. Er beklagte mit bewegenden Worten die Opfer des Holocausts sowie Hass, Verfolgung und Antisemitismus von Seiten der Christen gegen die Juden – „unsere älteren Brüder“. Genauso nachdrücklich aber forderte er für die Palästinenser ein Leben in Würde und Selbstbestimmung. Wie keiner seiner 264 Vorgänger setzte er sich für die Aussöhnung zwischen Christen und Juden ein. Und im Jahr darauf folgte die Zuwendung zur dritten großen monotheistischen Religion, zum Islam. Es war im Jahr 2001 in Damaskus, dass zum ersten Mal in der Geschichte ein Papst seinen Fuß in eine Moschee setzte.

Zuletzt aber war es die Haltung des Papstes zum Irakkrieg, die ihn bei vielen zu einer Instanz neuer Größe aufbaute, geradezu zum Sprecher eines Weltgewissens. Am 17. Januar 2003, beim Neujahrsempfang der beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomaten, sagte er einen denkwürdigen Satz, der fortan wieder und wieder auf Friedensdemonstrationen zitiert wurde: „Der Krieg ist niemals ein unausweichliches Verhängnis, das einfach so über uns kommt. Er ist immer eine Niederlage der Menschheit.“ Der Papst sagte das mit der Autorität eines Mannes, der selbst einen Weltkrieg miterlebt und dessen Elternhaus wenige Kilometer von Auschwitz entfernt gestanden hat.

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