Zeitung Heute : Das Blankeneser Paradox

Wann haben Friedensforscher Hochkonjunktur? – immer, wenn kein Frieden ist

Norbert Thomma[Hamburg]

Wenn in Bagdad Bomben und Raketen detonieren, verursacht das auch in Hamburg-Blankenese ein leichtes Beben. Susanne Bund spürt das an ihrem Telefon, 3519 Kilometer Luftlinie von der irakischen Hauptstadt entfernt. Es klingelt, und jemand fragt nach dem Entstehen von Sandstürmen. Frau Bund sagt, wir sind doch keine Meteorologen. Es klingelt, und der Anrufer sorgt sich um humanitäre Hilfe. Frau Bund verweist ans Rote Kreuz und schnippt Asche in einen Elefanten aus Keramik. Sie macht die Öffentlichkeitsarbeit am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik.

Ein friedliches Idyll ist das, am Falkenstein1, feinste hanseatische Wohnlage. Die einstöckige Villa ist weiß gekalkt. Braune Fensterläden geben dem Gebäude etwas Wehrhaftes. Im Garten glänzt grüner Rhododendron mit prallen Knospen. Drinnen sitzen dicht gedrängt Wissenschaftler. General Graf Baudissin war 1971 der erste Direktor hier, später folgte Egon Bahr. Wer heute die Zimmer der Experten abklappert, Dr. Mutz, Prof. Giessmann, Dr. Ehrhart, der hört irgendwann den Satz: „Es ist zynisch, aber…“

Es ist eigentlich nicht zynisch, es ist paradox. Im Krieg haben die Friedensforscher Hochkonjunktur. Plötzlich wollen alle etwas wissen. Und Frau Bund, 47, lenkt souverän und qualmend den Strom der Bitten und Anfragen. Online-Dienste, Vorträge, Interviews, Talkshows, Diskussionen, Zeitungsbeiträge, Rundfunk, Fernsehen. Jedem Anruf folgt ein Eintrag ins Ringbuch. Dazu kommen die vielen Irrläufer, die das Institut mit der Friedensbewegung verwechseln oder Flüchtlingen helfen wollen. Richtig in Ruhe arbeiten können im Institut derzeit nur die OSZE-Fachleute. OSZE interessiert derzeit kein Schwein.

Professor Giessmann wiederum ist für Susanne Bund „so eine Art Allzweckwaffe“. Er ist der Fernsehmann. Im Kosovo-Krieg war er alleine Dutzende Male auf Sendung. Durch den stellvertretenden Direktor lässt sich auch eine TV-Runde mit Bundesminister „auf Augenhöhe“ besetzen. Doktor Mutz erledigt vom Schreibtisch aus meist die Radiosender, er ist mit der Leitung des Instituts stark eingespannt. Weniger erfahrene Mitarbeiter werden verteilt auf Gewerkschaften, Schulen und untere Parteigliederungen. Doch, doch, auch die jüngeren Friedensforscher sind inhaltlich fit und argumentativ sattelfest, aber so ein Live-Interview ist schon etwas Spezielles. „Es mag komisch klingen“, sagt Frau Bund, „aber jede große Krise macht zwei bis drei Mitarbeiter medienfest.“

Und Frau Bund ist der Seismograf für die Weltpolitik. Ihr Telefon ist das Alarmsignal für Terror und Krieg. Sie sitzt in einem winzigen, schmucklosen Büro, zwei Regale mit Ordnern, Schreibtisch und Computer, ein Elefant als Brillenhalter. Der Drucker wirft ein Balkendiagramm aus, die Statistik der medialen Begehrlichkeit an den Friedensforschern.

Das Papier zeigt: 1990, die große Ruhe. Der Westen triumphierte, der Osten lag in Agonie. Damals wurde ernsthaft darüber spekuliert, ob man die Friedensforschung nicht einstellen solle. Dem Kalten Krieg würde nun wohliges Einvernehmen folgen. Nur 200 Anfragen damals bei den Wissenschaftlern. Ein Jahr danach der Golfkrieg von Papa Bush, zack, mehr als doppelt so viel Telefongeklingel. Dann Stabilität auf höherem Niveau, 1995 das Dayton-Abkommen mit ordentlichem Zuwachs. Kosovo-Krieg 1999, eine gewaltige Eruption an medialem Interesse. Der 11. September brachte dem Institut einen All-Time-Spitzenwert.

Im Moment ist Professor Giessmann im Haus. Er ist 48, leger im grauen Hemd, mit grauen Raspelhaaren. Wenn er aus dem Fenster schaut, sieht er auf kahle Eichen, Buchen, Birken, einige Fichten stehen dazwischen. Durch die Bäume schimmert die Elbe. „Wir arbeiten hier auch“, sagt der Professor. Er kennt die neidischen Blicke der Besucher.

Der Krieg. Was da zwischen Kuwait und der Türkei gerade passiert, sagt Giessmann, sorge im Institut für „einen mehrfachen Einschlag“. Modelle für den Frieden sind derzeit wenig in Mode. Und die eigene Arbeit leidet, weil ein Drittel der Zeit für öffentliche Auftritte draufgehe. Das ist einerseits prima Werbung für das Institut. Andererseits sollen die Forscher Fragen beantworten wie: Was ist Saddams Strategie? Oder es kommt zu solchen Dialogen zwischen TV-Moderator und Wissenschaftler: „War das der echte Saddam im Fernsehen?“ – „Ich weiß es nicht, ich bin kein Mediziner.“ – „Und was vermuten Sie…?“

Auf den Regalbrettern stehen die selbst verfassten Bände, Meter um Meter, die Resultate von mehr als 30 Jahren. Dissertationen. OSZE-Jahrbuch, Sicherheits-Handbuch – alles regelmäßige Publikationen. Die oft zitierte Wendung „Die Stärke des Rechts anstatt des Rechts des Stärkeren“ soll in diesen Räumen erdacht worden sein. Noch im Februar hat das Institut außer der Reihe eine Stellungnahme zum Irak herausgegeben, zwölf Seiten auf himmelblauem Papier, Fakten, Analyse, Alternativen. Und jetzt? Sinnkrise? So weit will Giessmann nicht gehen. Aber eine „frustrierende Wirkung“ hätten B52-Bomber und Cruise Missiles schon. 1989 die Hoffnung auf eine vernünftige Entwicklung der Welt, und längst schon sickert wieder militärisches Denken in alle Köpfe. Der Wunsch nach simplen Lösungen.

Im Erdgeschoss sitzen an diesem Nachmittag 30 Studenten auf braunen Stühlen und folgen dem Vortrag „Der Einfluss des Radiosenders RTLM auf den Völkermord in Ruanda“. Es wird debattiert: Wäre durch die Störung des Senders das Gemetzel verhindert worden? Gäbe es rechtliche Grundlagen dafür? Wo ist die Grenze zwischen freier Rede und Volksverhetzung? Wer befindet darüber, die Vereinten Nationen, die USA?

Die Sonne scheint wärmend in den weiß und minzgrün gestrichenen Raum. Nach der Diskussion werden zwei Tische zusammengestellt, es gibt Sekt, Käsestangen, Erdnüsse und Tiramisu. Der Kaukasus-Spezialist feiert seine Promotion. Professor Giessmann bekommt nichts davon ab, er ist unterwegs ins Studio des NDR.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben