Zeitung Heute : Das Börsenparkett kennt keine Moral

HEIKE JAHBERG

Der DAX boomt: Der Handel mit Aktien und Optionen hat aber längst jeden Bezug zur ökonomischen Realität verloren.VON HEIKE JAHBERGDie Bedeutung des Geldes", schrieb der Ökonom John Maynard Keynes im Jahre 1936, "liegt entscheidend darin, daß es eine Brücke zwischen Gegenwart und Zukunft herstellt".Wer zuversichtlich in die Zukunft sieht, investiert, wer dagegen den kommenden Zeiten mißtraut, hält sein Geld zusammen oder steckt es in vermeintlich sichere Werte wie Immobilien oder Gold.Ginge es streng nach Keynes, müßten wir Deutschen vor Optimismus strotzen.Die Aktienmärkte boomen, der Deutsche Aktien-Index klettert von Rekord zu Rekord.Nachdem das wichtigste deutsche Börsenbarometer Mitte der Woche die Schallmauer von 4000 Punkten durchbrochen hat, sind die Analysten kaum mehr zu bremsen.Obwohl am Tag nach dem Höhenrausch erst einmal Ernüchterung eingesetzt hat, soll der Trend anhalten: 4400 Punkte zum Jahresende seien möglich.Solche Prognosen hätte vor einem Jahr noch niemand gewagt. Doch Keynes irrt.Das Auf und Ab an der Börse gründet sich nicht etwa auf das Vertrauen in die deutsche Wirtschaft.Im Gegenteil.Der Handel mit Aktien und Optionen hat längst jeden Bezug zur ökonomischen Realität verloren.Wir erinnern uns: Der Dax setzte zu seinem allmählichen Aufstieg in jenen Nach-Wende-Jahren an, als die deutsch-deutsch-Sonderkonjunktur bereits auszulaufen begann, und der Wirtschaftslokomotive allmählich der Dampf ausging.Die Unternehmer reagierten und setzten massenhaft Mitarbeiter auf die Straße: Während sich die Börsianer die Hände reiben, wuchs und wächst der Sockel derjenigen, die im Börsenwunderland Deutschland keine Arbeit mehr finden. Hohe Arbeitslosigkeit, so weiß eine alte Börsenregel, ist gut fürs Geschäft.Denn wenn die Wirtschaft nicht vom Fleck kommt, stehen die Notenbanken in der Pflicht, mit Zinssenkungen die Konjunktur anzukurbeln.Konsequenz: Die Anlage in festverzinslichen Wertpapieren wird unattraktiver, die Aktie profitiert.Und auch wenn Unternehmen rationalisieren, freut das die Aktienhändler: Konzerne, die sich mehr dem Wohle des Aktionärs verpflichtet fühlen, als nach einem Ausgleich zwischen Kapitaleignern und Belegschaft zu streben, versprechen hohe Renditen.Für Moral ist auf dem Börsenparkett kein Platz. Und doch gehen die altbekannten Erklärungsmuster fehl.Wie etwa passen die niedrigen Arbeitslosenzahlen in den USA zur - wenn auch zunehmend labileren - Hausse an der Wall Street? Und es sind eben nicht nur die Firmen, die sich am Shareholder-Value-Prinzip orientieren, die im Aktiensog mit nach vorne gespült werden.Stehen die Zeichen erst einmal auf "Kaufen", werden auch höchst mittelmäßige Unternehmen mitgezogen.Angesteckt vom Börsenfieber überlegen selbst vorsichtige Anleger, ob sie auf den Zug aufspringen sollten.Hinzukommt, daß echte Anlagealternativen fehlen: Wertpapiere werfen kaum Zinsen ab, das Gold hat seinen Glanz verloren, und die Immobilienpreise rutschen. Doch wer an der Börse mitspekuliert, läßt sich auf ein Spiel ein, dessen Regeln andere bestimmen.Denn der Börsenboom lebt von der Entkoppelung von Geld und Produktion.Hatten unsere Vorfahren einst noch Ware gegen Ware getauscht, bezahlte man später mit Gold, dann mit Geld.Heute haben wir eine weitere Stufe erreicht - das Geld ist zum Selbstzweck geworden.Losgelöst von geleisteter Arbeit oder produzierten Waren wird das Kapital eingesetzt, um neues Kapital zu gewinnen, das dann wieder eingesetzt wird, um weitere Gewinne zu erzielen.Rund um den Globus vagabundieren gigantische Geldströme, die institutionelle Anleger - Investment- und Pensionsfonds, Versicherungen - für ihre Kunden investieren.Die Macht dieser Finanzgiganten übersteigt selbst den Einfluß der Notenbanken: Als im Jahre 1992 das Europäische Währungssystem bis ins Mark erschüttert wurde, konnten die Währungshüter den Spekulanten nicht mehr Paroli bieten. Es nimmt sich rührend aus, wenn die Analysten weiterhin brav nach Gründen für den Erfolg der Aktie suchen.Eine verläßliche Antwort werden sie nicht geben können.Denn längst hat das Kapital die Regie übernommen: Unbeeindruckt von nationalen Grenzen und Gesetzen, ethischen wie ökologischen Bedenken strebt das Geld ungehindert einem Zweck zu - der Gewinnmaximierung.Ohne einen Seitenblick darauf zu verschwenden, wer auf der Strecke bleibt.

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