Zeitung Heute : Das Böse besiegen

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Im Alter von drei Jahren sind Gut und Böse nur durch eine grüne Grenze voneinander getrennt. Das Gewissen hat noch keine Mauern gezogen, und deshalb ist Emma viel auf Reisen zwischen diesen unentdeckten Zonen. Vor ein paar Tagen bat sie mich in ihr Kinderzimmer. „Mein Buch ist kaputt“, sagte sie. Sie hatte einige Seiten von „Michel aus Lönneberga“ eingerissen. „Du musst das Buch wieder kleben“, forderte Emma. Mit drei Jahren sind die meisten Dinge, die schief laufen im Leben, noch zu kleben.

„Man macht keine Bücher kaputt“, sagte ich zu Emma. Sie sah mich nachdenklich an und entgegnete: „Hitler hat die Bücher kaputtgemacht.“ Der Deutsche als Erzieher, dachte ich. Mir grauste vor mir. Vor drei Wochen waren wir auf dem Weihnachtsmarkt am Opernpalais gewesen, anschließend war Emma auf dem Bebelplatz über dem Denkmal der leeren Bibliothek stehen geblieben und hatte hinabgeschaut in die strahlend weißen Regale. Da hatte ich ihr erklärt, dass hier einmal ein böser Mann, der Hitler hieß, Bücher hatte verbrennen lassen, die ihm nicht gefielen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass sie anfangen würde, ihre eigenen Bücher zu zerstören. Anscheinend eignet sich dieser Hitler für die vorschulische Erziehung nur bedingt als Paradebösewicht – Hexen und Wölfe wirken offenbar abschreckender.

Das Ungetüm mit dem Bürstenbärtchen bleibt auch als Erziehungsmittel eine unberechenbare Gefahr. Ich erinnere mich an einen Abend, als meine Frau und ich zu Hause „Triumph des Willens“, den Leni-Riefenstahl-Film über den Nazi-Parteitag, auf Video anschauten. Emma war damals gerade eineinhalb und konnte nicht einschlafen, also durfte sie zwischen uns auf dem Sofa liegen. Nachdem auf dem Bildschirm eine Weile lang die Nazi-Kohorten durch Nürnberg marschiert waren, stand das Kind unvermittelt auf, hob den rechten Arm und rief: „Hei“. Wir haben den Film sofort ausgemacht.

Kürzlich saß Emma hinten im Auto, im Radio liefen Nachrichten über Iran, und das Kind sagte: „Mach-mut-Ama-dine-dschad“. Fast akzentfrei. Ich muss Emma wohl dringend erklären, was eine Atombombe anrichten kann.

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