Zeitung Heute : Das Böse im Namen des Guten

GÜNTHER GRACK

Nach jahrzehntelangem Verbot wieder auf der Bühne: "Die Maßnahme", das Lehrstück von Bertolt Brecht und Hanns Eisler, im Berliner EnsembleVON GÜNTHER GRACKWie würden Sie entscheiden? Ist es zu rechtfertigen, im Dienst der Weltrevolution das Leben eines Menschen zu opfern? Ein Stoßtrupp kommunistischer Agitatoren, aus China in die UdSSR zurückgekehrt, steht vor einem Parteigericht.Die vier Genossen haben in der Gefahr, entdeckt zu werden, einen fünften, den jüngsten, erschossen und in eine Kalkgrube geworfen, wo der Kalk den Leichnam bis zur Unkenntlichkeit verbrannt hat."Fünf Minuten im Angesicht der Verfolger dachten wir nach über eine bessere Möglichkeit", erklären sie vor dem Parteigericht."Auch ihr jetzt denkt nach über eine bessere Möglichkeit." Bertolt Brechts Lehrstück "Die Maßnahme" ist damit kurz vor seinem Ende angelangt."Pause" schreibt der Autor an dieser Stelle vor, worauf es im Text weitergeht: "Also beschlossen wir: jetzt abzuschneiden den eigenen Fuß vom Körper." Am Berliner Ensemble hat der Regisseur Klaus Emmerich die Regieanweisung ernster genommen, als Brecht sie sich gedacht haben dürfte: Emmerich dehnt die Pause minutenlang aus und läßt dazu im Zuschauerraum das Licht angehen.Nicht nur die Parteigenossen sollen über eine "bessere Möglichkeit" nachdenken, auch wir sollen es tun: Wie würden Sie entscheiden? Diese Denkpause ist der wohl eindringlichste Moment in einer Aufführung, mit der "Die Maßnahme" nach langer Zwangspause erstmals auf die Bühne zurückkehrt.Mit der Begründung, Aufführungen vor Publikum riefen "erfahrungsgemäß nichts als moralische Affekte für gewöhnlich minderer Art" bei den Zuschauern hervor, hatte Brecht das Werk für die Bühnen gesperrt, und Hanns Eisler hatte sich diesem Verbot angeschlossen.Ein Schritt, der ihm nicht leichtgefallen sein mag, hatte er doch die Musik zur "Maßnahme" als einen Beitrag dazu verstanden, daß "die großartigen Aufgaben, die der Klassenkampf der Musik stellt, erfüllt werden können" - so in der "Welt am Abend" vom 9.Mai 1931.Ein halbes Jahr zuvor, am 13.Dezember 1930, war "Die Maßnahme" in der Berliner Philharmonie als Nachtvorstellung uraufgeführt worden; wenig später wurde sie in einer Matinee im Großen Schauspielhaus zugunsten der "Roten Hilfe" einmalig wiederholt.Schon dies waren Unternehmungen, die zu dem Begriff des Lehrstücks, wie Brecht ihn verstand, eigentlich nicht passen: "Die Maßnahme", so in einem Brief aus dem Todesjahr 1956, sei "nicht für Zuschauer geschrieben worden, sondern für die Belehrung der Aufführenden".Welch ein sonderbar theoretischer Gedanke für einen Theaterpraktiker wie Brecht! Mit seinem "Lob der U.S.S.R." und seinem "Lob der Partei" ist "Die Maßnahme" ein lupenreines Stück Kommunismus, freilich eines der prästalinistischen Art - entstanden in Unkenntnis der späteren Greuel, für die der Opfertod eines einzelnen Genossen nichts, aber auch gar nichts sein wird."Er wollte das Richtige und tat das Falsche", argumentieren die vier Agitatoren vor dem sogenannten Kontrollchor, das heißt dem Parteigericht, stellen sich selbstsicher seinem Urteil über ihre Maßnahme und und spielen zwecks Beweisführung, wie richtig sie sich verhalten haben, die vier Situationen nach, in denen der junge Genosse einen Fehler nach dem anderen gemacht und schließlich die ganze revolutionäre Bewegung gefährdet hat."Furchtbar ist es, zu töten", resümieren sie."Aber nicht andere nur, auch uns töten wir, wenn es nottut, da doch nur mit Gewalt diese tötende Welt zu ändern ist." Dem Berliner Ensemble, das "Die Maßnahme" in Zusammenarbeit mit den Berliner Festwochen und dem Bayerischen Staatsschauspiel herausgebracht hat, erscheint das Stück "so fern wie eine griechische Tragödie".Eine Beleidigung für die Herren Aischylos et cetera, an deren Größe unser Stückeschreiber nicht heranreicht.Gewiß, den hohen Ton erklimmt seine Sprache immer mal wieder; was Brecht indes nicht gelingt, ist die zwingende Konsequenz der Handlungsführung.Der junge Genosse, der sich im Untergrundkampf kühlen Kopfes auf die Propaganda beschränken soll, läßt sich durch sein Herz zu Mitleid und Empörung hinreißen; die Situationen aber, die dies in Konfrontationen mit Reiskahnschleppern, streikenden Textilarbeitern, einem skrupellosen Großhändler und aufbegehrenden Arbeitslosen zeigen, muten mühsam konstruiert an, herbeigezogen "an den Haaren einer Glatze", wie 1931 schon die Wiener "Front" monierte. Und so, künstlich gestellt, sehen sie sich auch auf der Bühne des BE an, wobei die Regie das Hölzern-Gebastelte bewußt unterstreicht - einer der vier jungen Leute, die sich in den Rollen der Agitatoren und des jungen Genossen abwechseln, gibt sich auffällig linkisch.Eigentlich sind die vier ja die einzigen, die in diesem Oratorium so etwas wie Bewegungsspielraum haben; hinzu kommt allenfalls ein Tenor (Götz Schulte), der, das Haar pomadisiert, im Frack ans Mikrophon tritt, um zum Beispiel den "Song von der Ware" vorzutragen, aus dem hintergründigen Dunkel der Bühne begleitet vom Kammerensemble Neue Musik Berlin: "Ich weiß nicht, was ein Mensch ist, ich kenne nur seinen Preis", und die gestopfte Trompete macht dazu "Wau-wau".Über Roland Kluttig und seinem kleinen Orchester thront der Konzertchor der Staatsoper, der, wiewohl ein Laienensemble, dem Eislerschen Kontrollchor zu professionell wuchtiger Wirkung verhilft und sich auch bewährt, wenn es Sprechchor-Partien zu bewältigen gilt: "Wer für den Kommunismus kämpft ..." Schade um Eislers Musik - Brechts Stück, von den Zeitläuften überholt, hat seine Brisanz verloren.Emmerichs Inszenierung darf sich einige Freiheiten erlauben, eine ironische Brechung, die den linientreuen Text erträglich, weil lächerlich macht.Die vier Säulen aus dem Berliner Ensemble, die da, je zwei, an den Rändern der Bühne sitzen und, Szene für Szene, über die Fehler des jungen Genossen diskutieren, unterlaufen den Text durch verräterische Nachdenklichkeit, listiges Stocken: "Schön ist es, das Wort zu ergreifen im Klassenkampf" - der reine Hohn.Und ein Vergnügen, wenn Christine Gloger sich bei ihrem Lenin-Zitat verhaspelt: "Klug ist nicht, der keine Fehler macht, sondern klug ist, der sie ...schnell zu verbessern versteht." Rührend dagegen, wie Thomas Wendrich die Zustimmung des jungen Genossen zur tödlichen Maßnahme mit einem winzigen Nachhall spricht: "Ja-a?" Der Ja- ist eher ein Neinsager. Wieder am 25.und 26.9., 19.30 Uhr.

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