Zeitung Heute : Das Böse und das Internet

BERND ULRICH

Es gibt leider Anlaß, sich über die Natur des Bösen Gedanken zu machen.Soweit wir wissen, vertreibt ein Kinderpornoring weltweit via Internet Fotos, auf denen Zweijährige vergewaltigt, gefoltert und wahrscheinlich sogar ermordet werden.Es gibt offenbar nicht wenige Menschen, die so etwas tun, und es gibt noch mehr Menschen, die so etwas ansehen wollen.Wir haben es nicht mit vereinzelten Irren zu tun, sondern mit einer Szene der Unmenschlichkeit.Es handelt sich hier auch nicht mehr allein um Pädophilie, also um sexuellen Mißbrauch unter dem Vorwand der Kinderliebe.Es handelt sich um die psychische und physische Zerstörung von Wehrlosen unter dem Rubrum des Sexuellen.

Das Böse sucht sich für gewöhnlich Ausreden.Die Ausrede der Täter kann hier nur sein, daß sie es tun, weil andere es wollen; die Ausrede der Kunden kann nur sein, daß sie es zwar wollen, aber nicht selbst tun.Die Gelegenheit zu den beiden sich gegenseitig ausschließenden Begründungen bietet das Internet, es virtualisiert das Böse und macht es so wahrscheinlicher.Aber erklärt das Grad und Verbreitung dieser Untaten?

Wenn sich ein moralischer Abgrund auftut, suchen wir nach Gründen.Dieses Fragen ist, altmodisch gesprochen, jenes nach der Natur des Bösen - eine weltanschauliche Diskussion.Erstaunlicherweise verkehren sich nach den Enthüllungen aus Holland die üblichen Fronten.Während Konservative sonst davon ausgehen, daß es das Böse immer gibt, nur in verschiedenen Gewändern, suchen sie hier nach gesellschaftlichen Ursachen.Umgekehrt erklären Progressive, die sonst das Böse gern in gesellschaftlichen Ursachen auflösen, daß es sich hier um Ewigmenschliches, Ewigböses handelt, das sich ein modernes elektronisches Gewand überwirft.

Der Grund für diese verkehrten Fronten ist offensichtlich: Wenn hier nach gesellschaftlichen Ursachen zu suchen ist, dann handelt es sich gewiß nicht um Arbeitslosigkeit, Armut oder dergleichen, sondern um die fortschreitende Enttabuisierung des Sexuellen.Man möchte gern hoffen, daß die Progressiven recht haben.Dann wäre das alles ein Randphänomen von ein paar Perversen, deren Wirken bloß durch Internet und Medien überdimensional erscheint.Dann würde man, wie viele Politiker es fordern, die Polizei besser ausstatten, ein paar Gesetze verschärfen und könnte wieder etwas beruhigt sein.

Wer so denkt, verweist gern darauf, Pädophilie habe es schon immer gegeben, sogar bei den alten Griechen.Das überzeugt nicht recht.Zum einen ist nicht erinnerlich, daß in zivilisierten Gesellschaften der Antike oder des Mittelalters Zweijährige vergewaltigt, gefoltert und ermordet wurden.Zum anderen war den Griechen die Vorstellung fremd, daß alle Menschen gleich sind.Diese Idee hat erst jemand erfunden, dessen 2000.Geburtstag demnächst gefeiert wird.Durch ihn erst sind Kinder und Frauen, Barbaren, Griechen und Römer, Behinderte und Kranke zu gleichermaßen vollwertigen Menschen erklärt worden.Darauf fußt bis heute unsere Ethik, darauf beruht der demokratische Rechtsstaat.

Nun ist es in den letzten Jahrzehnten Mode geworden, sexuelle Praktiken, die die Würde und prinzipielle Gleichheit des Menschen in Frage stellen, zu enttabuisieren und irgendwie interessant zu finden.Ist es da sehr unwahrscheinlich, daß diejenigen, die Tabus brauchen, um sich aufzupeitschen, nach immer neuen Schwellen suchen? Trägt die Allgegenwart des Sexuellen in der Werbung und die Aufdringlichkeit des Pornographischen in beinah jedem Hotelzimmer nicht dazu bei, daß der Reiz nach Steigerung sucht? Und droht die Idee von der Unantastbarkeit eines jeden Menschen nicht auch andernorts auszufransen?

Man kann hoffen, das alles habe mit den Perversitäten von Holland nichts zu tun.Aber hoffen reicht nicht.Besser wäre es, sich auf die Unantastbarkeit der menschlichen Würde erneut zu besinnen, sowie den Prozeß der Enttabuisierung und Verallgegenwärtigung des Sexuellen zu bremsen.

Und mehr Polizisten, die sich um das Internet kümmern, brauchen wir natürlich auch.

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