Zeitung Heute : Das Dasein ändern

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

Die alte Frau auf der Treppe blieb stehen und lächelte mich an. „Soso, Sie sind also der neue Mieter hier. Guten Tag, junger Mann, ich wohne direkt unter Ihnen.“ Was für eine freundliche Begrüßung, dachte ich. Und wieder einmal beglückwünschte ich mich dazu, umgezogen zu sein in dieses ehrenwerte Haus mit seinen Stuckdecken im Flur und seinen Kokosläufern vor den Türen. Mein hektisches, proletarisches Leben an der Schönhauser Allee hatte ich hinter mir gelassen. Ich freute mich, nun im ruhigen, bürgerlichen Bötzowviertel zu wohnen. Bis mich die alte, lächelnde Frau fragte: „Sagen Sie mal, junger Mann, müssen Sie immer mit Straßenschuhen übers Parkett laufen?“

Hm, dachte ich da zum ersten Mal in meinem neuen Leben. Und ich fragte mich: Wie soll ich dieser netten Dame beibringen, dass in zehn Tagen über ihrem Wohnzimmer eine Einweihungsparty stattfinden soll? Gewöhnlich kommt zu solchen Festivitäten eine Hundertschaft proletarischer Ost-Berliner. Irgendwie habe ich keine Lust, diese Leute wieder auszuladen. Und irgendwie bezweifle ich deren Lust, sich beim Tanzen und Trinken auf meinem neuen Parkett die Straßenschuhe auszuziehen. Ich würde das ja auch nicht machen.

Vielleicht, so dachte ich, muss ich jetzt den Preis zahlen für meine neue Bürgerlichkeit. Für das Parkett, den Balkon, die Badewanne. Für den Park um die Ecke mit seinen vielen Vögeln und seinen beiden Bergen. Vielleicht gibt es das nicht umsonst: ein neues, ruhiges Leben. Ab jetzt habe ich eben Rücksicht zu nehmen auf meine Nachbarn und die Kokosläufer vor den Türen. Jetzt muss ich mich ändern.

Also gut, erst mal aufräumen. Die „Spiegel“- Sammlung mit allen Heften ab 1993 – raus damit. Alte Nachttischlampen, die in irgendeiner Kiste verstauben – hin zum Trödler an der Ecke. Bücher, die kein Mensch braucht (Ein Cartoon-Band „Sei gut zu Vögeln“ – wer hat mir das bloß geschenkt?) oder Ratgeber, die sich als nutzlos erwiesen haben („Muskelguide“) – alles in einen Karton. Die Bibliothek freut sich bestimmt über eine Spende. „Wollen Sie nicht eine Liste mit Ihren Büchern erstellen?“, fragte die Bibliothekarin, als sie meine Kiste sah. „Wir rufen dann an, was wir brauchen.“ Vielleicht sollte man nicht zu öffentlichen Institutionen gehen, wenn man sein Leben ändern will.

Etwas Neues muss auch her. Ein paar Regale wären nicht schlecht für all den Kram, den ich mir schenken lasse und den ich aus Nostalgie aufhebe: Trockenblumen, Bierdeckel, Überraschungseier. Und ein großes Bett wäre gut, ein Freund hat zugesagt, es mir zu bauen. „Du brauchst nur einen Lattenrost und eine Matratze“, belehrte er mich. Und so ging ich in einen Matratzenladen um die Ecke und legte mich zur Probe auf Federkerne, auf Kaltschaum und auf irgendwelche Mischfasern. Als ich auf der Matratze lag, schloss ich die Augen und spürte eine große Ruhe in mir. Jetzt fängt ein neues Leben an, dachte ich. „Auf diese Matratze kriegen Sie Junge-Leute-Rabatt“, sagte der Verkäufer. „Sie sind doch noch jung, oder?“ Ich zögerte mit meiner Antwort. „Noch ja.“

„Der Matratzenbär“, Danziger Straße 132, Höhe Bötzowstraße, Prenzlauer Berg.

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