Zeitung Heute : Das Denkmal steht nicht allein

BERNHARD SCHULZ

Bei der Diskussion um das Holocaust-Denkmal muß endlich die Frage nach dem "wie" beantwortet werden VON BERNHARD SCHULZ

Streng besehen, war das erste Kolloquium in der dreiteiligen Reihe der Veranstaltungen zum Holocaust-Denkmal vor genau fünf Wochen ergebnislos.Denn die Fragestellung, die die Veranstalter vorgegeben hatten, war längst mit mannigfältigen Argumenten beantwortet worden.Warum braucht Deutschland das Denkmal? Das sollte ernstlich diskutiert werden, nach jahrelanger Diskussion und zumal nach dem bereits durchgeführten Wettbewerb! Nur war dieses "Ob" so umfassend erwogen und bejaht worden, daß die Frage des "Wie" ungeklärt blieb.Sie ist die schwierigere.Denn der Konsens, der sich über das "Ob" schon wegen der möglichen Mißdeutung einer negativen Stellungnahme leicht herstellen ließ, zerbröselt beim "Wie" zum "Ja, aber nicht so".Das "Wie" umfaßt die Frage des Standortes des Denkmales wie die seiner Form.Schon die Aufteilung des "Wie" in die getrennten Fragen des Standortes und der Form aber, die nacheinander am heutigen Freitag und dann erst in sechs Wochen verhandelt werden sollen, verrät den Unwillen der Veranstalter, ihre Festlegung auf das Ergebnis von 1995 ernstlich zu überdenken. Den Dissens darüber sichtbar gemacht zu haben, war das Ergebnis des ersten Kolloquiums, verstärkt mittlerweile durch einen Offenen Brief von zwölf Teilnehmern, die die Festlegung auf Standort und weiteres künstlerisches Verfahren zurückweisen.Auf der heutigen Sitzung wird dieser Dissens hervortreten.Die Frage des Standortes ist von der der Form nicht zu trennen.Die monumentale "Grabplatte" des Siegerentwurfs ist der Reflex auf die Versuchung des allzu großen Areals wie der Ausdruck der Hypertrophie, dem Umfang der NS-Verbrechen mit der Größe des Denkmals symbolisch Paroli bieten zu wollen.Und der Standort wiederum ist ein Kompromiß zwischen der Geschichtsmächtigkeit des Ortes nahe der Reichskanzlei und den protokollarischen Erfordernissen.Beide Aspekte müssen neuerlich erörtert werden.Die ausgreifende Diskussion der vergangenen Jahre hat die Frage nicht eindeutig beantworten können, was genau dieses Denkmal sagen soll - von wem und für wen.Erst die Klärung dieser Frage kann den Standort des Denkmals festlegen, von seiner Formensprache ganz zu schweigen.Nun stellt ja das geplante Denkmal ein Novum in der Geschichte dar.Denkmäler für Verstorbene begleiten die Geschichte von Anbeginn; solche, die Taten ins Gedächtnis rufen, folgten ihnen.Ein Denkmal aber, das an die Untaten eines Regimes erinnert, das sich - dem vieldiskutierten Historiker Goldhagen zufolge - auf ein Volk "williger Vollstrecker" stützen konnte, fordert den herkömmlichen Formenvorrat ebenso heraus wie die Festlegung auf den gewählten Standort.Dabei ist von dem Problem noch abgesehen, wie historische Ereignisse nach der Erfahrung der Moderne überhaupt noch in einer verständlichen und akzeptierten Weise ihren Ausdruck finden können. Der zeitgenössische Mangel an ästhetischer Verbindlichkeit hat dazu beigetragen, den authentischen Orten der Geschichte Gewicht zu geben.Ein überzeugendes Beispiel solchen Verzichts auf gestaltete Form zugunsten des Dokumentarischen ist die "Topographie des Terrors" auf dem Gelände der einstigen SS-Zentrale.Die vorgesehene Halle aber, die das Provisorium in Dauerhaftigkeit überführen wird, gibt zumal in ihrer Formstrenge der "Topographie" die Eigenschaft eines nationalen Holocaust-Denkmals.Und vollends das im Bau begriffene Jüdische Museum stellt die Frage nach der zukunftsweisenden Aufgabe eines Holocaust-Denkmals.Asche bewahren oder die Flamme am Brennen halten? Wenn eine Institution den schreckgebannten Blick auf die Vergangenheit zurücklenken kann in die Gegenwart, dann dieses Museum, wie es Daniel Libeskind in die bauliche Form eines "begehbaren Mahnmals" gebracht hat - auch, um Antwort zu geben auf die Frage nach der jüdischem Kultur heute. Das geplante Holocaust-Denkmal kann nicht getrennt von diesen beiden anderen Einrichtungen betrachtet werden.Auch das wird das zweite Kolloquium bedenken müssen.Was genau soll das Denkmal sagen? Erst wenn diese Frage beantwortet ist, läßt sich der richtige Standort finden.Nicht am "Ob", sondern am "Wie" muß sich der Wille zur Erinnerung an die Verbrechen und zum Gedenken an dessen Opfer bewähren.

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