Zeitung Heute : Das Dilemma von Potsdam

MONIKA ZIMMERMANN

Ein historisch geprägter Ort darf seinen Lebenswillen nicht in der Denkmalsverehrung aufgeben VON MONIKA ZIMMERMANN

"Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." Diese Faustsche Weisheit stammt in etwa aus jener Zeit, in der Potsdam von Friedrich dem Zweiten zum "märkischen Arkadien" ausgebaut wurde.Daraus wurde eine Stadt mit geradezu italienisch anmutenden baulichen und landschaftlichen Konturen."Arkadien" - so wird bezeichnenderweise eine Potsdamer Bausünde unserer Tage, die Bebauung des Glienicker Horns, genannt.Man sieht: es nützt wenig, die Urne des Preußenkönigs wieder im märkischen Sand zu begraben und diese Rückkehr der Asche von Friedrich II.als Aneignung von Geschichte zu feiern.Auf einem Erbe - so ist der Satz Goethes zu verstehen -, darf man sich weder ausruhen noch darf man es ausschlagen, jede Zeit muß dieses Erbe für sich nutzbar machen.Gerade ein historisch geprägter Ort darf seinen Lebenswillen nicht in der Denkmalsverehrung aufgeben.Wobei wir mittendrin wären in den Problemen von Potsdam. Potsdam hat zwei Zerstörungen hinter sich: Am 14.April 1945 ging ein Bombenhagel auf die Stadt nieder, und in den folgenden Jahrzehnten verschandelte der sozialistische Aufbau das, was übriggeblieben war.In berühmte Lennésche Sichtachsen, wie die sogenannte "Lange Sicht", wurden acht- bis elfgeschossige Plattenbauten gesetzt und dort, wo einmal das Schloß stand, durchquert eine Straße den einstigen Standort des Fortunaportals.Wenn jetzt also, im Zusammenhang mit geplanten Veränderungen des Zentrums, von der dritten Zerstörung Potsdams die Rede ist, so ist dies auch deshalb leichtfertig, weil ein Teil dieser Veränderungen darauf zielen, Verlorenes, wie die historische Mitte, wiederzugewinnen.Denn die Wiederherstellung des Alten Marktes ist nur möglich, wenn der Verkehr von dort weg und woanders hin verlegt wird, und wenn eine Art Ausweichquartier für die notwendige innerstädtische Infrastruktur geschaffen wird.Ein solches Ausweichquartier soll das sogenannte "Potsdam Center" werden - eine großflächige Neubaumaßnahme rund um den ebenfalls neu zu schaffenden Bahnhof.Am "Potsdam-Center" hat sich ein erbitterter Streit entzündet, bei dem es im Kern darum geht, ob die Entwicklung der Stadt nach vorne oder zurück gerichtet sein soll.Denn das Dilemma von Potsdam besteht auch darin, daß - gerade weil so viel zerstört wurde - Stillstand nun tödlich wäre.Anders als in manchen westdeutschen Städten, denen man nach Jahrzehnten einschneidender Modernisierung eine Ruhepause gönnen möchte, ist Potsdam in einem solch beklagenswertem Zustand, daß möglichst viel möglichst rasch geschehen sollte.Gleichzeitig aber gibt es einen großen Nachholbedarf der Denkmalpflege.Sie erhielt Schützenhilfe dadurch, daß Potsdam seit 1992 zum Weltkulturerbe der Unseco zählt.Diese Tatsache sichert der brandenburgischen Landeshauptstadt die Aufmerksamkeit auch der Bonner Politik, die plötzlich den Ruf der Bundesrepublik dadurch gefährdet sieht, daß in Potsdam nicht genug Rücksicht auf ein nationales Kulturerbe genommen wird. Doch auch wenn die Gegner des "Potsdam Center" sich hehre Ziele, eben die Rettung der Potsdamer Kulturlandschaft, auf die Fahnen schreiben können, so versteckt sich dahinter zum Teil auch jenes Ablehnungspotential, das sich gegen größere Neubaumaßnahmen, zumal wenn sie Verkehrs- und Geschäftsbauten betreffen, heutzutage überall sammelt - inzwischen auch im Osten, wo das Bewußtsein dem Sein weit voraus geeilt ist.Dies zeigt sich desto mehr, je mehr die Planungen - unter dem Druck auch aus dem Bundeskanzleramt - im Sinne größerer Rücksichtnahme auf die Umgebung abgeändert werden.Dabei mag es den in Bonn regierenden Christdemokraten auch um die Disziplinierung der in Brandenburg regierenden Sozialdemokraten gehen.Manchem, der sich erst um Sichtachsen und die optische Beeinträchtigung des Erbes besorgt zeigte, beklagt nunmehr die Größe des Bauvolumens schlechthin.Das aber, so sagen die Bauherren, die Deutsche Bahn AG und die Stadt Potsdam, sei nötig, um die Wirtschaftlichkeit des gesamten Vorhabens zu garantieren. Potsdam, so scheint es, drohen zwei gleich große Gefahren: die der zu großen und die der zu geringen Rücksichtnahme auf das Kulturerbe.Die Kraft einer Stadt bemißt sich auch danach, ob sie es schafft, das Bild ihrer Vergangenheit in einer sich veränderenden Zukunft erkennbar bleiben zu lassen.Aber wo die Erinnerung an die Vergangenheit zur Blockade wird, kann es schwerlich eine Zukunft geben.

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