Zeitung Heute : Das dreizehnte Jahr

JAN SCHULZ-OJALA

Ein Jahr im Leben der Nina X.: "Thirteen" von David WilliamsVON JAN SCHULZ-OJALAEin Mädchen, 13 Jahre alt, läuft von zu Hause weg.Nicht so, wie man sich das vorstellt: ein Streit, eine Kurzschlußrekation, und ein atemloses Wegrennen, bis man - gerettet - in Schritt verfällt.Sondern nur mal eben über die Straße, Daumen raushalten, einsteigen ohne Eile in ein fremdes Auto.Und auf und davon. Was macht, daß wir uns verlassen manchmal ohne ein Wort? Und - das Negativ dieser Frage - was macht, daß wir bleiben wie käfiglose Tiere vielleicht lebenslang, daß wir verzichten auf diese einfache, gewaltige Freiheit, einfach loszugehen? "Thirteen" stellt diese Fragen nicht laut, wie dieser dritte Spielfilm des Amerikaners David Williams überhaupt nichts Lautes hat, sondern kraftvoll voranströmt wie ein langer, ruhiger Fluß.Und dabei sachte alle Klischees unterläuft, die sich gemeinhin um Ausreißergeschichten ranken. David Williams hat seine Hauptrollen ausnahmslos mit Laien besetzt, Tochter und Mutter sind auch in Wirklichkeit Adoptivtochter und Mutter, und mit allen ist der Regisseur seit Jahren bekannt.Dies gibt seinem Film, der vom dreizehnten Jahr der jungen Nina erzählt - von ihrer Lust auf ein Auto, die dann doch in den Kauf eines Aquariums mündet, von ihren Babysitterjobs und ihrem ersten Date - etwas Familiär-Semidokumentarisches, trotz vielerlei Parallel-Ebenen in Zeit und Traum.Williams, ein Weißer, zeichnet ihre Welt anrührend warmherzig als schwarze Community, in der die Wasps, die White Anglosaxon Protestants, fast wie Aliens wirken - und doch nicht wirklich böse sind.Fast zu schön das alles, um wahr zu sein, wenn da dieser wunderbar sanfte Humor nicht wäre. Warum aber läuft dann Nina davon, und sei es nur für vier Tage? Dieses schroffe, pubertierende Mädchen nennt kein Motiv.Erst am Schluß, als wir die tiefe Mutter-Tochter-Nähe längst begriffen haben, wissen wir: Sie ist weggegangen, um zu fühlen, wie es ist eines Tages allein.Und um zu wissen, es ist noch nicht so weit. Heute 12.30 Uhr (Arsenal), morgen 22.30 Uhr (Akademie)

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