Zeitung Heute : Das Drogenproblem

IRGENDWIE, IRGENDWO, IRGENDWANN

NAME

Eine Generation weiß nicht wohin – einer macht sich schon mal auf den Weg.

Von Matthias Kalle

Mutter erzählt, schon wieder sei in Minden ein Junge in einer Discothek mit Drogen erwischt worden. „Mit Pillen“, sagt Mutter, „ich glaube mit diesen Pillen, die auch Jan Ullrich geschluckt hat.“ – „Ecstasy?“, frage ich und meine Mutter sagt: „Na, du kennst dich aber gut aus.“ – „Mutter“, sage ich, „bitte! Ich arbeite in den Medien!“

Die wöchentlichen Telefonate mit Mutter gehen bisweilen an die Substanz. Seit sie herausgefunden hat, wie man im Internet sucht, tippt sie andauernd meinen n in einer Suchmaschine ein, um nach Texten von mir zu fahnden, und manchmal ist sie enttäuscht, wenn sie diesen oder jenen Artikel von mir findet und dann meint, ich hätte ihn ihr verschwiegen. „Hast du gar nichts von erzählt“, sagt sie dann, oder: „Fand ich aber ganz nett." Ich weiß nicht, wie es mit Mutter wird, wenn ich wieder zurück bin.

Der Drogenmissbrauch in Minden scheint Mutter keine Ruhe zu lassen, gestern rief sie schon wieder an. „War das zu deiner Zeit auch schon so schlimm?“, wollte sie wissen, und ich empfand es als Frechheit, dass sie von „meiner Zeit“ spricht, so, als ob „meine Zeit“ lange vorbei wäre und niemals wiederkommt. „Nein“, antwortete ich, betont genervt. „Aber in Berlin ist es richtig schlimm, oder?“ Mutter hat vor Jahren einmal den Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gesehen. „Ja“, antwortete ich, obwohl ich mir da überhaupt nicht sicher bin, und es auch in München schlimm ist. „Und in den Medien ist es noch mal viel schlimmer?“ Jetzt reichte es. „Ja, die Kollegen koksen den ganzen Tag und um runterzukommen, spülen sie mit Dornkaat nach.“ Mutter weinte, ich legte auf.

Ich habe nie Drogen genommen, jedenfalls nicht so, dass ich damit angeben könnte. Natürlich kenne ich Menschen, die Drogen nehmen, einige sind sogar recht prominent, aber ich nenne keine Namen, ich bin ja kein Arschloch. Mir sind Drogen egal – im Gegensatz zu meiner Mutter. Früher schon hatte Mutter Drogenpanik. Als ich mit 15 Jahren in Minden das erste Mal in die „Box“ ging (eigentlich „Musikbox“, aber das sagt kein Mensch), warnte sie mich vor dem „süßlichen Geruch“ und davor, dass mir irgendwer was in meine Cola schütten könnte. Mhm, genau. Dealer verprassen ihren Stoff, indem sie ihn irgendwem ins Glas schütten. Mir hat nie jemand was ins Glas geschüttet, erst Recht nicht ins Cola-Glas, denn ich trank Bier, und der „süßliche Geruch“ in der „Box“ ist das billige Parfüm der 16-jährigen Mädchen. Damals hieß das Parfüm, glaube ich, „Tresor“, und so heißt es wahrscheinlich heute noch. Gekifft wurde draußen, und wer Pillen, LSD oder Koks haben wollte, bekam auch das, schon damals. An Drogen zu kommen war in Minden schon immer genau so einfach wie in München oder in Berlin – die Preise variieren. Die Leute, die in Minden „zu meiner Zeit“ Drogen genommen haben, verkaufen jetzt Autos oder Versicherungen.

Weil ich ein schlechtes Gewissen hatte, rief ich Mutter zurück. „Mutter“, sagte ich, „mach dir nicht so viele Gedanken über Drogen. Es gibt sie, und es wird sie immer geben. Es gab sie auch früher, als ich jung war.“ – „Aber ihr habt doch nie welche genommen, oder?“ – „Nein.“ – „Und warum nicht?“ Ich überlegte. Warum eigentlich nicht? „Ich glaube“, sagte ich, „weil wir immer dann, wenn wir hätten können, viel zu betrunken waren.“

Und das hat Mutter dann irgendwie beruhigt.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar