Zeitung Heute : Das dunkle Grün der Steineichen - alleine wandern im kantabrischen Küstengebirge

Torsten Krüger

Langsam schrammen die Wolken durch ein Labyrinth von bizarren Spitzen, verwitterten Felsen und abrupten Klüften. Wo die Sonne noch durchkommt, malt sie mit letzter Kraft harte, zackige Kontraste. Ganz allmählich senkt sich ein feiner Nebel über die Weiden und die Winterställe der Ziegen. Bald sind auch die letzten Lücken im Himmel geschlossen.

Die Nationalstraße 621 durchkreuzt das Gebirge auf dem Grund der Schlucht, die der Rio Deva in Hunderttausenden von Jahren durch den Kalkstein gegraben hat. Riesige Felsmauern türmen sich an beiden Seiten. In den Felsspalten und zwischen dem Geröll, überall wo es auch nur ein wenig Halt findet, sprießt das dunkle Grün der Steineichen. Unten sieht man manchmal einen Angler im Wasser stehen. Die Deva ist bekannt für ihren Reichtum an Lachsen und Forellen. Nach 15 Kilometern öffnet sich die enge Schlucht zu einem breiten Tal. Dicke Tropfen klatschen auf die Windschutzscheibe. Es fängt an zu regnen.

"Das Wetter? Oh, meistens ist hier ein blaues Loch über dem Ort", sagt Antonio aus dem Reisebüro in Potes mit einem Lachen und kaut dabei auf seiner kalten Pfeife. "Hier im Tal ist es milder und trockener als auf der Nordseite. So mild, dass hier sogar Ölbäume und Weinstöcke gedeihen. Die Wolken kommen vom Atlantik und bleiben an den Bergen hängen. Aber oben auf den Gipfeln kann es auch im Juni noch schneien."

Antonio hat Landwirtschaft studiert, ein paar Semester davon in Chile. Vor sechs Jahren ist er nach Potes gekommen. Seit seiner Kindheit, als er hier einmal im Zeltlager gewesen ist, hat es ihn immer wieder her gezogen. Inzwischen ist er Mitinhaber eines kleinen Reisebüros, das sich auf die Organisation von Touren durch die Berge spezialisiert hat. Exkursionen aller Art. An den Wänden hängen Fotos von Reisegruppen auf Pferden und in Kanus, von Mountainbikern auf halsbrecherischen Gebirgspfaden und Seilschaften, die an überhängenden Felsnasen baumeln. "Sowas wie die Picos", sagt Antonio, "gibt es nur einmal auf der Welt. Da oben auf den Hochplateaus läuft es mir immer noch kalt den Rücken runter."

Die Picos de Europa, das ist der zentrale Teil des kantabrischen Küstengebirges, ein schroffes Kalksteinmassiv. Kaum 20 Kilometer hinter Spaniens grüner Atlantik-Küste wächst es aus einer sanft geschwungenen Wiesenlandschaft - auf eine Höhe von über 2600 Metern. 130 Schmetterlingsarten haben Biologen hier gezählt und 1500 Blütenpflanzen. Mitteleuropäisches und Mediterranes ist in den Tälern auf engstem Raum versammelt. Buchen-, Eichen- und Eschenwälder lösen Wiesen mit Alpenastern und Enzian ab; in den trockeneren Gebieten wachsen Erdbeer-, Öl-, und Terpentinbäume. Dazu einige endemische Pflanzen, vor allem in den alpinen Gipfelregionen, im Reich der Gämsen. Mit etwas Glück kann man auch einen Königsadler über den Felsen kreisen sehen, oder einen Fischotter bei der Jagd beobachten. Wölfe soll es auch noch geben und Auerhähne und - versteckt in den Wäldern Leons - sogar noch ein paar Braunbären.

Auf der asturischen Seite des Gebirges entstand 1913 der erste Nationalpark auf spanischem Boden. Vor vier Jahren ist sein Areal vervierfacht worden und umfasst jetzt das gesamte Gebiet der drei Hauptmassive. Das sei nicht so ganz unkompliziert gewesen, erzählt Antonio. Zehn Gemeinden gebe es jetzt im "Parque National de Picos de Europa", mit 18 Dörfern, die drei verschiedenen Provinzen angehören. Kantabrien, Asturien und Leon. Auch Potes sei von heute auf morgen Teil des Nationalparks geworden. Vor allem die Täler aber würden noch immer intensiv land- und forstwirtschaftlich genutzt. Ganz zu schweigen vom Tourismus. Da gebe es die unterschiedlichsten Interessen, die nicht immer mit striktem Naturschutz in Einklang ständen. "Die Leute hier leben von der Landwirtschaft und vom Fremdenverkehr, seit Generationen", sagt Antonio. Allerdings sei die Landwirtschaft hier noch sehr traditionell, Obstanbau und HeuWirtschaft kämen fast ohne Kunstdünger und Pestizide aus. "Noch vor ein paar Jahren haben viele Bauern das Heu für den Winter auf Ochsenkarren nach Hause gefahren." Eine größere Gefahr sei da schon die Ahnungslosigkeit vieler Touristen. Noch immer fehle es an Informationszentren und Informationsmaterial. Den Einheimischen hingegen werde zunehmend klar, dass gerade die Urwüchsigkeit und Schönheit der Landschaft das größte Kapital ihrer Heimat sei.

Und das Wetter? Am nächsten Morgen ist da tatsächlich das versprochene Loch in den Wolken, direkt über Potes. Die groben Steinmauern des Infantado-Turms leuchten im Sommerlicht. In der ehemaligen Festung des Markgrafen von Santillana ist jetzt das Rathaus untergebracht. Von hier aus wird das Tal und die kleine umtriebige Stadt regiert. Um halb zehn morgens wuseln Menschen durch die schattigen Gassen der Altstadt und die Kolonnaden der Hauptstraße. Viele Einheimische sind unterwegs. Natürlich auch Touristen. Die sehen hier allerdings anders aus als auf Mallorca oder an der Costa del Sol. Sie sprechen meistens fließend Spanisch und ihre Autos haben Kennzeichen aus Madrid oder Barcelona. Hitzeflüchtlinge, Spanier, die ihre Ferien im milden atlantischen Klima verbringen.

Vom Kloster Santo Toribio aus führt ein Wanderweg bis hinauf zur Quelle der Deva. Für den ersten Abschnitt weist der Wanderführer zwei mögliche Routen aus. Die längere von beiden erweist sich schnell auch als die unwegsamere. Immer wieder verliert sich der Pfad im Ginstergestrüpp. Oft ist er völlig überwachsen. Rein zufällig findet sich ab und zu eine verwitterte Markierung. Erst hinter einem Hain von Esskastanien wird der Pfad wieder deutlicher. Durch blühende Wiesen geht es hinab in ein Dorf. Häuser aus großen groben Steinen mit breiten hölzernen Balkons. Galerien von Blumentöpfen neben den Türen. Freilaufende Hühner und bellende Hunde. In den Gärten wachsen Mirabellen und Feigen, Agaven drängen sich wie große blaue Kraken an einer Steinmauer. Dahinter ein hölzerner Horreo, ein kleines Vorratshaus, auf Stelzen installiert, um das Gelagerte vor Feuchtigkeit und Ungeziefer zu schützen.

Unzählige Wanderwege durchziehen die Picos. Viele davon sind alte Hirtenpfade. Am Waldrand döst ein alter Mann, der kennt sie fast alle. 81 Jahre ist er alt und 63 Sommer hat er oben im Gebirge verbracht. Mit Ziegen, Kühen und Hunden, in Sonne, Sturm und Regen. Jetzt hat er ein Zimmer im neuen Seniorenheim in Potes. "Da unten in der Stadt halten sie mich für verrückt", lacht er. Sie verstehen nicht, dass er immer wieder hier herauf kraxelt und sich irgendwo ins Gras setzt, und manchmal einen ganzen Tag so sitzen bleibt. Für jemanden, der sein ganzes Leben in den Bergen verbracht hat, sind Städte nichts. Deswegen ist er auch nicht zu seiner Tochter und seinem Schwiegersohn gezogen, die in Leon eine Apotheke haben. "Da oben in den Bergen", schwärmt er, "gibt es noch ein paar Dörfer, wo kein Auto hinkommt." Zum Weiler Bulnes gebe es nur ein paar steinige Pfade. Alles müsse zu Fuß oder auf dem Rücken von Eseln dahin transportiert werden. Auch das Bier und der Sidra für die Kneipe. "Die Leute haben es heute leichter", sagt Gregorio. Aber ihre Gegenwart gegen seine Vergangenheit tauschen, das würde er nicht.

Zwei Tage später, am Ende einer Wanderung durch die Schlucht des Cares, passieren wir mitten in den Bergen eine Baustelle. Ein Tunnel wird da durch den Fels getrieben. "Der Tunnel für die neue Straße nach Bulnes", erklärt Antonio, der mitsamt Geländewagen am Ausgang der Schlucht bereit steht, um die Wanderer zurück in ihre Hotels zu fahren. TIPPS FÜR DIE PICOS

Anreise: Mit dem Flugzeug über Barcelona bis Santander oder Oviedo (Iberia ab zirka 550 Mark), von dort aus weiter mit der privaten Schmalspurbahn Feve und per Bus.

Mit der Bahn: Über Paris, Irun, Bilbao, von dort weiter mit der privaten Schmalspurbahn Feve und per Bus. Oder mit dem Autoreisezug bis Biarritz und weiter mit dem Pkw über San Sebastian und Santander.

Reisezeit: Beste Reisezeit ist Mitte Mai bis Mitte Oktober. In den übrigen Monaten muss mit ergiebigen Niederschlägen gerechnet werden.

Unterkunft: Obwohl es in den Picos wie im gesamten Nordspanien kaum Pauschaltourismus und auch keine Bettenburgen gibt, ist die Gegend touristisch gut erschlossen. In allen größeren Orten gibt es Hotels und Pensionen.

Eine preisgünstige Variante und vor allem für Familien mit Kindern zu empfehlen ist der "Turismo rural", das sind private Zimmer, Apartments oder ganze Häuser, die von den regionalen Reise- und Tourismusbüros vermittelt werden. Die Unterkünfte sind in der Regel in ländlicher Umgebung; Kontakt zu Einheimischen ist leicht hergestellt.

Für den volleren Geldbeutel gibt es den Parador National de Fuente De mit 180 Betten, gelegen in einem kleinen Tal, das von einem atemberaubenden Felsentheater umgeben ist. Der Parador ist auch ein guter Ausgangspunkt für Hochgebirgswanderungen, er liegt direkt an der Talstation einer Seilbahn. Information über den Parador bei Ibero-Hotel-Reservierung, Düsseldorf, Telefon: 02 11 / 864 15 20.

Aktivitäten: Im Angebot der örtlichen Veranstalter sind Touren durch die Picos per Pferd, Geländewagen und Mountainbike oder Kanufahrten auf dem Rio Sella. Auch Bergsteigen ist natürlich möglich. Am besten kann man sich die Picos jedoch erlaufen. Vom leichten Spaziergang durch die Täler bis zur Klettertour ist alles möglich. Die Markierung der Wege ist nicht immer optimal. Für Hochgebirgstouren gibt es ein System von Schutzhütten.

Bei Regenwetter bietet sich ein Besuch in den prähistorischen Höhlen von El Buxu oder Tito Bustillo mit ihren gut erhaltenen steinzeitlichen Wandgemälden an.

Auskunft: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Kurfürstendamm 180, 10707 Berlin; Telefon: 882 56 43. Hier gibt es vor allem Prospekte.

Wer Englisch oder Spanisch spricht, erhält detailliertere Auskunft über das Oficina de Turismo in Santander, Telefonnummer: 00 34 / 942 / 31 07 08 oder das

Oficina de Turismo in Potes, Telefonnummer: 00 34 / 942 / 73 07 87.

Speziell für Bergsteiger: Union de Empresas de Turismo Activo, Llanes, Asturias, Telefon: 00 34 / 985 / 40 05 65. Hier werden auch Kurse angeboten.

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