Zeitung Heute : Das eBook ist tot, es lebe das eBook

Digitale Romane haben sich nicht durchgesetzt, wissenschaftliche Werke schon

Kurt Sagatz

Die neuen Medien sind eine Anhäufung von Irrtümern: Im Internet ist weder alles umsonst noch ist Digital-Fernsehen per se Pay-TV. Und auch eBooks sind nicht das, wofür sie zumeist gelten: „Eine Zeit lang wurden eBooks automatisch mit den Lesegeräten gleichgesetzt. Über die Inhalte aber hat anfangs kaum jemand richtig nachgedacht“, sagt Arnoud de Kemp, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Elektronisches Publizieren im Börsenverein des deutschen Buchhandels.

Wer heute die Nachrichten zum Thema eBooks verfolgt, könnte erneut einem Irrtum erliegen. Im Mai gab Gemstar, der Hersteller des eBook-Lesegerätes GEB 2200, den Rückzug aus dem deutschen eBook-Markt bekannt. Einen Monat später kam das endgültige Aus: Der Verkauf der Lesegeräte wurde sofort eingestellt, und seit Mitte Juli verkauft Gemstar weder in Deutschland noch in den USA Bücher in elektronischer Form. „Ob in Deutschland oder anderswo, Besitzer eines Rocket eBook, eines GEB 2200 oder eines anderen Lesegerätes von Gemstar werden nur noch das Lesematerial laden können, das sie bereits gekauft haben oder bis zum 16. Juli kaufen werden“, berichtete der Internet-Nachrichtenticker heise.de.

Doch anders als nun vermutet, kann kein Schlussstrich unter das Thema eBooks gezogen werden, wie de Kemp entgegnet. Gerade erst wurde das zehnmillionste elektronische Dokument ins Internet gepackt, so der Experte, der zugleich in der Geschäftsführung des wissenschaftlichen Springer-Verlages sitzt. Denn anders als bei der Belletristik läuft das Geschäft mit dem elektronischen Publizieren in der Wissenschaft und bei den Fachpublikationen wie geschmiert. „Zwischen 90 und 95 Prozent aller Publikationen der Fach- und Wissenschaftsverlage sind auch elektronisch zugänglich“, so de Kemp.

Dass sich die Verlage so schwer damit tun, mehr Belletristik elektronisch bereitzustellen, ist angesichts der Angst vor unkontrolliertem Raubkopierertum leicht verständlich. Auch das neue Urheberrecht biete nicht den benötigten Schutz, so de Kemp, zumal die elektronischen Vorkehrungen gegen das illegale Kopieren noch nicht wasserdicht seien. Von der Regierung werde jedoch erst jetzt erkannt, welche Schlupflöcher das neue Gesetz biete. „Auch aus vielen Zitaten lässt sich am Ende ein Buch zusammensetzen“, erklärt der Experte eine der Schwachstellen. Immerhin, im wissenschaftlichen Bereich spielt diese Problematik keine große Rolle, zumal die Verträge beispielsweise mit Bibliotheken eindeutig seien.

An der Erfolglosigkeit der teuren und zumeist wenig komfortablen eBook-Lesegeräte konnte das wenig ändern. Die wissenschaftlichen Werke oder die Fachzeitschriften werden zumeist am Computer, egal ob nun einem PC, einem Mac oder einem Laptop, gelesen. Und um die Daten unterwegs nutzen zu können, werden für elektronische Dokumente die digitalen Organizer à la Palm oder die neuen Blackberry-Geräte genutzt, mit denen auch unterwegs E-Mails empfangen werden können, weiß eBook-Experte de Kemp.

An Software zur Darstellung der digitalen Inhalte mangelt es nicht. Es gibt Reader von Acrobat, Palm oder Microsoft und daneben eine Reihe von Programmen für Rocket eBooks oder den Aportis Mobile Reader. Vor einigen Wochen ging sogar ein neues Internet-Portal speziell für deutschsprachige eBooks an den Start. Rund 2000 Titel aller großen eBook-Anbieter wie Amazon, BOL, buch.de, Ciando, dibi, Franklin, Mobipocket und Pdassi lassen sich über die neue Plattform recherchieren.

Lesestoff finden eBook-Liebhaber zudem bei Microsoft. Noch bis Ende des Jahres stellt das amerikanische Software-Unternehmen jede Woche drei neue kostenlose eBooks ins Netz – allerdings nur in Englisch und nur für Nutzer der hauseigenen Lesesoftware. Aber eBook-Fans sind ja bereits glücklich, wenn sie neben dem trockenen Wissenschaftsstoff überhaupt noch Unterhaltungstitel im Netz finden.

Das deutsche eBook-Portal:

www.ebookportal.de

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