Zeitung Heute : Das ehemalige Reichsbahn-Ausbesserungswerk am Sachsendamm wird saniert

Harald Olkus

Die Halle ist so groß wie ein Fußballplatz. Statt weißer Linien auf grünem Grund ziehen sich aber dunkle, mit Wasser gefüllte Gräben und rostige Eisenbahnschienen durch die von Pfeilern bestandene Fläche. Die hohe Glasdecke wird von blauen Trägern gestützt, darunter hängt ein gelber Verladekran, mit dem die Mechaniker Lokomotiven, Waggons und Triebwagen aus den Schienen hoben. Etwa hundert Jahre lang dienten die vom Architekten des Anhalter Bahnhofs, Franz Heinrich Schwechten, entworfenen Hallen des Reichsbahn-Ausbesserungswerks (RAW) der Reparatur von Eisenbahnen. Anfangs Dampflokomotiven, am Ende elektrische S-Bahn-Züge. Um 1900 waren dort mehr als 1000 Bahner beschäftigt, seit 1993 liegt das 140 000 Quadratmeter große Gelände brach. Nur ein Busunternehmen wartet in einem Teil des Hallenkomplexes seine Fahrzeuge.

Im vergangenen Jahr hat die Hamburger Böge Beteiligungs-Aktiengesellschaft (Böag) das Areal zwischen Sachsendamm, Alboinstraße und Eresburgstraße von der Eisenbahn-Immobilien Management GmbH (EIM) gekauft. Sie will die denkmalgeschützten Hallen sanieren und die Flächen bebauen. Der Vorantrag für den ersten Bauabschnitt ist beim Bezirk Schöneberg eingereicht, wenn möglich soll noch in diesem Jahr mit den Arbeiten begonnen werden.

Für die große Lokomotivhalle kann die Böag schon einen Mieter präsentieren. Die Baumarkt-Kette "Bauhaus" will dort nach Abschluss der Sanierung, der für Mitte 2001 angepeilt ist, einziehen. "Für die Entwicklung eines so großen Geländes ist es wichtig, schon zu Beginn einen solventen Mieter zu haben", sagt Böag-Geschäftsführer Lars Böge. Für den 20 000 Quadratmeter großen Baumarkt soll die Lokomotivhalle "äußerlich wiederhergestellt und das Innenleben der künftigen Nutzung angepasst" werden. Die benachbarte Kesselschmiede bleibt ebenfalls erhalten. "Wir suchen dafür noch adäquate Mieter und sind derzeit im Gespräch mit Interessenten", sagt Böge. Ein großer Möbelmarkt sei ein geeigneter Nutzer.

Befürchtungen der Schöneberger und Tempelhofer Geschäftsleute vor einem großen Einzelhandelsstandort, der ihnen die Kunden abwirbt, seien unbegründet, meint Böge. "Wir haben von der Forschungsstelle für den Handel (FfH) eine Verträglichkeitsstudie anfertigen lassen, die Baufach- und Möbelmärkte als unbedenklich eingestuft hat." Die Böag schätzt die Kosten für die Sanierung auf rund 80 Millionen Mark.

Der zweite Bauabschnitt betrifft den Geländeteil in der Nähe des Eingangs am Sachsendamm. "Die Gebäude dort werden wahrscheinlich keinen Bestand haben", schätzt Otto Edel, Schönebergs Wirtschaftsstadtrat. Die Böag will hier eine Art Sporterlebniswelt errichten: Wellness, Kletterwände, eine Teststrecke für Rollerblades und verschiedene "Indoor"-Sportarten sollen den Schwerpunkt der Nutzung bilden. Auch Dienstleister, genehmigungsfähiger Handel und Entertainment seien aber denkbar. "Ein Architektenbüro arbeitet derzeit an einer Konzeption", sagt Böge.

Auf dem unbebauten, dritten Teil des triangelförmigen Geländes sind schließlich Neubauten vorgesehen. Hier ist der neue Eigentümer aber noch bei der "Ideensuche". Ein Konzept fehlt bislang. Abgesehen von einer strahlenförmigen Anordnung der Gebäude zum Zentrum hin, mit dem die Form der denkmalgeschützten Drehscheibe des RAW aufgenommen werden soll, gibt es kaum konkrete Pläne. "Wir könnten uns vorstellen, das Gelände modulartig, also bedarfsspezifisch zu bebauen", meint Böge.

Diese Idee stammt von Schönebergs Wirtschaftssenator Otto Edel. "Bei der unbebauten Fläche tut sich der Investor am schwersten, eine passende Nutzung zu finden", sagt er. Da man bei der derzeitigen Marktlage nicht recht sagen kann, wie sich der Bedarf für Gewerbeimmobilien entwickelt, könnte der Eigentümer dort eine Art "Gründerzentrum im Container" etablieren. Junge Unternehmen aus der IT-Branche, die sich neu gründen oder ein Standbein in Berlin eröffnen wollen und sich die Gewerbemieten nicht leisten können, wären Anfangs vielleicht mit einem Container zufrieden. "Und wenn das Unternehmen erfolgreich ist, könnten sie sich erweitern und auf dem Areal bauen", schlägt Edel vor.

Von einer bereits vorgeschlagenen Wohnbebauung auf dem Gelände hält man bei der Böag nichts: "Das ist ein prädestinierter Gewerbestandort", sagt Böge. Die Lage am Rand des Stadtzentrums sei ideal, und die Verkehrsanbindung mit Stadtautobahn und S-Bahnhof sehr gut. Und auch die geplante Aufwertung der "Linse", dem Gelände zwischen den S-Bahnhöfen Schöneberg und Papestraße, sei von Vorteil.

Doch das Schicksal der "Linse" hängt ab vom Ausbau des S-Bahnhofs Papestraße zum "Südkreuz": Der Kreuzungsbahnhof ist wichtiger Teil des Konzeptes der Bahn, mit dem die künftigen Fernbahnhöfe in Berlin festgelegt sind. Die Papestraße soll zum Fernbahnhof für alle Züge von und nach Süden ausgebaut werden. Aufgrund des Sparzwangs bei der Bahn steht diese Planung allerdings zur Disposition. Vielleicht wird aus der Papestraße auch nur ein S-Bahnhof mit zusätzlichem Bahnsteig für Regionalzüge. "Ich wäre aber wirklich sauer, wenn das passieren würde", sagt Otto Edel. Denn eine Nachfrage von Investoren für die Linse sei da. "Ständig melden sich Interessenten und fragen: Was und wann baut die Bahn?"

Die Sanierung des RAW ist zwar ein erster Schritt zur Entwicklung der verschlafenen Gewerbestandorte am Sachsendamm. Doch wenn die Bahn das "Südkreuz" nicht baut, wird sich wahrscheinlich auch auf längere Sicht wenig ändern.

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