Zeitung Heute : Das einfache Leben

CLAUS KÄPPLINGER

Der Architekt Tessenow als Zeichner in der KunstbibliothekDen "heiligen Schreiner" nannten ihn seine Studenten, als Zeichner präsentiert ihn nun eine kleine Ausstellung der Kunstbibliothek.Von keinem Geringeren ist die Rede als von Heinrich Tessenow (1876-1950), einem der bedeutendsten, wiewohl auch unbekanntesten Architekten des 20.Jahrhunderts.Bäuerlich gekleidet mit Joppe und Stiefeln, tief gebeugt über einen überlangen Tisch, den der treue Hund und ein demonstrativ zur Seite gelegtes Winkelmaß rahmen - die Ausstellung gewährt gleich zu Beginn einen sehr privaten Blick auf einen Mann, der allem Formalen zutiefst mißtraute, stets nach der Selbstverständlichkeit des einfachen Lebens suchte. Selbst aus einfachen Verhältnissen stammend, verdiente der gelernte Zimmermann Tessenow zuerst als Zeichner seinen Lebensunterhalt, bevor er als Autor, Architekt und Lehrer für eine Baukultur stritt, die mit der Ära wilhelminischen Prunks und modischer Beliebigkeiten brach.Als wacher Beobachter zeichnet er schon früh Goethes Gartenhaus in Weimar, das bald danach allen Reformern als Gegenbild zum überbordenden Dekor des Historismus dienen sollte.Goethes einfache Räume, die mit ihrem kargen Mobiliar jenseits aller Repräsentation eine hohe Wohnkultur ausdrückten, werden von ihm in sparsamen, noch vom Naturalismus geprägten Tuschezeichnungen festgehalten und zum geistigen Leitbild neuen bürgerlichen Selbstverständnisses erhoben. Eine ganz eigene Poesie der Sachlichkeit, der Purifizierung deutet sich an, die wenig später unter dem Einfluß japanischer Holzschnitte die Federzeichnung auf die Umrißlinie reduziert, die von nun an so abstrakt wie sparsam das Dargestellte auf das Wesentliche konzentriert.So sehr, daß bald der Umriß fast entfällt, jetzt der fragile oder gar ausgelassene Strich vom Betrachter tätige Beobachtung einfordert, um in ihm ein Verständnis für das Einfache zu wecken.Gleichermaßen um die Reform des Hauses wie seines Interieurs bemüht, zeigt sich dabei Tessenow als Pädagoge, der seinen Zeitgenossen einen Weg zu einem natürlichen Gleichgewicht aufzeigen wollte.Bäume, Pflanzen und Häuser verbinden sich bei ihm zu einer harmonischen, untrennbaren Einheit, Innenräume verwandeln sich zu Projektionsflächen einer schmucklosen Lebenskultur, die erneut Arbeiter wie Bürgertum zusammenführt. Kein anderer Ort faßte diesen Geist prägnanter als die Gartenstadt Hellerau bei Dresden mit ihrem Festspielhaus, das unter dem Jing- und Jang-Zeichen von Tessenow erbaut wurde.Seiner Wiederherstellung wie Wiederbelebung ist denn auch die faszinierende Ausstellung gewidmet, die, ergänzt um eine Fotodokumentation Helleraus und ein Buch bislang unpublizierter Schriften, den sensiblen Beobachter Tessenow in den Vordergrund stellt.CLAUS KÄPPLINGER Kunstbibliothek am Matthäikirchplatz 6, bis 1.August, Dienstag bis Freitag 9-17 Uhr, Sonnabend und Sonntag 10-17 Uhr.

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