Zeitung Heute : Das Eis der blauen Berge

ULF MEYER

Neues Bauen in Berlin: Das Generali-Haus von Eckhart und Alkewitz soll helfen, den "geschundenen Körper der Stadt" zu heilenVON ULF MEYER Der Innsbrucker Platz in Schöneberg ist der Inbegriff eines verkehrsumtosten "Unplatzes".Ein Stadtautobahntunnel und die aufgeständerte Bahntrasse der 1994 wiedereröffneten Ringbahn zerschneiden den Platz.Um die Situation fühlbar zu verbessern, wurde 1991 ein beschränkter Wettbewerb ausgelobt, den das Büro Eckhart und Alkewitz gewann.Die architektonische Konzentration von neuen Dienstleistungsbereichen am S-Bahnring war damals das erklärte Ziel der Baupolitik des Senats. Der Vorschlag der Architekten Lothar O.Eckhart und Elif Alkewitz sah einerseits vor, das ungenutzte Verteilergeschoß der U-Bahn am Innsbrucker Platz als Shopping-Passage zu nutzen und zum anderen vier bis zu 15-geschossige Bürohäuser und ein Hotel zu errichten.Damit sollte der Platz verdichtet und neu gefaßt werden.Die Neubauten seien "schlüssig in die bestehende Situation eingebunden" worden, befand die Jury damals.Den "geschundenen Körper der Stadt" wollten die Architekten an dieser Stelle heilen, ohne ihn zu rekonstruieren.Nur die beiden südlich der Bahn gelegenen Projekte sind bisher realisiert worden.Neben dem Haus der italienischen Versicherung Generali in der Hauptstraße auch das größte neungeschossige Nachbargebäude, das von denselben Bauherren und Architekten gebaut wurde.Beide Häuser versuchen, durch blau-grünliches Glas, schwarzes Metall und schwarzblauen norwegischen Granit einen "kristallinen, felsigen Charakter" zu erzeugen, der an die Berge um Innsbruck erinnern soll.Von Seiten der Anwohner gab es Protest gegen die Pläne ­ schließlich hätte für die beiden weiteren Häuser südlich der Bahn ein Kinderspielplatz geopfert werden müssen.Das Hotel nördlich der Bahn ist jedoch noch in der Diskussion und würde das Wohnhaus von Paul Mebes und Paul Emmerich von 1928, das mit seinem Umbau 1950 als "erstes Hochhaus Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg" in die Baugeschichte einging, zu einem Ensemble ergänzen.Wie Stalaktiten würden die Gebäude aus der Umgebung ragen und eine Stadtkrone mit Bezug auf eine ideelle Mitte bilden. Zusammen mit dem bestehenden WK-Haus von Hans Schoszberger bilden die beiden südlichen Bürohäuser einen Dreiklang, der eine Torsituation zwischen innerer und äußerer Stadt formuliert.Die an Eisblöcke erinnernde dynamische, keilartige Form, erinnert ebenso an die Glasvisionen des deutschen Expressionismus wie an Mies van der Rohes frühe Glashochhausentwürfe für die Friedrichstraße.Vor der leicht konkav gewölbten Fassade des Generali-Hauses entstand ein kleiner Platz mit einer Skulptur von B.W.Blank darauf.Ursprünglich war vorgesehen, im Erdgeschoß ein Café einzurichten und diesen Raum mit dem ersten Obergeschoß über eine Glastreppe und Galerie zu verbinden.Nachdem sich herausgestellt hatte, daß die Generali-Versicherung das Gebäude komplett mieten würde, wollte der Bauherr jedoch größere Flächen in abschließbaren Einheiten schaffen.Die Folge: Er strich die offene Galerie zu zwei Dritteln zusammen.Die ursprünglich intendierte Raumwirkung ist deshalb allenfalls noch rudimentär zu spüren.Im ersten Obergeschoß befindet sich heute ein offener Arbeitsbereich der Versicherung.Der Entwurf "hat viele vom Bauherren veranlaßte Veränderungen durchmachen müssen, die die Konzeption verwässert haben", klagen die Architekten.So ist beispielsweise die innenräumliche Wirkung im Vergleich zur Fassaden- und Baukörperarchitektur entsprechend schwach.Dennoch: Auch die Bauherren müssen viel Mut zu einer unkonventionellen Architektursprache gehabt haben.Der Tatsache, daß die Bauleitung nicht in den Händen der Entwerfer lag, ist es auch zuzuschreiben, daß etwa die Bürotrennwände komplett geschlossen statt an der Fassade in Glas ausgeführt wurden.Die farbige Transparenz der grünen Glanzglasfassade ist dennoch speziell in den Nachtstunden, wenn der Baukörper von innen geheimnisvoll leuchtet, durchaus beeindruckend.Im Scheibenzwischenraum der Pfosten-Riegelfassade mit schmalen schwarzen Profilen liegen Lichtlenksysteme aus Aluminium als Sonnenschutz.Als dritte Materialqualität wurden bedampfte Gläser in langen schmalen Streifen eingeführt, die die Fassade zusätzlich beleben.Auch das Vordach, das den Auskragungen auf beiden Seiten des Gebäudes folgt, ist gläsern. Das ästhetische Spiel mit Reflexion und Transparenz wird leider von dem zweiten Gebäude mit geschlossenen Brüstungen nicht voll mitgetragen.Um die Entwurfshaltung zu beschreiben, die seine dekonstruktivistisch angehauchten "eisigen Monolithen" entstehen läßt, benutzt Eckhart im Gespräch Vokabeln wie Verschiebung, Shift, Bewegung und gebrochene Körperhaftigkeit.Seine Inspiration schöpft der Architekt aus der expressionistischen Malerei und Musik.Die Analogie zur Musik sieht Eckhart im Andante, dem "leichten Gang" der Töne.Beim skizzenhaften Entwerfen, das für beide, Eckhart wie Alkewitz, eine beträchtliche Rolle spielt, versuchen sie, "energetische Strömungen" aus der Geschichte des Ortes und der städtischen Situation herauszulesen und in Vektorenlinien umzusetzen. Obwohl eine solche Haltung in einem Umfeld, das von der strengen "Berliner Schule" geprägt wird, alles andere als opportun ist und in der zeitgenössischen Architektur weitgehend unterdrückt wird, begreifen sich die Entwerfer keineswegs als Außenseiter.In der Verweigerung des rechten Winkels liegt vielmehr ein Reiz, für den Eckhart Architekten wie Zvi Hecker und den großen alten Scharoun als Vorbilder bemüht."Diese reaktionäre Monotonie ­ das kann ich einfach nicht", bekennt der Architekt freimütig.Obwohl viele Details leicht schräg und um einige Grad geklappt sind, geht es Eckhart nicht darum, auch das "unbedingt schief zu gestalten, was auch gerade sein könnte; das wäre peinlich".Seine fragilen, flirrenden Körper, die den Gegenpol zur Schinkelschule bilden, zwingen zum neuen Sehen.Für den Hang zur Vertikalen hat er selbst eine hübsche Erklärung ­ seine weite norddeutsche Heimat, in der "jede Vertikale ein Ereignis ist".

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