Zeitung Heute : Das elektronische Kindermädchen

GUNTER BECKER

In den USA wird ab 1998 ein Anti-Gewalt-Chip in alle neuen TV-Geräte eingebaut / Eine Ausdehnung aufs Internet wird diskutiert / In Deutschland formieren sich Befürworter und GegnerVON GUNTER BECKER

Schreckliche schöne neue Welt.Aus den USA kommen dieser Tage nicht nur apokalyptische Kinovisionen riesiger Raumschiffe, sondern auch ein winzig kleiner Mikrochip, der die Gemüter ähnlich erhitzt, wie die UFOs aus "Independence Day".Der sogenannte V-Chip (V wie Violence) ist in der Lage, TV-Geräte abzuschalten, bevor besonders gekennzeichnete Sendungen mit besonders hohem Gewaltpotential ausgestrahlt werden.Um das "elektronische Kindermädchen" in Bereitschaft zu versetzen und den Chip zu aktivieren, bedarf es allerdings eines Warnimpulses, der zusammen mit dem Programmsignal angeliefert wird. Diese scheinbar unproblematische Methode der Programmkontrolle macht den V-Chip zusehends auch für die Beaufsichtigung des Internet interessant.Im Zuge des forcierten Ausbaus von Online-Diensten zu regelrechten Programmanbietern und der gleichzeitig stattfindenten Entwicklung multifunktionaler internetfähiger Empfangsgeräte, gewinnt der V-Chip über das Medium Fernsehen hinaus an Bedeutung.Die US-Firma Sybase Inc.hat bereits eine Blockade-Software entwickelt, die vordefinierte Websites ausblenden kann, andere Systeme tragen Namen wie Net Nanny, Surfwatch oder Cyber Patrol. Ein, von Präsident Clinton im Februar unterzeichneter "Television Act" soll das V-Chip-System auf breiter Basis durchsetzen.Ab 1998 wird das Modul serienmäßig in alle neuen Empfangsgeräte eingebaut.Gleichzeitig wird die TV-Industrie aufgefordert, einen "rating code", ein Bewertungssystem einzuführen, das TV-Programme mit abgestuften (Gewalt)-Labels kennzeichnet.Auf diese Weise können Eltern die V-Chip-Kontrolle graduell auf das Alter und den Entwicklungsstand ihrer Kinder abstimmen.Falls die Konzerne diesen Akt der Selbstzensur nicht innerhalb eines Jahres zur Zufriedenheit der Regierungsstellen organisieren werden, soll ein Ausschuß der nationalen Aufsichtsbehörde FCC mit der Aufgabe betraut werden. US-amerikanische Medientrends rufen hierzulande fast zwangsläufig ein Echo hervor und so bildet sich jetzt auch in Deutschland eine Lobby für den V-Chip.Auf einer Fachtagung in Wiesbaden trafen vorletzte Woche Verfechter und Gegner der Sperreinrichtung aufeinander.Dabei plädierte die Vorsitzende der Bundesprüfstelle, Elke Monssen-Engberding, in seltener Eintracht mit SAT 1-Geschäftsführer Jürgen Doetz, gegen den elektronischen Fernsehwächter.Das ist verständlich, denn die Bundesbehörde kann kein Interesse daran haben, ihre Beurteilungskompetenz an einen kleinen Mikrochip abzutreten.Die privaten TV-Veranstalter wiederum sind nicht dazu bereit, freiwillige Selbstzensur zu üben und dadurch auf das konsumfreudige Publikumssegment "Kinder und Jugendliche" zu verzichten. Als prominenter Vertreter der Pro-Chip Fraktion forderte der Mainzer Medienforscher Hans-Mathias Kepplinger den Einsatz des V-Chip auch in Deutschland und in Europa: "Erwiesenermaßen sind viele Eltern von der Aufgabe, ihren Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Fernsehen beizubringen, vollkommen überfordert", urteilte der Wissenschaftler in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel.Die existierenden Kontrollinstanzen Bundesprüfstelle, Landesmedienanstalten und "22 Uhr-Grenze", hält Kepplinger für nicht ausreichend, um den kindlichen Konsum von TV-Gewalt einzuschränken.Politische Unterstützung erhält er dabei von Karsten Hoppenstedt, dem medienpolitischen Sprecher der EVP-Fraktion im Europaparlament.Das Thema soll dieser Tage in den zuständigen Gremien des Europarlamentes diskutiert werden. Tatsächlich werden durch die Einführung des Chip aber juristische und programminhaltliche Fragen aufgeworfen, die weit komplexer sind als es die Pro-Fraktion glauben machen will.Bürgerrechtsgruppen wie die ACLU (American Civil Liberties Union) oder das First Amendment Center, eine Organisation zum Schutz der Meinungsfreiheit, machen gegen die "staatlich erzwungene Freiwilligkeit" der V-Chip-Kontrolle mobil.Kritische Juristen halten das beigepackte "rating"-System für einen Anschlag auf das Zensurverbot. Verschärft wird der Protest durch die öffentlichen Äußerungen republikanischer Kongreßabgeordneter, die das V-Chip-Modell aufs Internet ausdehnen wollen.Der entschiedene Widerstand gegen den CDA (Communication Decency Act), den Versuch einer direkten staatlichen Kontrolle des Netzes, hat die Regulationsfans in der US-Regierung nachdrücklich gewarnt.Jetzt erscheint ihnen eine "parental control", also eine an die Eltern delegierte Programmaufsicht via V-Chip, als der "Königsweg" zum Ziel "sauberes Internet".Eine hervorragende Website zum Thema mit Verweisen zu Gesetzestexten, Bürgerrechtsgruppen und juristischen Gutachten isthttp://roscoe.law.harvard.edu/courses/techseminar96/course/sessions/vchip/vchipindex.html

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar