Zeitung Heute : Das Ende dauert 30 Sekunden

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Von Markus Feldenkirchen

und Peter Siebenmorgen

An diesem Donnerstagnachmittag befindet sich das Willy-Brandt-Haus im Belagerungszustand. So viele Journalisten und Schaulustige haben sich seit Monaten nicht mehr für die SPD interessiert. Kameramänner treten sich auf dem Fahrradweg vor der Parteizentrale gegenseitig auf die Füße, Auf der anderen Seite parken zwei VW-Busse und ein Mannschaftswagen der Polizei. Beamte patrouillieren um den wuchtigen Bau. Oben, im sechsten Stock, soll um 15 Uhr das Präsidium der Partei über das Schicksal Rudolf Scharpings richten. Aber die Hektik verrät, dass es um mehr als eine Ministerzukunft geht. Vielleicht geht es auch ein Stück weit um die Zukunft einer ganzen Partei, in jedem Fall um Gerhard Schröders Kanzlerschaft.

Schon eine Dreiviertelstunde vor Sitzungsbeginn stürmt der Generalsekretär Franz Müntefering wortlos in die Parteizentrale, gefolgt von Manfred Stolpe. Der Regierungs- und Parteichef selbst wählt den Inkognito-Eingang durch die Tiefgarage. Alle, die zu sehen sind, bieten das gleiche Bild: graue Gesichter, keine Kommentare, bitterer Ernst. Selbst die sonst so sonnig lächelnde Ute Vogt aus Baden-Württemberg stapft mit verschränkten Armen ins Haus. Nur Peter Struck, der bereits seit einigen Stunden als heißester Kandidat für die Scharping-Nachfolge gehandelt wird, schlendert mit einem leisen Lächeln auf den Lippen durchs Foyer, die rechte Hand in der Hosentasche versenkt, als sei das eine ganz gewöhnliche Sitzung.

Auch Rudolf Scharping wählt den Gang durch die wartende Meute, das Kinn gehoben, als wolle er über die Wartenden hinwegsehen, den Mund zu einer eigentümlichen Form zusammengepresst, die ein Lächeln darstellen soll, aber nicht sein will.

Drinnen wartet er vor dem Ständer mit den Wahlkampf-Broschüren der SPD auf den gläsernen Aufzug. Ewige Sekunden, die Kameras wie Gewehre im Rücken. Scharping dreht sich nicht um. Nach eineinhalb Minuten ist der Aufzug endlich da. Scharping will da rein, drückt gegen die Tür, noch bevor diese sich öffnet. Dann schwebt er davon in den sechsten Stock.

Dort ist schnell gesagt, was zu sagen ist. Der Minister bleibt dabei: Zurücktreten will er nicht. Schröder aber ist wild entschlossen, sich von ihm zu trennen: Wenn Scharping freiwillig nicht gehen will, dann wird der Kanzler ihn entlassen. Und auch der Nachfolger ist schon bestimmt: Es soll tatsächlich Peter Struck werden.

Um 15 Uhr 34 eilt Gerhard Schröder dann aus der Sitzung des SPD-Präsidiums in das Foyer des Willy-Brandt-Hauses und tritt vor die Presse, einen DIN- A5-Zettel in der Hand. Wenige Sätze stehen darauf, der Bundeskanzler – mit ernstem Gesicht, unterstrichen von der Lesebrille – liest emotionslos ab: „Ich werde den Herrn Bundespräsidenten bitten, Rudolf Scharping aus dem Amt des Bundesverteidigungsministers zu entlassen“, dies habe er den Kollegen des Präsidiums erklärt, denn „die notwendige Basis für eine gemeinsame Arbeit in der Bundesregierung ist nach meiner Auffassung nicht mehr gegeben.“ Ein Wort zum Nachfolger, Abtritt. Die Szene dauert 30 Sekunden.

Zur gleichen Zeit übt in Bayreuth das Festspielorchester Richard Wagners Walküre, inszeniert von Jürgen Flimm, der seinen Freund, den Kanzler, eigentlich zu dieser Generalprobe erwartet hatte. Wie sich die Szenen gleichen: „Nur eines will ich noch: das Ende, das Ende!“, seufzt Wotan dort schicksalsergeben im zweiten Aufzug.

Schon am Dienstag weiß Scharping, dass sich der Kanzler von ihm trennen wird. Nur noch die Umstände seines Rückzugs stehen dem Verteidigungsminister zur Wahl. Es ist früher Abend, Scharping macht auf seiner Sommerreise von Kaserne zu Kaserne gerade Station beim Panzergrenadier-Bataillon 52 in Rotenburg an der Wümme. Da ereilt ihn der Anruf Schröders. Zum ersten Mal fordert der Kanzler seinen Minister zum Rücktritt auf. Bereits seit Stunden verbreiten die Nachrichtenagenturen, dass Scharping in unziemlichen Geschäftsbeziehungen zu der PR-Agentur Hunzinger stehe. Geld soll geflossen sein, wofür auch immer, eine Rechnung bei einem noblen Frankfurter Herrenausstatter über mehr als 50 000 Mark sei von Hunzinger für Scharping beglichen worden.

Original oder Fälschung?

Ganz überraschend kommen die Meldungen für Scharping nicht: Seit der vergangenen Woche liegt ihm ein Fragenkatalog des „Stern“ vor, der in dieser Sache recherchiert. Am Montag hatte bereits die „Süddeutsche Zeitung“ über die Vorwürfe berichtet. Und den Artikel des „Stern“ selbst, der die Lawine ins Rollen bringt, hat Scharping am Dienstag in der Mittagszeit, bei Soldaten in Bad Salzungen weilend, vorab zur Kenntnis erhalten. Scharping ist sich sicher, dass er sich nichts zu Schulden hat kommen lassen. Manche der veröffentlichten Dokumente seien gefälscht; das sagt auch sein Staatssekretär Walther Stützle, der von einem Rüstungsmanager einen Brief erhalten haben soll, den der „Stern“ faksimiliert, der aber tatsächlich nie im Verteidigungsministerium eingegangen sei. Auch die Kleiderrechnung, darauf besteht der Minister, sei nicht echt. Im Übrigen: Alle Einnahmen, die jetzt in Rede stehen, seien rechtlich einwandfrei, genau versteuert, über alles habe sein Steuerberater Belege.

Noch am Tag seines Rücktritts besteht Rudolf Scharping darauf, er gehe „erhobenen Hauptes“. Er weiß aber auch, seitdem der „Stern“ ihn am 12. Juli erstmals mit den Vorwürfen konfrontierte, dass die lückenlose Aufklärung Zeit in Anspruch nehmen wird. Und die arbeitet jetzt gnadenlos gegen ihn.

Der Druck wächst. Auch der Kanzler, der am Sonntag von Scharping über die „Stern“-Recherchen informiert worden ist, wird ungeduldig. Mehrfach telefonieren Schröder und Scharping am Mittwoch – und immer wieder der gleiche Dialog. Schröder: Du musst zurücktreten. Scharping: Nein, ich habe mir nichts vorzuwerfen und mich in jeder Hinsicht korrekt verhalten.

Wie oft hatte der Kanzler sich das von seinem Minister schon anhören müssen: im vergangenen Sommer bei den Berichten über die mallorquinischen Badespäße, auch in den jüngsten Monaten beim Theater um die Beschaffung des Militär-Airbus. Und immer wieder, wenn Scharping ins Gerede kam oder sich selbst ins Gerede brachte, weil er gegenüber Journalisten Erklärungen abgab, die diese so verstanden, als halte sich der Verteidigungsminister für den besseren Kanzler. Niemals hatte Schröder zugeschlagen, ein ums andere Mal seinen Zorn heruntergeschluckt. Auch, als die Geschichten um Scharping ihn selbst schwer zu beschädigen drohten. Noch in der vergangenen Woche hatte der Kanzler im kleinen Kreis gesagt, bei Scharping habe er einfach Beißhemmungen.

Spätestens an diesem Mittwoch aber ist dem Kanzler klar, dass es ohne Blutvergießen nicht mehr gehen wird. „In eigener Fessel fing ich mich, ich Unfreister aller“ – nicht länger will, nicht länger kann Schröder Wotans Klagelied folgen. Noch am Mittwochabend berät er sich – im Urlaub zu Hause in Hannover – wie es weitergehen soll; Peter Struck, der Scharpings Nachfolger wird, ist auch da. Wenn Scharping seinen Platz nicht freiwillig räumt, wird er entlassen. Dieses Szenario, das der Kanzler seit dem Vortag erwägt, nimmt jetzt seinen Lauf. Am Donnerstagfrüh – Scharping ist bei seiner Sommertour gerade in Meppen, von wo er weiter nach Düsseldorf will – teilt ihm der Kanzler die Entscheidung mit. Für den Nachmittag würden die Führungsgremien von Partei und Fraktion einberufen, darauf solle er sich einrichten. Gegen 11 Uhr erhält dann Scharpings Büro die Einladung zur auf 15 Uhr anberaumten Sondersitzung des Partei-Präsidiums; nach kurzer Beratung mit seinen engsten Mitarbeitern entschließt sich der Verteidigungsminister, mit dem bereitstehenden Bundeswehr-Hubschrauber nicht ins Rheinland, sondern an die Spree zu fliegen.

„Gezielte Kampagne“

Eine kurze Beratung im Ministerbüro, Krawattenwechsel, dann die Fahrt ins Präsidium. Und danach vor die Presse, die bereits am Ministerium wartet. Draußen im Foyer stehen marineblaue Informationsterminals. Auf den Bildschirmen ist die Homepage des Ministeriums aufgeblättert. Unter der Rubrik „Das aktuelle Thema“ steht dort noch: „Sommerreise: Minister Scharping besucht Divisionen für luftbewegliche Operationen“.

Äußerlich wirkt Scharping ruhig, die linke Hand steckt in der Hosentasche. Die Augen sind gerötet. Dann holt er tief Luft und beginnt zu reden. Mit ruhiger, gedämpfter Stimme, der man den Groll tief drinnen nicht anhört. Scharping sieht sich als Opfer einer „durchaus gezielten Kampagne“. Wesentliche Teile der im „Stern“ erhobenen Behauptungen seien „falsch und ehrenrührig“. Deshalb habe er dem „Herrn Bundeskanzler“ auch gesagt, dass er es für nicht vertretbar halte, „ein solches Amt“ auf der Grundlage falscher Behauptungen beschädigen zu lassen. Nein, eine Grundlage für diesen Rücktritt sehe er nicht. Dennoch klebe er nicht an seinem Sessel. „Dieses Amt verlasse ich erhobenen Hauptes und mit geradem Rückgrat“, sagt Scharping und geht.

Für ein paar Momente, bis Scharping heute gegen 11 Uhr vom Bundespräsidenten seine Entlassungsurkunde entgegennehmen wird, soll fast alles weitergehen wie geplant: Abflug nach Bonn, wo ein dienstlicher Termin in Personalfragen angesetzt ist, später dann zur Mutter nach Lahnstein, die am Entlassungstag ihres Sohnes 80 wird. Nur die Parteiveranstaltung am Abend in Bad Ems, die wird sich der Gestürzte wohl schenken.

Der Kanzler eilt derweil von einer Sitzung zur nächsten. Vielleicht hat sich an diesem Tag, kurz vor der Bundestagswahl, sein Schicksal besiegelt. Immerhin sind die beiden – Schröder und Scharping – nun im Klagelied Wotans vereint. Walküre, zweiter Aufzug, zweite Szene: „O heilige Schmach! O schmählicher Harm! Götternot! Götternot! Endloser Grimm! Ewiger Gram! Der Traurigste bin ich von allen!“

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