Zeitung Heute : Das Ende der Geschichte Jürgen W. Möllemann tritt zurück

Robert Birnbaum

Geschichte wiederholt sich nicht? Doch, diese schon. Als am 3. Januar 1993, vormittags um elf, der Bundeswirtschaftsminister Jürgen W. Möllemann „aus aktuellem Anlass“ die Presse zu sich bat und eine Erklärung vorzutragen begann, meldete eine Viertelstunde später eine Nachrichtenagentur: „Möllemann tritt offenbar nicht zurück.“ Anders konnte man den Vortrag des Herrn Minister bis zu diesem Zeitpunkt in der Tat nur schwer verstehen. Er und einen Fehler gemacht? Nie. Später wird er diesen Rücktritt wegen eines Empfehlungsschreibens auf Minister-Briefpapier als den größten Fehler seines Lebens bezeichnen. Da wusste er noch nicht, was er noch alles anrichten würde.

Am Sonntag morgen reibt sich mancher aus der FDP-Spitze verblüfft die Augen. In der „Bild am Sonntag“ prangen einige Farbfotos. Sie zeigen Jürgen W. Möllemann am Steuer eines Jeeps, Möllemann kurz behost und in Badeschlappen vor einer weißen Villa. In einem Kurhotel in der Schweiz erhole sich der Leidende, hatte einer seiner Anhänger in Düsseldorf lanciert. Aber Möllemanns Ferienhaus liegt auf Gran Canaria. Und Gran Canaria nicht in der Schweiz.

Möllemann muss die Fotografen gesehen haben und gewusst: Jetzt ist es wirklich aus. Andere hatten das schon am Freitag früh begriffen, als FDP-Schatzmeister Günter Rexrodt auf den Tisch legte, was er entdeckt hatte. Ein ziemlich stümperhaftes Netz von Konten war das, hinter dem sich bislang unsichtbar der oder die verbargen, die Möllemanns mittlerweile hinreichend berüchtigtes Wahlkampf-Flugblatt finanzierten. „Das mit dem Geld ist sauber“, hat noch vor zwei Wochen einer von seinen Zuarbeitern versichert, „Möllemann ist ein Profi.“ Wahrscheinlich hat der Mann das sogar selber geglaubt. Zu den großen Begabungen des Jürgen W. Möllemann hat es immer gehört, die Leute an sich glauben zu machen. „Ich habe einen Traum“, hat er vor gut zwei Jahren einem Parteitag zugerufen. Und der ganze Parteitag hat den Traum mitgeträumt von der starken, der 18-prozentigen Volkspartei FDP.

Aus der Traum, auch der. Die Rede vom „Quartals-Irren“ geht seit jenem Flugblatt wieder um, das Wort, das Hermann Otto Solms mal auf ihn gemünzt hat. Was ihn dazu getrieben hat, nicht nur diese wahnsinnige Flugblatt-Aktion zu starten, hinter dem Rücken der ganzen Partei? Am Montag vor der Wahl ist das FDP-Präsidium noch mal alle größeren Aktionen bis zum 22. September durchgegangen. Möllemann hat nichts gesagt. Da waren die Briefträger in Nordrhein-Westfalen schon unterwegs mit den achteinhalb Millionen Wurfsendungen. Was ihn auf die wahnwitzige Idee gebracht hat, sich das Geld dafür auf dunklen Wegen zu beschaffen? Hat er geglaubt, es fragt hinterher keiner? Ja, das hat er wohl geglaubt. Hat alles darauf gesetzt, dass der Flyer die Wähler noch mal in Scharen zu ihm treibt, der FDP in Nordrhein-Westfalen ein viel, viel besseres Ergebnis beschert als anderswo, hat sich als Retter der Partei und des Wahlsiegs im Triumph in Berlin einreiten sehen, die ganzen Kleingeister unter den Hufen zermalmend, die Döring und Brüderle, die Lambsdorff und Gerhardt, die ganze alte FDP, gegen die er sein Leben lang gekämpft hat.

Und wieder verloren hat, gründlich. Das hat er nicht glauben wollen, als sich Guido Westerwelle, dieses „Guidolein“, dieses zaudernde Weichei, wie er den Jüngeren an der Parteispitze gerne sah, nicht mit dem Rücktritt vom Vize-Vorsitz und der üblichen Zerknirschung begnügen wollte. So kannte er das bisher, weil sich die Geschichte des Jürgen Möllemann immer wiederholt hat, ein ständiger Kreis von Aufstieg, Hybris, Fall, Unterwerfungsgesten, Vergebung, neuem Aufstieg: Minister, Landesvorsitzender, Fast-Bundesparteichef, wieder Landeschef und so weiter. Alle Parteichefs seit Otto Graf Lambsdorff hat er geplagt und ihnen zugesetzt, bis sie auf ihn eingeschlagen haben. Dann war er ganz kurz ganz klein. Und dann so weiter. Nur diesmal nicht. In Wesel beim Sonderparteitag hätte Westerwelle ihn gestürzt. Zwei Wochen lang hat Möllemann gebarmt und alle Register der Reue gezogen. Als das nicht verfing, brach er zusammen.

Am Sonntag abend joggt Guido Westerwelle irgendwo durch Berlin. Die Rücktrittserklärung, auf die alle seit zwei Tagen warten, kommt per Fax. „Konsequent und notwendig“ wird Westerwelle sie später nennen, nur der Absetzung zuvorgekommen. Aber ist das denn eine Rücktrittserklärung? Das ist eine Abrechnung mit finsteren Gestalten, die Jagd auf ihn machen, die „infame Ferndiagnosen“ stellen, die den Kranken, Wehrlosen in den „politischen Tod“ treiben wollen. Was hat er sich doch getäuscht in dieser Partei!

Nur ganz unten steht, dass die FDP durch ihn „keinen finanziellen Schaden“ erleiden werde. Da, kunstvoll versteckt, ist das Eingeständnis. Überdröhnt wird es von Sätzen wie Drohungen: „Dass ich meinen politischen Beitrag an geeigneter Stelle und in geeigneter Weise leisten werde, sobald ich das wieder kann.“ Er und einen Fehler gemacht? Nie. Diese Geschichte hat sich wiederholt. Zum letzten Mal.

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