Zeitung Heute : Das Ende der Mir: Helden ohne Heimat

Thomas de Padova

Walerij Bykowskij hätte der erste Mensch im Weltraum sein können. Aber die Wahl fiel damals nicht auf ihn, sondern auf Jurij Gagarin. Er wisse bis heute nicht so recht, aus welchem Grund, erzählt Bykowskij. Alle sechs Kandidaten, die nach der strengen Auswahl übrig geblieben waren, seien aus ähnlichem Holz geschnitzt gewesen: gesund, nervenstark, kleiner als 1 Meter 72.

"Wir sind stolz auf Gagarins Beispiel", sagt Bykowskij mit leicht gesenktem Kopf, gerade so, als ahne er doch, warum der schon früh von den sowjetischen Medien umschwärmte Gagarin den Vorzug erhielt. Bykowskij selbst machte zwei Jahre später, im August 1963, seinen ersten Flug ins All. "Es sind tatsächlich schon 40 Jahre vergangen."

In der Vorhalle des Russischen Hauses der Wissenschaft und Kultur in Berlin umarmt Bykowskij den ebenso ergrauten Sigmund Jähn. Mit dem ersten Kosmonauten der DDR lag er einst Seite an Seite in einer Sojus-Kapsel, zusammengekrümmt wie zwei Kinder im schützenden Mutterleib. Sieben Tage, 20 Stunden und 49 Minuten dauerte der Weltraumflug - der Beginn einer Freundschaft.

Die Raumfahrtkonferenz in Berlin ist auch im vierten Jahr ein Veteranentreffen. Außerhalb des Plenums kursieren Anekdoten, Männergeschichten. Bykowskij zu Jähn, Jähn zu dem Deutschen Ernst Messerschmid, der weiter zu Alexander Kalerij ...

Kalerij ist mit 44 Jahren einer der Jüngsten. Vielleicht ist er auch der traurigste Held in diesen Stunden. Ausgerechnet zwei Tage vor dem für diesen Freitag geplanten Absturz der Raumstation Mir hat es ihn nach Berlin verschlagen. Noch im Sommer war er gemeinsam mit seinem Tischnachbarn Sergej Zaletin auf der Mir. "Wir haben sie so verlassen, als ob eine neue Crew nachfolgen würde", sagt er. "Wir haben einen Brief hinterlassen, Brot und Salz. Wir hätten nie gedacht, dass wir die Letzten sein würden."

Jetzt muss er sich eine Computersimulation des bevorstehenden Mir-Absturzes anschauen. Er, der die Tür der Mir hinter sich geschlossen und den dumpfen Schlussgong des 15 Jahre lang erfolgreichen Raumfahrtprogramms seither im Ohr hat. "Die Mir war mein Leben, meine ganze Karriere. 17 Jahre lang war ich im Team der Kosmonauten."

Kalerij wünscht sich ein russisches Nachfolgemodell, eine zweite Mir. Das sagt er allerdings nicht coram publico. Denn ihm gegenüber sitzt sein geläuterter US-Kollege William Surles McArthur. Auch er war vor sechs Jahren für kurze Zeit auf der Mir. "In der Vorbereitung auf den Flug bin ich zu dem Schluss gekommen, dass wir gemeinsam viel mehr erreichen können, als wenn eine Nation es alleine versucht", sagt der hagere Mann, dessen in diesem Kreise auffällig hochgewachsene Statur etwas von der Bequemlichkeit des Space Shuttles gegenüber russischen Raumtransportern verrät.

McArthur ist begeistert von den Perspektiven, die der Bau der Internationalen Raumstation eröffnet. Sie soll dreimal so groß werden wie die Mir und einem Team von sechs Astronauten Platz bieten. Die Menschheit sei nun dabei, das ganz große Ziel anzusteuern: eine Reise zum Mars.

Der Mars ist weit weg. 500 Tage müsste man für Hin- und Rückflug einkalkulieren. Noch nie war jemand so lange ununterbrochen der Schwerelosigkeit ausgesetzt. Nur Walerij Poljakow hätte dies beinahe geschaft. Der Chefarzt der russischen Kosmonauten wollte Mitte der 90er Jahre mit einem Rekordflug unter Beweis stellen, dass der menschliche Organismus eine solche Reise überstehen kann. 438 Tage blieb er auf der Mir. Es wären noch mehr geworden, hätte sich der Start nicht verzögert.

Walerij Poljakow sitzt mit starrer Miene im Tagungsraum und macht Notizen. Bei Videoeinspielungen wechselt er wortlos den Platz, um die Leinwand besser im Blick zu haben. Dann schreibt er wieder, ohne, wie andere, zwischendurch mit den Nachbarn zu tuscheln. Stunden vergehen.

"Man kann lange fliegen, wenn man eine interessante Arbeit hat", erzählt Poljakow nach der Sitzung. "Für mich als Arzt gab es auf der Mir viel zu tun. Ich habe an Bord 1500 medizinische Untersuchungen gemacht und so viele Ergebnisse mitgebracht, dass meine Kollegen zehn Jahre lang mit der Auswertung beschäftigt sein werden."

Poljakow lächelt durch seine schmalen Augen. Dann zündet er sich eine Zigarette an und schildert die regelmäßigen Blutdruckmessungen und Kreislauftests. "Man darf sich nicht an die Schwerelosigkeit anpassen." Um eine Rückbildung ihrer Muskeln zu verhindern, müssten die Kosmonauten unentwegt trainieren. "Wer im All nicht mindestens anderthalb Liter Flüssigkeit am Tag ausschwitzt, der bummelt zu viel." Und da die Feuchtigkeit mit Handtüchern aufgefangen und recycelt wird, um Trinkwasser zu gewinnen, habe er immer kontrollieren können, wie viel die Mannschaft tut.

Poljakows professionelle Motivation kann seinen Humor nicht lange verdecken. Dem deutschen Astronauten Ulf Merbold habe er an Bord der Mir sehr viel Blut abgenommen. "Die Kollegen nannten mich einen Vampir." Da habe er ihnen geantwortet, die Wissenschaft verlange eben gewisse Opfer.

Am Abend in der Berliner Urania tritt dann ein Mann auf, der sich in seiner Rolle als Weltraumheld und Erzähler sichtbar wohl fühlt. "Wenn man auf der Mir angekommen ist, sieht man als Erstes, dass die Lehrer uns in der Schule nicht belogen haben - die Erde ist wirklich eine Kugel. Und sie ist herrlich anzuschauen." Ob er zum Mars fliegen würde? Die Strahlenbelastung auf dem Weg dorthin sei groß, antwortet Poljakow. Deshalb bräuchte das Raumschiff eine sichere Schutzhülle. "Wenn es diese Technik gäbe, wäre ich bereit, sofort loszufliegen!"

Nach dem Vortrag verschwindet Walerij Poljakow in einer Menschentraube. Der letzte Weltraumheld? "Kosmonaut zu sein ist heute ein normaler Beruf", sagt Walerij Bykowskij, der seine Orden als Held der Sowjetunion am Revers trägt. "Heute weiß kaum mehr einer, wer gerade im All ist."

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