Zeitung Heute : Das Endeder Befangenheit

MATTHIAS SCHLEGEL

Gelegentlich erinnert die gereizte öffentliche Meinung im Westen an den resignierenden Kummer fürsorglicher Eltern: Wir haben doch alles für das Kind getan, und trotzdem ist es so undankbar.VON MATTHIAS SCHLEGEL Milliarden werden in den Osten transferiert, über neue Straßen brausen immer mehr teure Autos, Glasfaserkabel und Funknetze haben weithin die maroden Telefonleitungen abgelöst, "West"-Komfort beim Wohnen und Essen sind selbstverständlich geworden, gar nicht zu reden von neugewonnener Rechtssicherheit und Weltläufigkeit.Die Bundesregierung zieht eine Billionen-Bilanz beim Transfer vom Westen in den Osten, aber Ost-Politiker wie Manfred Stolpe sprechen von einem "Enttäuschungsschub" bei den Bürgern in den neuen Ländern.Die Parteien überbieten sich gegenseitig im Moralisieren über die Notwendigkeit des Zusammenwachsens, aber Umfragen resümieren wachsende gegenseitige Vorurteile und schwindendes Vertrauen der Neubundesbürger in die Politiker und die Wirksamkeit politischen Handelns.Wie ist diese Widersprüchlichkeit zu erklären? Wenn 93 Prozent der Ostdeutschen die Arbeitslosigkeit als das größte Problem unserer Zeit ansehen - wesentlich mehr als im Westen -, dann ist das nicht nur der deutlich höheren Arbeitslosenquote in den neuen Ländern geschuldet.Es weist auch auf den höheren Stellenwert des Faktors Beschäftigung im Grundwertekatalog der früheren DDR-Bürger hin: Arbeiten heißt Gebrauchtwerden, ins Leben "eingebunden", im sozialen Gefüge nicht auf Almosen angewiesen zu sein.Das Erbe der sogenannten Vollbeschäftigung, die keine Errungenschaft, sondern ein ideologisch verwertbarer Nebeneffekt einer beschämend niedrigen Produktivität in der Planwirtschaft war, besteht nicht nur im Frust über weggebrochene Arbeitsplätze und der allgemeinen Sorge um die noch vorhandenen.Es zeigt sich auch in einer wesentlich ausgeprägteren Fürsorgeerwartung an den Staat. Früher hatten die Menschen Arbeit und kriegten für ihren Verdienst nichts Ordentliches zu kaufen.Heute sind die Läden voll, und die Leute haben nicht genug Geld, um sich etwas zu leisten oder sie halten ihre Pfennige zusammen, weil sie der Zukunft nicht trauen.Die Verheißung vom Goldenen Westen mündete in die verbreitete Erfahrung, noch immer nicht dazuzugehören.Den wohlmeinenden Hinweis auf die neuen Freiheiten, mithin auch die Freiheit, sich beruflich zu verwirklichen, empfinden viele als höhnischen Angriff auf ihr Selbstwertgefühl.Sie haben den Eindruck, unter den verschärften Wettbewerbsbedingungen sei in der Arbeits- und Geschäftswelt doch nur Platz für die besonders Begnadeten, für die ganz Jungen oder für die besonders Windigen. Der auch von den Medien wohlfeil verbreitete Befund, Politik sei nicht in der Lage, Reformen voranzutreiben und einen Ruck durch die Gesellschaft gehen zu lassen, trifft in Ostdeutschland auf fruchtbaren Boden.Weil der totalitäre Staat sich um alles und jeden kümmerte, ist die Einsicht in demokratische Entscheidungsabläufe der pluralistischen Gesellschaft und das Verständnis für deren Tücken noch immer unterentwickelt.Weil das DDR-Regime aber für die erfahrbare Lebenswirklichkeit kaum etwas Entscheidendes bewegte, hatte sich eine ausgeprägte Kultur des Nörgelns entwiêkelt, die noch immer leicht reaktivierbar ist.Daß das daraus resultierende Grummeln über die Verhältnisse aber letztlich nicht ins Grundsätzliche geht, hat der Theologe und Ost-SPD-Mann Richard Schröder gewiß sehr richtig registriert: Es sei schon erstaunlich, sagt er, wieviel schlechte Laune wir uns leisten könnten, ohne daß jemand den Trennungsgedanken von Ost und West ausspreche. Erst wenn eine Trendwende zu mehr Beschäftigung erkennbar ist, wird im Osten Deutschlands wohl ein deutlicher Stimmungsumschwung stattfinden.Sieben Jahre nach der Wende sind die Ostdeutschen indes auf dem Weg, die Befangenheit gegenüber ihrer eigenen Biographie abzulegen.Objektiver und zugleich selbstbewußter wird die eigene Lebensleistung resümiert.Das befähigt sie zu kritischerer Beurteilung der Situation.Aber es bewahrt sie zugleich davor, Demagogen auf den Leim zu gehen, die vermeintliche soziale Glückseligkeit aus den Totalitarismen der Vergangenheit herausreißen und in die Gegenwart verpflanzen möchten.

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