Zeitung Heute : Das erste Gebot

Gespenstisch hat er den Parteitag genannt und dafür Beifall bekommen: Sigmar Gabriel. Nur einem hat das nicht gefallen: Gerhard Schröder. Denn der Kanzler hält den Niedersachsen für einen Verschwörer gegen seinen Generalsekretär. Und will ihn auf keinen Fall zum Zuge kommen lassen.

Stephan-Andreas Casdorff

STREIT DER MÄCHTIGEN – WAS BEDEUTET DER SPD-PARTEITAG FÜR DIE ZUKUNFT?

Jeder Parteitag hat seine eigene Geschichte. 1995 zum Beispiel, als die SPD in Mannheim tagte, war es eine von Misstrauen und Machtwillen und zum Schluss von Hass, und die fand auch noch in aller Öffentlichkeit statt. So öffentlich, dass heute keiner derer, die an dem Kampf um die Führung beteiligt waren, noch zitabel darüber reden möchte. Wer verteidigt schon gerne einen Putsch? Rudolf Scharping und Oskar Lafontaine haben sich aus dem täglichen Kampf um die eigene Position verabschiedet, Gerhard Schröder steht an der Spitze und ist heute darauf angewiesen, dass die Partei ihm folgt. Wenn nicht, zeigt sich das Alpha-Tier: „Euch mach’ ich fertig“, hat er gerade einen alten Weggenossen angebrüllt. Es soll ja keiner wagen, gegen ihn aufzubegehren.

Vom Parteitag in Bochum wird im Nachhinein auch eine Geschichte erzählt werden, eine in zwei Teilen. Das öffentliche Geschehen ist der erste: Schröder musste seine Partei aus den Niederungen ihres Missmuts herausführen. „Mein Deutschland 2010“ – eine Formel geriet zum Programm und, beim Reden, zu seiner kleinen Vision. Schröders Pathos lag im Pragmatismus, und während er so zu den mehr als 500 Delegierten und 1500 Gästen sprach, war dieser Selbstversuch zu beobachten: Wer von sich selbst überzeugt ist, kann andere überzeugen. Schröder schien von seinem Politikentwurf ziemlich begeistert zu sein.

„Wer, wenn nicht wir“, noch so eine Formel des Parteitags, sollte den Genossen Mut machen, sich auf die ruhmvolle Vergangenheit zu besinnen, auf dass daraus Kraft für die Zukunft erwachse. Und doch klang in dieser Formel schon das Persönliche an: der Plural der Majestät. Ganz so, wie es klingen kann, wenn einer Kanzler ist und sich die Partei untertan macht. Helmut Kohl lässt grüßen.

Die allmähliche Verkohlung des Gerhard S. – das ist der Teil der Erzählung, der in Bochum erst beginnt. Geschichte wiederholt sich nicht? In manchem doch, und vielleicht wohnt die Analogie den Ämtern inne, die einer auf sich vereinigt, Kanzler und Parteivorsitzender. Denn in Bochum war zu sehen, wie die Partei um ihre Zukunft rang – und Schröder um jeden Zentimeter seiner Macht. Schröder als Kohl seiner Zeit: Die augenfälligste Übereinstimmung ist die Wahl des Generalsekretärs. Nach einem starken, in der Partei verwurzelten, ihr aus der Seele sprechenden hat der Vorsitzende einen Mann geholt, der mehr Sekretär als General ist. Der denkt, aber nicht lenkt und ihm nicht gefährlich werden kann. Der ihm nur die Geschäfte führt, aber niemals geschäftsführender Vorsitzender sein wird. Weil er auf das Wohlwollen des Vorsitzenden angewiesen ist, damit der ihm die Autorität leiht, sein Amt ausführen zu können. Vom Ausfüllen ist lange nicht mehr die Rede. Was für Kohl Peter Hintze war, ist für Schröder Olaf Scholz.

Ist es nicht aber doch wichtig, „eigene Autorität“ zu haben, wie der in vielen Jahren und Auseinandersetzungen gestählte Peter Strieder sagt? Ist es nicht nötig, diese Autorität auch gegenüber dem Kanzler für die Belange der Partei einsetzen zu können? Was sich der Berliner Landesvorsitzende wünscht, entspricht der Stimmung, aber sagen will es keiner laut. Denn so ist die Stimmung: zurückgenommen, weil die eigenen Leute regieren, und vorsichtig, auch weil des Kanzlers Mannen hinter einem stehen könnten, die Sprecher, Redenschreiber, namenlosen Referenten, die schweigend zuhören und sich später abseits des Podiums im Schatten der Lichtkegel zusammensetzen.

Da also sitzt der Hintze der SPD neben Schröder, schaut bärbeißig, so wie der andere griesgrämig, und beide fragen sich, wie es gekommen ist, dass die Absprachen nicht gehalten haben. Dass dem getreuen Scholz um ein Haar das Amt nicht wieder zugesprochen worden wäre, für das ihn der Kanzler doch in besonderer Weise geeignet hält. „Kollektive Unvernunft“ sei’s gewesen, sagt Schröder, was aus seinem Munde so viel heißt wie Unbotmäßigkeit. Das Lächeln, mit dem er es sagt, täuscht.

Hinter der Fassade und hinter den Kulissen sieht es anders aus. Schröder hat gebrüllt vor Wut. Er hat die Niedersachsen, seine Niedersachsen, die ihn am besten kennen, verantwortlich dafür gemacht, dass Scholz derart getroffen wurde. Das Misstrauen, das inzwischen im Willy-Brandt-Haus nistet, der Parteizentrale, zeigt sich auch in Bochum, auch bei Schröder. Und der Machtmensch wird zur Machtmaschine. Kohl lässt grüßen.

Wolfgang Jüttner ist Niedersachsens SPD-Chef. Früher war er Minister in Hannover unter Schröder, und dass Jüttner heute die Landespartei führen kann, hat auch mit Schröder zu tun. Ihn brüllte Schröder an: „Was ihr da abgeliefert habt, ist eine Sauerei!“ Hatte nicht Garrelt Duin unablässig Scholz’ Ablösung verlangt? Den jungen Bezirksvorsitzenden aus Ostfriesland hält Sigmar Gabriel für den nächsten SPD-Ministerpräsidenten in Hannover. Da muss es doch Absprachen anderer Art gegeben haben!

Schröder vermutet Verrat und wittert: Konkurrenz. Und handelt so, dass deutlich wird, wen er treffen will: Gabriel. Ihm unterstellt Schröder vor allen anderen, die Schlappe des Generalsekretärs vorbereitet zu haben, weil er es selbst werden wolle. Mag der auch dementieren, wie er will, so läuft das Gerücht über den Parteitag, durch die Wandelgänge und in die Lounges: Dass da einer sei, der wegen seines Machtwillens den Zusammenhalt der Partei und die Stellung des Vorsitzenden gefährde. Die Mannen des Kanzlers meinen Gabriel – aber erinnern ungewollt an Schröder, den jüngeren.

Das nämlich ist es auch: Schröder sieht sich in Gabriel. Einer, der populär bis zum Populismus formulieren kann und mit zwei kurzen Reden mehr Beifall einsammelt als der Generalsekretär. Gabriel, einer wie Schröder. Denkt Schröder.

Sie sind oft aneinander geraten. Damals, als Schröder noch Ministerpräsident und Gabriel Fraktionschef war. Der eine verlangte Unterordnung, der andere knallte die Türen. Oder als Gabriel Ministerpräsident war und zur Steuerreform drängte. Schröder verlangte wieder Unterordnung. Gabriel verlor, und seither sagen Granden in der SPD hinter vorgehaltener Hand, dass Schröder ihn seinem eigenen Machtwillen geopfert, ihn „geschlachtet“ habe. Gabriel fühlt sich auch so.

Sigmar Gabriel betrachtet jetzt, nach dem Verlust des Regierungsamtes, die SPD vielleicht mehr denn je als seine Heimat. Und hält sich Wohlverhalten zugute: Hat er nicht gezeigt, dass er zur Selbstbescheidung bereit ist, indem er nicht nach dem Landesvorsitz griff, sondern Bezirksvorsitzender in Braunschweig wurde? „Ich weiß, wo ich herkomme, und deshalb weiß ich auch, wo ich hingehöre“ – Gabriel hätte so gerne, dass Schröder anerkennt, wie er nach dessen Partei-Leitsatz handelt.

Er hat ihn nicht herausfordern wollen, nicht wirklich, hat ein bisschen die Muskeln spielen lassen, sein Talent zeigen wollen. Gabriel, der Jüngere, hat längst akzeptiert, dass allzu starkes Drängen zu einem größeren Hindernis führen kann: zu Schröder. Er hat sogar im Vorfeld, erzählt Gabriel sichtlich aufgeregt, für Olaf Scholz geworben. 70 Niedersachsen sollen seine Zeugen sein.

Der Kanzler war nicht darunter. Als Gabriel redet, steht sofort Schröder auf, um zu widersprechen. Als Gabriel auf ihn zugeht, um mit ihm zu reden und ihn von seiner Loyalität zu überzeugen, dreht Schröder sich auf dem Absatz um und geht. Das trifft Gabriel, und darin unterscheidet er sich von Schröder. Gabriel läuft dem Kanzler nicht nach, aber die Situation ihm, den ganzen Tag.

Jeder Parteitag hat seine Geschichte. Die hier endet nicht in Bochum. Denn sie bleiben einander erhalten. Sigmar Gabriel hat sich vernetzt in der Partei, er wird zu einer Größe aus eigenem Recht. Er ist im ersten Anlauf in den Bundesvorstand gewählt worden. Und die Größen im Landesverband Baden-Württemberg, die von links und von rechts, haben noch in Bochum beschlossen, dass er „so schnell wie möglich“ Scholz als Generalsekretär nachfolgen soll. Die Stimmen für ihn mehren sich inzwischen von alleine.

Unter den Großen der Partei hält Franz Müntefering den engsten Kontakt zu Gabriel. Auch in Bochum hat Gabriel bei ihm Rat und Schutz gesucht. Bei Müntefering, von dem Schröder sagt, er sei eine „Kultfigur in der SPD, davon profitiere auch ich“. Müntefering, der die Sprache der Genossen spricht und die Seele der Partei kennt, sieht in Sigmar Gabriel eine herausragende Hoffnung: für die Zeit nach sich und nach Gerhard Schröder.

Der Kanzler aber wittert mehr.

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