Zeitung Heute : Das erste Gesicht

Ludwig-Holger Pfahls war Strauß-Getreuer, Verteidigungs-Staatssekretär, Verfassungsschutz-Chef – auch die öffentliche Hälfte seines Doppellebens ist voller Geheimnisse

Peter Siebenmorgen

Der 26. April 1985 ist einer jener Tage, die das vernichtende Urteil von Franz Josef Strauß über Helmut Kohl mit weiterem Beweismaterial unterfüttern. Am Morgen, zwischen 9 und 11 Uhr 15, treffen sich die beiden Unions-Vorsitzenden im Bonner Arbeitszimmer des Bundeskanzlers. Und wie so oft sprechen sie über alles und jedes und aneinander vorbei. Nachdem die großen Fragen der internationalen Politik und Gereiztheiten in der Regierungskoalition abgehandelt sind, wendet sich das Gespräch am Schluss noch einigen demnächst zu regelnden Personalfragen zu. Auch die Neubesetzung des Präsidentenamtes beim Bundesnachrichtendienst steht an. Und für solche Personalien hat sich der bayerische Ministerpräsident schon immer interessiert.

Kohl eröffnet Strauß, dass er mehrere Kandidaten im Sinne habe, aber noch nicht festgelegt sei. Worauf der CSU-Vorsitzende erwidert, sein Personalvorschlag laute Ludwig-Holger Pfahls. An der Spitze des Dienstes brauche es einen Mann, der sich neben seiner fachlichen Qualifikation nicht durch „gesellschaftliche Selbstdarstellung“, sondern durch „ein Höchstmaß an Anonymität“ auszeichne. Dass letzteres auf Pfahls zutrifft, wird dieser in den folgenden Jahren immer wieder eindrucksvoll belegen.

Allerdings hält sich die Begeisterung des Kanzlers über die Idee von Strauß in Grenzen. Er kennt Pfahls, der seit Jahren seinem Herren als Schatten nacheilt. 1978 wurde der promovierte Jurist und vormalige Richter am Obersten Bayerischen Landesgericht persönlicher Referent des bayerischen Ministerpräsidenten, 1981 übernahm er die Leitung des Büros von Strauß und seit 1982 steht Pfahls, mittlerweile im Range eines Ministerialdirigenten, der Abteilung für Grundsatzfragen und grenzüberschreitende Zusammenarbeit vor. In dieser Funktion begleitet er Strauß regelmäßig zu Koalitionsterminen nach Bonn, füllt dessen gefürchtete Aktendossiers für die Besprechungen in der Bundeshauptstadt mit präzisen Daten und Fakten an. Und „grenzüberschreitende Zusammenarbeit“ – das bedeutet in Bayern eben nicht nur, den Blick auf die österreichische Nachbarschaft richten, sondern die vor- und nachbearbeitende Begleitung von Strauß in alle Welt: Ob Togo oder Pretoria, Reagan oder Schalck-Golodkowski, die Interessen des bayerischen Ministerpräsidenten sind grenzenlos, und damit ist auch der Aktionsradius dieses Ministerialdirigenten, den Strauß nun, im Frühjahr 1985, zum BND-Chef aufsteigen sehen will, weithin entgrenzt.

Die Besessenheit des CSU-Vorsitzenden, wenn es um den Auslands-Geheimdienst geht, ist Kohl seit vielen Jahren bekannt. Die Seilschaften, die die bayerische Union in der Pullacher BND-Zentrale unterhält, sind sowieso Legende. Und nun auch noch einer der engsten Vertrauten von Strauß als Chef der Agenten? Kommt überhaupt nicht in Frage! Denkt sich der Kanzler, hält sich aber gegenüber Strauß bedeckt.

Kaum sind die beiden auseinander, entscheidet sich Kohl: gegen Pfahls und für den damaligen Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heribert Hellenbroich. Strauß hat schwerste Bedenken gegen diesen Entschluss, auch weil Kohl ihn schließlich vor vollendete Tatsachen stellt. Ändern kann Strauß daran nichts mehr, doch etwas Gutes hat Kohls einsame Entscheidung dann doch: Mit dem Wechsel von Hellenbroich nach Pullach wird der Chefsessel bei den in Köln residierenden Verfassungsschützern frei. Und über dem Bundesamt für Verfassungsschutz thront der Bundesinnenminister, der heißt Friedrich Zimmermann, ein alter Weggefährte aus der CSU.

Bereits ein Jahr zuvor hatte Strauß versucht, seinem ehemaligen Generalsekretär und wichtigsten Gehilfen in den Elendsjahren der Bonner Oppositionszeit Pfahls schmackhaft zu machen, als im Innenministerium ein Staatssekretärsposten zu besetzen war. Zimmermann, wiewohl von Pfahls Qualitäten überzeugt, hatte sich aber bereits auf einen anderen, Hans Neusel, festgelegt. Nun, bei der Suche nach dem obersten Verfassungsschützer, führt kein Weg mehr an dem Strauß-Schützling vorbei: Zimmermann darf es nicht wagen, sich ein weiteres Mal über den Wunsch des Großen Vorsitzenden hinwegzusetzen. Und Kohl hält den Kölner Posten bei weitem nicht für so gefährlich, als dass er dafür einen weiteren, wenig ersprießlichen Krach mit Strauß riskieren wollte.

Richtig glücklich mit diesem neuen Amt in CSU-Hand werden freilich weder Strauß noch Pfahls. Dienstags, mittwochs und donnerstags soll sich der Verfassungsschutz-Präsident an seinem Dienstsitz aufhalten, raunt man in der Kölner Behörde, doch ganz genau weiß man auch das nicht. Denn sehr viel mehr als dessen Dienstwagen, es ist ein Porsche und fällt damit in der Tiefgarage der Verfassungsschützer auf, sieht man auch im Amt nicht vom Präsidenten. Es gibt kaum Besprechungen, seine Tür ist stets verschlossen. Linksradikale und Terroristen mit nachrichtendienstlichen Mitteln zu bearbeiten, das muss schon sein, ist aber nun wirklich nicht die Welt des internationalen Polit-Jetsets, die Pfahls an der Seite von Strauß in München kennen und lieben gelernt hatte. Selbst die wöchentlichen Runden im Bundeskanzleramt mit den Chefs der anderen deutschen Sicherheitsdienste empfindet er bald als Ödnis.

Sehr viel mehr gibt es an Strauß nicht zu berichten, als dass der Koordinator der Nachrichtendienste und Gastgeber dieser Runden, Staatssekretär Schreckenberger aus dem Bundeskanzleramt und von Hause aus ein dröger Verwaltungsrecht-Professor, und der zuständige Abteilungsleiter in der Regierungszentrale, unfähige Zeitgenossen seien. Dies und auch, dass die beiden „Kawassen“ – türkische Dorfgendarmen also – in Kohls Herrschaftsbereich seien, weiß Strauß allerdings längst aus eigener Anschauung.

Keine zwei Jahre wird Pfahls, der am 1.August 1985 seinen Dienst antritt, in seiner Kölner Verwendung bleiben. Denn nach der Bundestagswahl im Januar 1987 tut sich eine neue, viel schönere Perspektive auf. Der Wahlkampf war von erheblichen Gereiztheiten im Koalitionslager über den außenpolitischen Kurs geprägt. Und die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU, CSU und FDP nach der gewonnenen Wahl schleppen sich ausgesprochen mühsam dahin. Substanzänderungen durchzusetzen gelingt Strauß kaum, schon gar nicht in der Außenpolitik, die ihm insgesamt viel zu entspannungsfreundlich ist. Aber wie schon bei den vorangegangenen Regierungsbildungen gelingt es ihm dann doch, wenigstens in den nachgeordneten Spitzen der Bundesministerien getreue Gefolgsleute zu platzieren. Am 7. April kann Pfahls als einer der beamteten Staatssekretäre ins Verteidigungsministerium wechseln.

Mit den großen Linien der Verteidigungs- und Abrüstungspolitik hat er dort wenig zu schaffen. In den Kollegialbesprechungen wird er sich in den kommenden Jahren bis zu seinem Ausscheiden Ende Februar 1992 zu solchen Themen fast nie äußern. Und ähnlich wie an der Spitze des Verfassungsschutzes sieht man ihn auf der Hardthöhe kaum. Er ist wohl häufig da, schirmt sich jedoch ab, ist verschlossen – „ein enigmatischer Charakter“, findet ein leitender Mitarbeiter mehrerer Verteidigungsminister. Dass er hochintelligent sei, wenngleich ziemlich faul, bemerken jene, die im Ministerium mit ihm zu tun haben, schnell. Er ist auch ausgesprochen höflich, im persönlichen Umgang korrekt, gilt als untadeliger Beamter. Antasten sollte man ihn ohnehin besser nicht, denn alle sehen in ihm die „Allzweckwaffe von Franz Josef Strauß“. Zu welchem Zweck wird auch bald klar: Pfahls soll dafür sorgen, dass beim Aufteilen der Beschaffungsetats des Verteidigungsministeriums „die bayerische Industrie üppig bedacht wird“. Alles „was fliegen kann“ interessiert ihn ganz besonders – kein Wunder, denn in Ottobrunn, vor den Toren Münchens, ist der Flugzeugbauer MBB angesiedelt.

Die entscheidenden Wenden ereignen sich 1988. Im Mai wird Rupert Scholz Verteidigungsminister, der stets ein offenes Ohr für Wünsche und Anregungen von Franz Josef Strauß hat. Am 1. Oktober, zwei Tage vor dessen Tod, das zweite einschneidende Ereignis für Pfahls weiteren Gang, ist Scholz der letzte politische Gesprächspartner des CSU-Vorsitzenden. In diesen Tagen arbeitet der Wehrminister bereits an Plänen für den Umbau der Hardthöhen-Führung; im Januar 1989 werden zwei Staatssekretäre entlassen, jetzt ist Pfahls der neue starke Mann – zuständig eigentlich für alles. Sein Ziehvater kann es selbst nicht mehr erleben, wie dieser Getreue nun schaltet und waltet. Nach wie vor zeigt der wenig Interesse für die politischen Linien der Sicherheitspolitik. Doch bei Rüstungsfragen ist er ganz in seinem Element. Mit Industriellen ganz vertraut umgehen, das liegt, das gefällt ihm. Und auch an Lockerungen für den Rüstungsexport zu arbeiten, ist ihm jetzt mit ganz anderen Mitteln möglich. Als der Bundessicherheitsrat die Lieferung von Fuchs-ABC-Spürpanzern im Umfeld des Golfkriegs zunächst nach Israel und später an Saudi-Arabien zu entscheiden hat, ist er ganz in seinem Element.

Zwischenzeitlich hat es abermals einen Wechsel an der Spitze der Hardthöhe gegeben. Gerhard Stoltenberg ist seit April 1989 Minister und beargwöhnt von Tag zu Tag mehr das Treiben Pfahls’. Der allerdings verliert auch schon bald wieder den Spaß an seiner neuen Verwendung. Denn statt mit vollen Händen Rüstung einzukaufen, gibt es seit der Wiedervereinigung andere Prioritäten: die Abwicklung der NVA – was für Pfahls vor allem bedeutet, die Entsorgung des mit der deutschen Einheit geerbten Wehrgeräts. Keine champagnergesättigten Abschlüsse mit den Herren im feinen Zwirn aus der Wirtschaft mehr, stattdessen: Schrottentsorgung und Resteverwertung. So hat sich der Mann, der einen für seine Umgebung immer auffälliger werdenden Lebensstil pflegt, seinen Job nicht vorgestellt. Die Lebensschwerpunkte beginnen sich zu verlagern. Die Rüstungsabteilung des Ministeriums kann mehr oder weniger schalten und walten wie sie will, er kontrolliert sie kaum; und aus Pfahls wird allmählich ein Lebemann, auf großem Fuß, mit vielen Frauenbekanntschaften. Bald nennen sie Ludwig-Holger Pfahls im Ministerium nur noch Holger „Lustig“ Pfahls.

Dass der dann Anfang 1992 aus freien Stücken seinen Abschied nimmt überrascht zunächst, verwundert dennoch niemanden. Der wolle jetzt endlich richtig Geld verdienen, nachdem er seinen politischen Fixpunkt verloren hat. Andere Mitstreiter aus der Strauß-Gemeinde orientieren sich ähnlich um.

Im Bonn der späten 80er und frühen 90er Jahre ist Pfahls keineswegs ein Einzelfall. Überall, wo die besondere Aufmerksamkeit des bayerischen Ministerpräsidenten vermutet werden darf, hat er seine Leute in der zweiten Reihe platziert: Der eine kümmert sich als parlamentarischer Staatssekretär um die deutschen Luft- und Raumfahrtaktivitäten, ein anderer übernimmt den Staatssekretärsposten im Landwirtschaftsministerium und achtet auf die bayerischen Agrarinteressen. Wieder ein anderer, der Forstwirt Siegfried Lengl, fungiert seit 1982 als Staatssekretär im Entwicklungshilfeministerium und gilt als der eigentlich starke Mann im Haus. Zuvor als Geschäftsführer der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung verantwortlich auch für deren internationale Aktivitäten, weiß er bestens um den strategischen Ansatz von Strauß, in der Dritten Welt eine Art Gegenaußenpolitik zu versuchen.

Aber auch China gerät zum echten Schwerpunkt seiner Entwicklungspolitik. Zum 31. Januar 1992 wird Lengl vorzeitig in den Ruhestand geschickt, weil er der chinesischen Führung unverhohlenes Verständnis für die Massaker am Platz des himmlischen Friedens entbietet. Mittlerweile ist aber Lengls Stellung im großen Reich der Mitte derart gefestigt, dass nahezu kein Geschäft von Bedeutung zwischen Deutschland und China ohne seine Mitwirkung abgewickelt werden könnte. Und das gilt auch heute, kann man in besorgten deutschen Geheimdienstkreisen erfahren.

Nützlich ist ein starker Mann im Entwicklungshilfeministerium aber auch aus anderen Gründen: Immer wieder wollen Dritte-Welt-Staaten deutsche Spitzentechnologie kaufen, so auch Hubschrauber Made in Bavaria. Da diese Kunden aber nie bei Kasse sind, ist es nützlich, wenn der Einkauf von, beispielsweise, BO-105-Unfall-Notdienst-Helikoptern der Marke MBB aus dem Entwicklungshilfeetat beglichen wird. Und noch hilfreicher ist es, wenn sich bei solchen Geschäften auf beiden Seiten des Tischs Strauß-Freunde gegenübersitzen. So bedient sich etwa 1983 die Regierung von Costa Rica zur Anbahnung eines Deals nach diesem Muster gern der Geschäftstüchtigkeit eines Kauferinger Kaufmanns namens Karlheinz Schreiber.

Über Schreibers Namen stolpert man ohnedies an jeder Ecke, aber auch der von Lengl taucht nun immer wieder auf beim Versuch der Ermittler und Strafverfolger, die Fluchtwege und Fluchtgehilfen von Pfahls aus den vergangenen fünf Jahren ausfindig zu machen. Stimmt es, dass sich Pfahls tatsächlich längere Zeit in Frankreich aufgehalten hat, dann, tippen Geheimdienstleute und Staatsanwaltschaft, hat er sich wohl der Dienste von Dieter Holzer, ein mit Strauß befreundeter Kaufmann, bedient. Sollte es aber so gewesen sein, dass Pfahls zeitweise in China oder anderswo in Asien war, dann, vermuten die befassten deutschen Dienststellen, spricht vieles dafür, dass der eine Staatssekretär außer Dienst dem anderen Ruhestandsbeamten beigestanden hat.

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