Zeitung Heute : Das Erwachen aus dem Dornröschenschlaf

Björn Lorenz

PC-basierte Systeme sind stark im KommenBjörn Lorenz

Die Firma Apple lud neulich zur Pressekonferenz nach München. Es kam keiner. Es war Conference Call - Dutzende von Journalisten hörten sich am Telefon an, was der Finanzvorstand zu sagen hatte. Dank hoher Aufwendungen für Infrastruktur und Übertragungstechnik blieben solche Konferenzsysteme über lange Jahre hinweg ein Spielzeug für die Chefetagen einiger Großunternehmen. Nun holt der Siegeszug der Internettechnik virtuelle Meetings wie auch Videokonferenzen aus der Nische heraus.

Vorbei sind die Zeiten, in denen für Videokonferenztechnik sechsstellige Summen auf den Tisch zu blättern waren. Angesichts heutiger Preise, die für PC-basierte Systeme bereits bei zweitausend Mark beginnen, ist die Amortisierungsdauer eine Frage weniger Wochen. "Virtuelle Meetings werden in Unternehmen mit hohem Entwicklungsdruck vornehmlich zur internen Abstimmung und Beschleunigung von Geschäftsprozessen genutzt. Hierzu zählen neben der Chemie- und Automobilindustrie inzwischen auch kleine und mittelständische Unternehmen aus der Finanz- und Multimediabranche", stellt Christoph Schwartz, Pressesprecher beim Marktführer Picturetel, klar.

Ein Grund für die Wende ist der H.323-Standard der International Telecommunication Union, einer UN-Organisation, die sich seit Jahren erfolgreich für die weltweite Vereinheitlichung der Übertragungstechnik einsetzt. H.323 schlägt die Brücke zum IP-Protokoll von Intra- und Internet, den kostengünstigsten Plattformen für virtuelle Meetings. Nach einer Studie des Marktanalysten Datamonitor Europe basiert derzeit zwar noch der Großteil aller verkauften Systeme auf der ISDN-Übertragungstechnik, doch das Blatt wird sich bereits im kommenden Jahr zu Gunsten PC-basierter IP-Transfers wenden. Als Multiplikator wirkt dabei nicht nur die steigende Verbreitung des Internets, sondern vor allem die Umstel-lung vieler Firmennetze auf das Intranet. Christoph Donnemidller, Vertiebsleiter Zentraleuropa beim Multicasting-Spezialisten Videoserver, bestätigt die Einschätzung: "Wir rechnen damit, dass im kommenden Jahr die Absatzzahlen von ISDN- und PC-basierten Videosystemen in etwa gleich auf liegen. Bereits in fünf Jahren dürften 90 Prozent aller verkauften Einheiten PC-Versionen sein."

Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass nahezu alle bekannten Anbieter ihre Produktpalette um IP-basierte Lösungen erweitern. Neben Eigenentwicklungen stehen dabei auch Kooperationen und sogar Übernahmen auf der Tagesordnung. So verleibte sich Marktführer Picturetel den Spezialisten Starlight Network ein, dessen Technologie für die Verbreitung von Videosequenzen im Internet sorgt. Bei Sony fungieren seit neuestem die LAN-Gateways von Madge Networks als Verbindungsstück zwischen ISDN und dem IP-Protokoll.

Trotz der Goldgräberstimmung ist es für Euphorie noch etwas zu früh, denn der Bandbreitenappetit der bewegten Bilder stellt Firmennetze immer noch vor eine Herausforderung der besonderen Art. Um Bilddaten zwischen zwei Niederlassungen in erträglicher Form zu übertragen sind 128 Kbps, sprich zwei parallele ISDN-Kanäle absolutes Minimum. Wirklich flüssig wird der Transfer allerdings erst bei 384 Kbps, also sechs zusammengeschlossenen ISDN-Leitungen. Über das Internet sind derartige Datenmengen derzeit jedenfalls nicht zu übertragen. Dieses wurde seinerzeit vor allem für den Austausch statischer Informationen wie E-Mails oder Dokumente erschaffen. Dabei fließen die Daten schwerpunktmäßig in eine Richtung. Bei Videokonferenzen wandern die Informationen hingegen bi- oder multidirektional auf konstant hohem Niveau. Schwankende Bandbreiten, die beim Surfen kaum auffallen, ziehen die Performance daher recht deutlich herunter. Hinzukommen die strukturellen Probleme des Internet: Router und Backbone sind schon jetzt streckenweise überfordert. Während Heimanwender noch einige Jahre warten dürfen, kann sich die Situation für die Geschäftskunden großer Internet Service Provider wie UUNET oder Nacamar jedoch schon bald ändern, denn diese arbeiten bereits am Ausbau ihrer Kapazitäten.

Etwas anders sieht es hingegen bei den firmeneigenen Netzen aus. Da sich mit der leicht zu bedienenden Internettechnik eine Menge Kosten einsparen lassen, entscheiden sich immer mehr Unternehmen für den Aufbau eines Intranets. Oft werden dabei vorausschauend Kapazitäten für künftige Anwendungen wie Videokonferenzen freigehalten. Auf der anderen Seite sind viele Firmennetze durch Datenströme anderer Applikationen bereits voll ausgelastet. Wer auf Videokonferenzen nicht verzichten will, sollte sich in diesem Fall nach Alternativen zur PC-basierten Lösung umsehen. Ein möglicher Ausweg ist die Anschaffung mobiler Kompaktsysteme. Diese lassen sich über eine Settop-Box an jedem Fernseher betreiben und sind dank Ihres geringen Gewichts auch auf Reisen kein Klotz am Bein. Ihr Preis liegt derzeit zwischen acht- und zehntausend Mark. Eine eigene Ausrüstung ist inzwischen allerdings längst nicht mehr zwingend erforderlich. Mediadienstleister wie MVC führen eine breite Auswahl unterschiedlicher Systeme im Verleih. Ebenso bietet sich eine Fahrt in eines der Regus Bürocenter an, die bundesweit in allen großen Ballungszentren zu finden sind. Der Facility-Provider hält in vielen seiner Center einen entsprechend ausgerüsteten Raum zur Miete bereit.

Die Marktaussichten für Videokonferenztechnik sind günstig wie nie. Nach dem US-Analysten Frost & Sullivan wird allein in Europa der Umsatz von derzeit rund 8 Milliarden US-Dollar auf bis zu 16 Milliarden im Jahr 2002 ansteigen. Die Zukunft gehört dabei zweifelsohne den PC-gestützten Systemen, denn mit ihnen lassen sich nicht nur Audio- und Videodaten übertragen, sie ermöglichen parallel dazu auch die gemeinsame Bearbeitung von Dokumenten. Einstmals als Ersatz für Geschäftsreisen gedacht, hat sich das Videoconferencing inzwischen zu einer Anwendung mit eigenständiger Existenzberechtigung gemausert. Der endgültige Durchbruch hängt dabei jedoch vom Ausbau der Kommunikationsstrukturen ab.

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