Zeitung Heute : „Das EU-Rettungspaket ist ein Banken-Rettungspaket“

Gastprofessor Aleksander Berentsen sieht die Milliardenhilfe für Griechenland skeptisch

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Drohende Staatsbankrotte, Finanzhilfen in dreistelliger Milliardenhöhe und eine mögliche Abwertung des Euro: Die Nachrichtensendungen und Zeitungsüberschriften der vergangenen Wochen wurden von der „globalen Finanzkrise“ dominiert. Doch wie realistisch ist zum Beispiel ein Staatsbankrott Griechenlands?

„Sehr wahrscheinlich“, sagt Aleksander Berentsen. „Wobei man nicht von einem ,Staatsbankrott‘, sondern von einer teilweisen Zahlungsunfähigkeit eines Landes sprechen sollte. Das bedeutet, dass das Land einen Teil seiner Kredite nicht zurückzahlen kann.“ Berentsen ist Professor für Wirtschaftstheorie an der Universität Basel und in diesem Sommersemester Gastprofessor der Deutschen Bundesbank für internationale Geld- und Währungspolitik an der Freien Universität Berlin.

Er weiß um die Angst vieler Menschen vor den Folgen der Staatspleite. Davor, dass ihre Löhne nicht mehr gezahlt und staatliche Leistungen gestrichen werden. Ein Staatsbankrott sei allerdings oft halb so schlimm wie angenommen, versichert Berentsen: „Denn ein Land kann seine Schulden neu verhandeln.“ Auch wenn dies seit dem Zweiten Weltkrieg keinem der heutigen EU-Staaten passiert ist, gibt es etwa in Südamerika zahlreiche Beispiele für Staatspleiten. Die betroffenen Länder konnten ihre Schulden durch Verhandlungen reduzieren und zahlen diese heute planmäßig zurück. „Es dauert meist wenige Jahre nach einer teilweisen Zahlungsunfähigkeit eines Landes, bis es sich an den internationalen Finanzmärkten wieder Geld leihen kann.“ Griechenland habe jedoch ein spezielles Problem. „Es kann seine Währung nicht abwerten, um auf diese Weise seine Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern“, sagt Aleksander Berentsen. „Um seine Währung abwerten zu können, müsste es aus der Euro-Zone austreten.“ Die einzige Alternative dazu sei, dass Griechenland permanent durch EU-Gelder finanziell am Leben erhalten wird. Mit dem Rettungspaket habe die EU signalisiert, dass sie bereit sei, jederzeit den Steuerzahler heranzuziehen, wenn es um die Rettung eines überschuldeten Mitgliedslandes gehe. Kurzfristig funktioniere das, aber langfristig stelle sich die Frage, ob das politisch möglich sei, sagt der Wirtschaftsexperte: „Werden die deutschen Bürger akzeptieren, dass sie dauerhaft für die Schulden anderer Länder zahlen müssen?“

Die Finanzhilfe anderer EU-Mitgliedsstaaten, die Griechenland jüngst Kredite in Milliardenhöhe gewährt haben, sieht Berentsen auch aus anderen Gründen skeptisch: „Das Geld wandert direkt zu den Banken, denen Griechenland Geld schuldet, ohne die wirtschaftliche Situation des Landes zu verbessern.“ Gläubiger eines großen Teils der griechischen Staatsschulden seien deutsche und französische Banken. Hätte die EU Griechenland fallen lassen, wären viele dieser Banken ins Schleudern geraten, sagt Berentsen: „Im Prinzip ist das Rettungspaket ein weiteres Bankenrettungspaket. Man hatte Angst vor einem zweiten Flächenbrand im Finanzsektor.“ Weil Griechenland seinen Schuldenberg in absehbarer Zeit nicht aus eigener Kraft abtragen könne, werde eine Zahlungsunfähigkeit des Landes auf diese Weise lediglich in die Zukunft verschoben. Dabei sei Griechenland nicht das einzige Land, das von einem Staatsbankrott bedroht ist. Auch Portugal, Italien und Spanien laufen nach Ansicht des Experten Gefahr, ihren finanziellen Verpflichtungen in Zukunft teilweise nicht mehr nachkommen zu können.

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