Zeitung Heute : Das Fernduell

Bayerisches Aschermittwochsritual: CSU in Passau, SPD in Vilshofen. Doch diesmal ist etwas anders als sonst. In Ude präsentiert sich ein ernsthafter Rivale im Kampf um die Macht im Land.

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Die aus Peine sind auf historische Beute aus, und sie sollen sie kriegen. Seit Menschengedenken reisen sie am Aschermittwoch nach Passau. Längst haben die Niedersachsen einen Stammplatz. Praktischerweise steht der Stammtisch genau am Mittelgang, durch den jetzt zwei weißhaarige Herren winkend in die Halle einziehen. Auf den einen haben es die Peiner abgesehen. Dem streckt ihr Häuptling den Wimpel entgegen und einen Filzstift. Edmund Stoiber lächelt geschmeichelt und kritzelt seine Unterschrift auf das Fähnlein. Dann könnte es weitergehen mit dem Einzug der Matadore, zumal die Stadtkapelle den Marsch jetzt schon zum sechsten Mal von vorne zu blasen anfängt. Aber der andere weißhaarige Herr hat viel Zeit. So lange bleibt der Horst Seehofer stehen und plaudert und plaudert, bis die aus Peine ihm den Wimpel halt auch noch rüberreichen zur Unterschrift.

Man sieht gleich, es wird keine einfache Sache mit diesem politischen Jubiläumsaschermittwoch. Der Rückblick auf 60 Jahre ist für die CSU ohnehin keine ungetrübte Freude, weil im Vergleich zu den glorreichen Jahrzehnten der Alleinherrschaft die Gegenwart doch etwas abfällt. Von den Aussichten für die Zukunft zu schweigen. Unter den halbamtlichen, weil von der Parteizentrale abgesegneten Spruchbändern an der Hallenwand arbeiten sich gute zwei Dutzend am neuen Konkurrenten der Landtagswahl im nächsten Jahr ab: „Ude bleibt rot – Bayern bleibt schwarz“, steht dort trotzig zu lesen oder auch: „UDE – Unbekannter Defiziteffekt“.

Das ist viel Ehre für den Münchner SPD-Oberbürgermeister, der an diesem Tag ein paar Kilometer weiter in Vilshofen live zu hören ist. Dort hat die SPD ein Zelt hingestellt, das 3500 Zuhörer fasst. Die CSU hat mit 60 Bussen zurückgeschlagen, die zum Sonderpreis von zehn Euro pro Person die eigene Anhängerschaft ins Niederbayerische geschafft haben, auf dass in der Dreiländerhalle sich die Mehreren drängeln. 7000 will der General Alexander Dobrindt gezählt haben, was aber daran liegen kann, dass er seine neue Brille vielleicht noch nicht so gewohnt ist. Massenmathematisch betrachtet gewinnt die CSU das Fernduell trotzdem.

Politisch sieht die Sache möglicherweise etwas anders aus. Denn für die bayerischen Sozialdemokraten ist dieser Aschermittwoch ein ganz neuer Aschermittwoch. Einer der Hoffnung macht. Und diese Hoffnung hat einen Namen. Er ist auf Bierdeckel gedruckt, auf die die Bedienungen im Dirndl schon am Morgen reihenweise das Weißbier stellen, und er steht auf einem Plakat der SPD Main-Spessart: „Ude muss in die Bude.“ Gemeint sind damit der SPD-Spitzenkandidat Christian Ude und die bayerische Staatskanzlei.

Die Besucher werden nicht enttäuscht. Die SPD-Manager haben dazugelernt bei der Dramaturgie von Großereignissen. Hunderte SPD-Fähnchen werden geschwenkt, als die Parteiprominenz einmarschiert – neben Ude auch der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel sowie Landeschef Florian Pronold. „Auf geht’s!“, ruft die 44-jährige Generalsekretärin Natascha Kohnen und beweist Einheizer-Qualitäten. Florian Pronold wiederum gibt die sozialdemokratische Grundmelodie für den Wahlkampf bis zur Landtagswahl im Herbst 2013 vor: „Bayern ist zu schön, um es der CSU zu überlassen“, sagt er. Und: „Wir sind die Bayern-Partei von morgen.“

Der SPD-Herausforderer selbst wird stehend und frenetisch beklatscht, immer wieder erschallen „Ude, Ude“-Rufe. Im dunkelgrauen Janker betritt er die Bühne, sagt, dass er schon seit 45 Jahren für die SPD aktiv sei – „aber eine solche Veranstaltung habe ich noch nie erlebt“. Er mokiert sich über die CSU, die in Passau die SPD als „Scherbenhaufen“ bezeichnet hat: „Das ist der schönste Scherbenhaufen, den es gibt.“

Ude muss sich erst einmal warmreden, doch das nimmt die Parteibasis ihrer neuen Leuchtfigur nicht übel. Mit einer für diese Polter-Veranstaltungen zu feinen Ironie setzt er seine Spitzen. Bis er dann zu den SPD-Forderungen kommt wie der Abschaffung der Studiengebühren und der Stärkung der Kommunen. Er greift die „Bonsai-Strategen“ der CSU an, meint über den Altersunterschied zwischen ihm und Horst Seehofer: „Ich habe nur zwei Lebensjahre mehr Erfahrung – das merkt man aber auch.“ Die Genossen klatschen wie wild. Erstmals, so hat man den Eindruck, gibt es hier einen, mit dem man berechtigt hoffen kann–- auf die Macht im Maximilianeum.

Bei der CSU indessen will es mit dem Duell Seehofer – Ude nicht so recht was werden. „Ich begrüße“, sagt nämlich der Passauer Landrat, als der Einmarsch fertig ist und die beiden Weißhaarigen vorne am Ehrentisch sitzen, „das Staatsoberhaupt.“ Das stimmt. Seehofer hat neulich im CSU-Präsidium selbst dargelegt, dass er ja nun nicht nur Ministerpräsident und Parteivorsitzender sowie Präsident des Bundesrates sei, sondern umständehalber für vier Wochen auch kommissarischer Bundespräsident.

Seehofer hat dann weiter ausgeführt, dass er deshalb diesmal in Passau sich werde zurückhalten müssen, auch weil ja möglicherweise im Ausland und an der Börse seine vielen Ämter nicht so genau unterschieden würden und deshalb knackige Sprüche über zum Beispiel die Griechen ungeahnte Nebenfolgen haben könnten. Weshalb der Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber der Hauptredner sein werde, als Abteilung Attacke.

Leider hat der Stoiber bis dahin davon nichts gewusst, schon gar nicht von der ihm zugedachten Rolle, und etwas indigniert reagiert. Aber andererseits: „Natürlich, mei, ja, des schmeichelt natürlich“, sagt er, als er in Passau ans Pult tritt. Außerdem hat ihm ein Parteifreund, den er um Rat gefragt hat, den tröstlichen Satz mitgegeben: „Du musst da ja nicht den Generalsekretär geben.“ Er hat das, muss man hinzufügen, auch gar nicht nötig. Schon bei der Begrüßung hat der amtierende Bundespräsident höflichen Beifall bekommen, der Ehrenvorsitzende hingegen einen regelrechten Jubelsturm. Man hat da bereits die ersten „Edmund, Edmund!“-Chöre gehört.

Seehofer hat Stoiber seinerseits als „Mister Aschermittwoch“ willkommen geheißen, was weitere „Edmund“-Chöre nach sich zieht. Anschließend hat der jetzige CSU-Chef eine Kurzfassung jener „Bayern-ist-super-und-muss-super-bleiben“-Rede gehalten, mit der er hier schon im vorigen Jahr leises Befremden ausgelöst hat. Besonders einige aus Peine waren hinterher enttäuscht, weil, dass Bayern toll sei, hatten sie schon vor der Anreise als bekannt vorausgesetzt. Seehofer also spricht über den Länderfinanzausgleich, in den Bayern heute jedes Jahr mehr einzahle, als es in seinen 40 Jahren als armes Nehmerland zusammen bekommen habe. Auch legt er noch mal sein Vorhaben dar, Bayerns Schulden bis 2030 auf null zu bringen. Die Rede ist wie versprochen quasi pointenfrei. Der Applaus ist der Darbietung angemessen.

Und dann schreitet also „Mister Aschermittwoch“ ans Mikrofon. Stoiber trägt den schicken Trachtenanzug, der bekannt ist als „kleiner Stoiber“. Er braucht keine drei Sekunden, um in Fahrt zu kommen. „Die Südkurve“, ruft er und reißt die Arme weit auseinander, „sie steht!“ Muss man wirklich erwähnen, dass schon wieder „Edmund“-Chöre ... ? Muss man wirklich berichten, dass ein enttäuschtes „Oooooh!“ durch den Saal brummelt, als der Redner betont, „dass ich fünf Jahre nicht mehr in der aktiven Politik war und da auch nicht zurück will“? Für Stoiber war der Aschermittwoch seit jenem 28. Februar 1978, als er zum ersten Mal als Generalsekretär des Franz Josef Strauß gesprochen hat, immer der wichtigste Termin des Jahres.

Jetzt führt er noch einmal vor, was es heißt, für etwas zu brennen – selbst auf die Gefahr hin, dass das aus der Ferne leicht komisch erscheint mit den weit ausholenden Gesten und den großen Worten. Mehrfach lobt er den Nachfolger. Trotzdem wirkt seine Rede über weite Strecken wie eine Lehrstunde für die Heutigen. Seehofer hat vorgerechnet, dass Bayern schuldenfrei werden könne, wenn es nur eine Milliarde im Länderfinanzausgleich weniger zahlen müsste. „Es geht nicht darum in erster Linie, dass Bayern weniger zahlt“, ruft aber Stoiber. Sondern es gehe ums Prinzip, darum, dass man nicht als ärmeres Land auf Schulden setzen dürfe – man sehe doch in Europa, wo das hinführe! „Früher hätt’ ich vielleicht dazu gesagt: Wir sind solidarisch, aber net bled“, sagt Stoiber mit verschmitztem Lächeln. „Das kann ich natürlich als Elder Statesman nicht mehr sagen.“

Aber etwas anderes kann er sagen, ja es drängt ihn förmlich. Er sei ja nie ein Anti-Europäer gewesen, hat Stoiber neulich den CSU-Europaabgeordneten versichert. Die haben nachsichtig gelächelt ob dieser Korrektur der eigenen Biografie. Richtig ist aber, dass Edmund Stoiber in den fünf Jahren als EU-Bürokratiebekämpfer in Brüssel ein Europäer geworden ist. Als er auf das Thema zu sprechen kommt, werden die „Edmund“-Rufe spärlich. Doch Stoiber will keinen Applaus mehr. Sicher, die Griechen haben betrogen und gemogelt, sicher, sie müssen jetzt hart sparen und noch härter arbeiten, ein „Mentalitätswandel“ sei nötig in Athen. Und doch: „Es gibt keine einfachen Lösungen.“ Und doch: „Wenn die Griechen heute pleitegehen, hätte das auch gravierendste Folgen.“ In Brüssel, da erlebe er täglich, wie fragil die Lage sei und was für eine Verantwortung gerade auf den Deutschen laste. „Angela Merkel macht das ganz hervorragend!“, ruft Stoiber.

Zu seinen Füßen in der Präsidiumsbank guckt der Generalsekretär Dobrindt etwas mitgenommen durch seine dicke Brille, was aber auch daran liegen kann, dass er vor zwei Tagen Vater geworden ist. Seehofer blättert im „Bayernkurier“. Dobrindt wird hinterher noch mal trotzig seinen Satz wiederholen, dass Länder, die nicht sparen, „ihr Glück außerhalb der Eurozone finden“ sollten.

Als Stoiber nach einer Stunde fertig ist, tobt der Saal. Denn am Schluss hat er noch einmal ganz nach vorn geschaut, über die besorgten Blicke zu diesem Ude nach Vilshofen weit hinaus. Anders als sonst sieht man diesmal in der Dreiländerhalle keins von diesen großsprecherischen Plakaten, die eigentlich zur Tradition gehören: „Seehofer muss Kanzler werden“ oder so. Nur Stoiber stemmt sich dem Kleinmut entgegen. „Es darf nur eine Episode gewesen sein!“, ruft er. „Wir müssen wieder so werden, wie wir waren!“ Die Chöre schwellen an. Seehofer geht auf die Bühne. „Ich habe nicht zu viel versprochen“, sagt er. „Es war gut, dass wir ihn eingeladen haben.“

Der Satz ist eine versteckte Antwort. Seehofer weiß nämlich schon, was ein anderer seiner Vorgänger davon hält, dass der CSU-Vorsitzende den Ehrenvorsitzenden auf die Bühne gedrängt hat. „Wer die Ikonen der Vergangenheit vor sich her trägt, ist selbst Vergangenheit“, hat Erwin Huber am Abend vorher gesagt. In der Halle stimmen sie jetzt einen Schlachtgesang an: „Oh, wie ist das schön!“ Als die Tausenden bei „... so was hat man lange nicht geseh’n ...“ ankommen, wirkt Seehofers Lächeln plötzlich ein bisschen starr.

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