Zeitung Heute : Das Feuer im Kopf

JAN SCHULZ-OJALA

"Hana-Bi"JAN SCHULZ-OJALADieses Blau.Durchdringend und blaß, als sei allen Lebewesen jedweder Saft entzogen, selbst dem Gras.Mineralische Welt: die Autos, die Menschen, die Anzüge, das Meer, alles metallic.Der Sand am Meer, wie vergiftet von diesem Blau, wie versteint.Die Großstadt-Höhlenwege, in denen Leute so aufeinandertreffen, wie man aufeinander zielt, die Wege aus diesen Städten hinaus ins sogenannte Weite, ans Meer, unter den Himmel: noch einmal und nur dieses Blau.Bis das Auge reif ist für einen sanften Überfall aus Farben, für ein sanftes Feuerwerk. Dieses Schweigen.Ein Mann sitzt im Auto, und während andere auf ihn einreden, ist da nur sein Gesicht.Der Mann besucht seine Frau im Krankenhaus: zwei stumme Körper in einem Zimmer.Ein Arzt spricht nachher mit ihm, ein Urteil mit freundlicher Miene, und der Mann antwortet nicht.Ein paar Gangster quatschen auf ihn ein, er schlägt sie unvermittelt nieder, sogar seine Hände müssen aus Metall sein oder aus Stein.Ein Telefonanruf: Ob er jetzt spricht? Nur ein Rucken der Stimme, ein Ah, ein Hm, ein Ausatmen, keine Silbe. Diese Welt.Bilder, mit Rändern so scharf, daß sie ins Auge zu schneiden scheinen.Nichts in ihnen ist Zufall, sogar Katzen halten wie ferngesteuert inne und Fische springen, wenn die Kamera es will, Gottesauge kalt und blau.Meist nimmt sie nur einen Standpunkt ein, und alles geschieht.Manchmal folgt sie einer Bewegung, nähert sich oder zaubert sich um etwas herum, und ein Denken hebt an wie ein Fliegen.Manchmal auch erinnert sie sich, aber wo andere behäbig zurückblättern würden, schaltet sie nur einen Anfall frei.Das Leben: ein Gedächtnisgewitter, ein Brüllschmerz, den man ummantelt mit Schweigen. So ist "Hana-Bi".Nicht eben einfach dieses Fasten in Zeiten visueller Völlerei, und sehr einfach doch.Man muß nur runterschalten können, genau lauschen auf den Atemtakt dieser Bilder.Der Polizist Nishi (gespielt vom Regisseur selbst) hat seine kleine Tochter verloren, und nun wird ihm die zarte Frau sterben, an Leukämie.Nein, niemand weint hier.Nishi besucht seine Frau im Krankenhaus, und während er dort ist, wird sein Kollege Horibe von einem Yakuza-Gangster rollstuhlreif geschossen.Beim Versuch, ihn bei der nächsten Gelegenheit zu stellen, kommt der junge Polizist Tanaka um.Nishi tötet den Gangster, er richtet sogar noch den Toten hin.Du bist nicht schuld am Tod von Tanaka, sagen die Kollegen.Aber Nishi quittiert den Dienst, überfällt eine Bank ohne Aufsehen - keine Schuld, keine Strafe -, kauft ein Auto, schenkt Tanakas Witwe Geld und Horibe Farben.Horibe beginnt zu malen, und Nishi geht mit der todkranken Frau auf eine letzte Reise. Das ist die ganze Geschichte.Erzählt ist sie wie etwas, das man übermüdet, überwach aus einem Totenhaus mitbringt.So war das, ihr Übrigen, seht euch den Satz Bilder an.Und so gehen Horibes bunte Gemälde in die Szenen über, die ein unsichtbarer Gott Nishi und seiner Frau schenkt, auch wenn sie nie ganz allein sind, weil Yakuza und Polizei sie nicht vergessen haben.Ein paar Tage, bis sie an einem blauen See ankommen, dessen Ufer etwas Farbe getrunken haben von Horibes Bildern, diesen Tieren mit den Blütenaugen, diesem Mannfraukind vor einem Feuerwerk."Hanabi" heißt Feuerwerk, "Hana" heißt "Blume", und "Bi" heißt "Feuer".Und irgendwann ist das Blau dieses Films aufgelöst im Blumenfeuer, das eine Kugel im Kopf sein könnte, Kugel, die durch zwei Köpfe geht. Broadway, Delphi, International; Babylon B (untertitelte Originalfassung) 

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