Zeitung Heute : Das finnische Rätsel

Er schweigt, er siegt, er lacht nie: Janne Ahonen ist der Held der Vierschanzentournee. Schafft er heute den vierten Sieg?

Benedikt Voigt[Bischofshofen]

Wahrscheinlich wird Mico heute Nachmittag wieder aufs Wohnzimmersofa klettern, zu Hause in Lahti, Finnland. Er wird sich auf das Polster stellen und in den Fernseher starren. Und irgendwann wird er springen. Nicht sehr weit, so weit wie ein Junge, der drei Jahre alt ist, eben kommt. Aber wenn er den Boden berührt, wird er versuchen, den rechten Fuß vor den linken zu setzen. So hat er es schon öfter gemacht. Als ihn einmal jemand fragte, was er da tue, antwortete Mico: „Papa macht das auch so.“

Der Skispringer Janne Ahonen hat diese Anekdote mal einem finnischen Journalisten erzählt. Sein kleiner Sohn hüpft auf dem Sofa mit, wenn die Flüge des Vaters im Fernsehen übertragen werden. Ahonen hat noch mehr von seiner Familie preisgegeben. Dass Mico Kinderski besitze, die er eines Tages zur Haustür schleppte und sagte: „Ich gehe jetzt und komme im Frühling wieder“, wie es der Papa vor einer Weltcupsaison getan hat. Das Interessanteste an diesen Geschichten ist aber, dass sie derselbe Janne Ahonen erzählt haben soll, der gegenwärtig bei der Vierschanzentournee Interviews gibt wie jenes am Montag im Österreichischen Fernsehen:

Reporter: „Waren es heute schwere Bedingungen für Sie?“

Ahonen: „Es waren schwere Bedingungen.“

Reporter: „Alle reden vor dem letzten Springen davon, ob es Ihnen gelingen kann, alle vier Springen bei der Vierschanzentournee zu gewinnen.“

Ahonen: „Ja, es ist nur noch eine Frage übrig.“

Reporter: „Welche Frage?“

Ahonen: „Wer das letzte Springen gewinnt.“

Reporter: „Werden Sie es schaffen?“

Ahonen: „Ich weiß es nicht.“

Der 27-jährige Janne Ahonen ist ein sportliches und menschliches Rätsel. Zum einen bricht er zurzeit einen Rekord nach dem anderen mit einer beispiellosen Serie von Siegen: zehn in elf Weltcupspringen. Siegt er heute wieder, in Bischofshofen, dann hätte er als zweiter Skispringer in der Geschichte der Vierschanzentournee alle vier Wettbewerbe in Folge gewonnen. Vor drei Jahren war das erstmals dem deutschen Skispringer Sven Hannawald gelungen, der damals in Deutschland einen Skispring-Boom auslöste, der schon längst wieder abgeflacht ist.

Zum anderen spricht Ahonen nur wenig, zeigt keine Emotionen und lässt die schönsten Siegerehrungen ausdruckslos über sich ergehen. Und: Janne Ahonen lacht nie. „Ich bin hier, um zu springen und nicht um zu lachen“, hat er mal gesagt. Am Montag, auf dem Auslaufhügel der Bergisel-Schanze in Innsbruck, hatte er beide Finger als Zeichen der Freude in die Luft gestreckt – und dann die Lippen zusammengepresst. Prompt titelte „Bild“: „Der fliegende Langweiler“.

Vielleicht liegt der Schlüssel zu seinem Wesen im Heimatland. Im Land der nebelumflossenen Seen und langen Winter. Man sagt ja, die Finnen seien Melancholiker. Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki, der lakonische Filme dreht oder auch mal einen Stummfilm, sagt: „Heutzutage reden die Leute so viel und ohne Grund, da schadet etwas Stille nicht.“ Es ist dieses Land, das den Janne Ahonen versteht.

„Er ist sehr beliebt in Finnland“, sagt Timo Järviö von der Zeitung „Helsingin Sanomat“, „er ist hier lockerer.“ Im Ausland hat Ahonen sich ein Image als Schweiger aufgebaut und pflegt es. In Finnland erzählt er Geschichten über seinen Sohn. Hier könnte er ebenso beliebt werden wie die Läuferlegende Parvo Nurmi, der unlängst zum Sportler des Jahrhunderts gewählt wurde. Zudem heilt Ahonen eine tiefe Wunde, die ein anderer Skispringer den Finnen einst schlug.

„Free Matti Nykänen“ stand am Montag beim Springen in Innsbruck auf einem Plakat in den Zuschauerrängen. Auf einem anderen las man: „Matti Nykänen is innocent.“ Matti Nykänen ist unschuldig. Ein Gericht in Tampere allerdings hatte das vor drei Monaten anders gesehen und den bis dato erfolgreichsten Skispringer Finnlands wegen gefährlicher Körperverletzung zu 26 Monaten Haft verurteilt. Der 41-Jährige hatte nach einem Trinkgelage einen Freund mit einem Messer niedergestochen. Es heißt, Matti Nykänen habe im Fingerhakeln verloren.

Es ist ein merkwürdiger Zufall, dass just zu jener Zeit, in der Janne Ahonen vor dem größten Erfolg seiner Karriere steht, Matti Nykänen auf dem Tiefpunkt angelangt ist. Seit dem Ende seiner Sportkarriere kämpft Nykänen mit schweren Alkoholproblemen, er strippte in einem Nachtclub, prügelte sich, seine olympische Medaillen hat er verkauft. Dieses tragische Schicksal veranlasste den finnischen Sportverband, Spitzensportlern bessere psychische Betreuung anzubieten; ein derartiger Abstieg soll sich nie wiederholen. Bei dem zurückhaltenden Janne Ahonen allerdings scheint die Gefahr eines Absturzes nur auf der Schanze möglich. Er ist der Gegenentwurf zu Nykänen.

Janne Ahonen findet seine Stärke im Familienleben, bei Tiia, seiner Frau, die er im vergangenen Sommer geheiratet hat und mit der er schon lange zusammen ist. Er ist ein bodenständiger Typ, der Flieger, und ein fleißiger Arbeiter, seit er mit 16 das erste Weltcupspringen gewann und Wunderkind genannt wurde. Nach wie vor lebt er in Lahti. Dort ist er auch aufgewachsen, in einem heilen Elternhaus, der Vater Schneider, die Mutter Angestellte im Laden für Anglerbedarf.

„Seit der Geburt seines Sohnes ist er offener geworden“, sagt der Sportreporter Järvio. Als Ahonen vor zwei Jahren zum zweiten Mal die Vierschanzentournee gewann, streckte er den Fernsehkameras seine Handflächen entgegen. „Mio Mico“ hatte er vor dem letzten Sprung darauf geschrieben, hallo Mico. Die Ahonen-Art, Gefühle auszudrücken.

Das heißt aber nicht, dass Ahonen nur zu Hause sitzt, wenn er nicht von Schanzen springt. Er teilt die Leidenschaft vieler Finnen für Motorsport. Sein jüngstes Hobby ist das Dragster-Racing: Hochgeschwindigkeits-Rennen in schmalen Autos; dafür ließ er im Sommer sogar Wettbewerbe im Skispringen sausen. Als er in Oberstdorf im Kurhaus auf dem Podium saß und auf seine zweite Sportart angesprochen wurde, glaubte man tatsächlich, so etwas wie Begeisterung an Ahonen festzustellen. Plötzlich antwortete er in mehr als nur einem Satz. Er sagte: „Ich habe im Sommer vier Rennen gewonnen. Meine Höchstgeschwindigkeit war 300 Stundenkilometer.“ Ahonen ist nun finnischer Meister im Dragster-Racing.

„Dragster-Rennen sind dem Skispringen ähnlich“, findet der österreichische Skispringer Martin Höllwarth. „Man muss schnell die Höchstgeschwindigkeit erreichen, und nach ein paar Sekunden ist alles vorbei.“ Tatsächlich aber bleibt das Skispringen ein Sport, den noch niemand endgültig enträtseln konnte. Es gibt zwar einige Faktoren, aus denen sich ein weiter Flug zusammensetzt: Material, Gewicht, Geschwindigkeit, Sprungkraft, Wind. Trotzdem scheint die mentale Komponente die wichtigste zu sein: je größer das Selbstvertrauen, desto weiter die Flüge. Oder liegt es am Fuß, am Wunderfuß? „Er ist im Fußgelenk hypermobil“, sagt Peter Rohwein, deutscher Bundestrainer, als er sich ein Video von Ahonens Sprüngen ansieht. „Entweder er hat keine Achillessehne oder ein Scharnier drin.“ Wie man Ahonens Siegeszug beenden könnte? „Man könnte ihn mal im Lift einsperren.“

Das dürfte keiner wagen. An der Paul-Außerleitner-Schanze in Bischofshofen werden heute wieder viele finnische Fahnen wehen. Wenn Janne Ahonen dann nach seinem zweiten Sprung gelandet ist, stehen die Chancen sehr gut, dass er tatsächlich alle vier Springen gewonnen haben wird. Er wird vielleicht die Zeigefinger in die Höhe recken, und vielleicht wird er ja sogar …

Er wird es nicht tun. Ein Mensch muss nicht lachen, um glücklich zu sein.

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