Zeitung Heute : Das flirrt an den Rändern

KATRIN BETTINA MÜLLER

Der Block in Bewegung: Johannes Geccellis Bilder im Mies van der Rohe-Haus, Berlin-WeißenseeKATRIN BETTINA MÜLLERMan kann die Pinsel-Striche zählen in den neusten Bildern von Johannes Geccelli.Wie ein aufgeschlagenes Buch liegt "Kippgelb" auf der Leinwand: 32 senkrechte Zeilen sind wie Strophen in waagerechte Blöcke gepackt.Die Farben wechseln von Bild zu Bild in Schattierungen von Ocker, Grau, Rot; der gleichmäßige Takt der Striche bleibt.Mit ihm werden die Bilder zu Ausschnitten aus einem Zeitkontinuum, ähnlich den fortgesetzten Zahlrenreihen von Roman Opalka.Geccelli als Konzeptkünstler? Die systematische Farb-Arithmetik des 1925 geborenen Künstlers wurde schon als konkrete Kunst und in der Nähe kinetischer Lichtmodulationen gesehen.Doch seit den 70er Jahren folgt die Malerei des langjährigen HdK-Professors einer eigenen Dynamik.Es begann mit der Umsetzung der Figur in farbliche Vibrationen, die manchmal wie ein errechenbarer Impressionismus wirkten.Schon da fand die Verschränkung der Farben in einem genau bemessenen Pinselrhythmus statt, diese Struktur der Zeilen aus senkrechten Strichen behält Geccelli seit über zwanzig Jahren bei. Verschwunden aber sind die Strahlungsfelder und wandernden Lichter.Geblieben ist zwar die Öffnung in der Bildmitte, doch wo dieser Spalt früher auf einen Raum hinter den Farbstrichen verwies, ist er heute flach unterlegt.Aktiviert wird stattdessen der Raum vor dem Bild.An die Stelle der früheren Modulation in den Farben, die noch auf eine außerhalb der Malerei sich ereignende Bewegung verwies, gerät jetzt der monochrome Block selbst in Bewegung.Die Farbe scheint von der Leinwand zu kippen.Ein unregelmäßiger Saum grober Leinwand, der das schräg auf die Fläche gesetzte Farbfeld umgibt, hebt die neue Differenz zwischen dem Bild als Objekt und der malerisch definierten Fläche hervor.Ein ganz leichtes farbliches Flirren an den Rändern, das die Strichbündel als Ergebnis einander überlagernder Schichten ausweist, unterstützt ihr Abheben vom Grund.Die Bilder verlieren damit, dem kalkulierbaren Rhythmus zum Trotz, an Strenge. Mies van der Rohe Haus: bis 23.11.97

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