Zeitung Heute : Das ganz normale Chaos

Klaus Angermann

Man warnt vor längerfristigen Folgen des Jahr-2000-Fehlers - Private Datensicherheit mangelhaftKlaus Angermann

Gestrippte und zerfledderte Rechner, herumliegende Kabelstücke, dazu überall CD-ROMs, Disketten sowie unterschiedlichste Steckkarten für den PC: Was auf den ersten Eindruck wie eine Computerverschrottungsstelle aussieht, ist das aus allen Nähten platzende Hackcenter auf dem 16. Chaos Communication Congress des Chaos Computer Club (CCC). Gemäß der Partydevise "bring your own bottle" konnte zumindest am ersten Tag jeder Hacker seinen Computer mitbringen und über das CongressNet ins Internet gehen, sich mit Gleichgesinnten austauschen oder versuchen, den Rechner des Nachbarn zu knacken. Freilich ist der rund 900 Quadratmeter große Bereich aber nur ein Teil des Kongresses, der vom 27. bis zum 29. Dezember zum zweiten Mal in Berlin im Haus Am Köllnischen Park stattfindet.

Natürlich ist eines der wichtigsten Themen der bevorstehende Jahrhundertwechsel und das Jahr-2000-Problem. Y2K-Experten debattieren über mögliche Risiken in Kernkraftwerken, bei der Stromwirtschaft oder der Telekommunikation. Die deutsche Industrie zeige sich im großen und ganzen für den Millenniumswechsel gerüstet, viele deutsche Unternehmen seien sich aber der möglichen Folgen von fehlerhaften Y2K-Updates, die zusätzliche Schäden nach sich ziehen, nicht bewusst, hieß es. Die Folgen könnten wesentlich weitreichender und langfristiger sein als der Y2K-Bug selbst. Auch CCC-Sprecher Frank Rieger warnt vor möglichen Fehleinschätzungen und falschen Reaktionen: "Es wird sicherlich etwas schief gehen trotz vieler Vorsichtsmaßnahmen", so Rieger. "Ich glaube aber, dass größere Probleme entstehen können, wenn Menschen in Panik verfallen und sich die Lage dann hochschaukelt." Riegers Tipp für den Anwender zu Hause: Sich nicht verrückt machen lassen und auf jeden Fall Sicherheitskopien des eigenen Rechners anfertigen.

Auf Schwachstellen hinweisen

Auf dem dreitägigen Kongress möchte die europäische Hackerszene in Berlin-Mitte unter anderem über die Probleme diskutieren, die neue Technologien auch für die Gesellschaft mit sich bringen. Der CCC sieht sich nicht nur als einfacher Hackerverein, der in fremde Systeme eindringt. Ein Anliegen des CCC ist es, gefundene Schwachstellen in diesen Bereichen auch öffentlich aufzuzeigen und sie ebenso für Computerlaien verständlich zu machen. Auch Hackerunkundige sollen verstehen können, wie Sicherheit funktioniert oder welche Risiken der Gesellschaft durch neue Technologien entstehen. Diese Fragen werden in zahlreichen Workshops und Vorträgen rund um Informationstechnologien, Computersicherheit und das Internet debattiert.

Ein besonderes Anliegen des Kongresses ist die Datensicherheit auch im Alltag. Aufklärungstechnologien wie das Echelon-Satellitensystem, das weltweit unter anderem Telefon-, Fax- oder Funkleitungen abhört, werden zu selten einer breiten Öffentlichkeit verständlich gemacht. "Über den Umgang mit persönlichen Daten wird in Deutschland viel zu wenig informiert", beklagt sich George Wolf, der über "Kompromittierende Emissionen und andere Technologien" referiert. So können die Strahlungen eines Monitors aufgefangen und ausspioniert werden. "Insbesondere die Verletzlichkeit und damit die Sicherheitslücken zum Beispiel der Telekommunikation werden von der Industrie kaum dokumentiert und dadurch in ihrem ganzen Ausmaß bekannt gemacht", so Wolf.

Auch der Trend, Handys zu neuen multifunktionalen Kompaktgeräten zu entwickeln, wurde in dem Workshop "WAP: Where are the Phones?" behandelt. Neue Geräte werden irgendwann auch Überweisungen per Handy ermöglichen. Dabei sollte man sich allerdings im Klaren sein, dass mehr Funktionen auch mehr Sicherheitsrisiken bedeuten. Der letzte "Hack" des DVD-Codes hingegen bringt den Hackerprofis nur ein müdes Lächeln auf die Lippen. DVDs wurden auch vorher schon kopiert, nur können sie nun auch mit anderen Playern, die nicht von der Industrie lizensiert wurden, angesehen werden. Der Markt reguliert sich sozusagen selbst, heißt es.

Kontroverse über Hackertod

Die Diskussion über den Tod des Berliner Chipkarten-Hackers Boris F., der sich selbst den Namen Tron gegeben hatte, beschäftigt den CCC und die Hackerszene auch ein Jahr danach in hoch emotionaler Weise. Während der Club sowie die Eltern von Boris F. nach wie vor nicht an einen Freitod glauben, hat der Berliner Autor Burkhard Schröder unlängst in seinem Buch "Tron" den Schluss nahegelegt, dass der Tod des Hackers nichts mit Wirtschaftsmafia oder Geheimdiensten zu tun hatte. Dieses Resümee wurde auf dem Kongress von CCC-Sprecher Andy Müller-Maguhn heftig bestritten. Wie Maguhn ausführte, werden nun in Absprache mit den Eltern nochmals die Ergebnisse der Obduktionen diskutiert.

Neben den Sicherheitsrisiken und anderen Technologiethemen gibt es auf dem Kongress aber auch den einen oder anderen weniger ernsten Beitrag wie beispielsweise das kultige Schlossöffnen: Die Sportsfreunde der Sperrtechnik - Deutschland e.V. luden zu ihren mittlerweile Dritten Deutschen Meisterschaften im Schlossöffnen ein. Aber auch das Thema Kreativität am Computer wurde nicht ausgespart. Im Art & Beauty Raum dreht sich alles um das Schaffen von Computerkunst. 3D-Designer können sich hier ausleben und mittels eines 3D-Printers ihre Werke auch ausdrucken, dazu wird im Audio Labor mit Musik experimentiert. Natürlich fehlt wie schon im letzten Jahr auch der Lego-Wettbewerb nicht: Aus Lego Mindstorm-Bausätzen müssen regelrechte Dampframmen erbaut werden, die ihre Konkurrenten erkennen und anschließend vom Tisch stoßen.Weitere Infos zum Congress sowie Tondokumente der Veranstaltungen unter

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