Zeitung Heute : „Das ganze Leben spiegelt sich auf dem Teller wider“

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Zum ersten Mal seit 20 Jahren wird in Deutschland wieder das Ernährungsverhalten der Bevölkerung ermittelt. Warum wollen Sie wissen, was die Deutschen essen, Frau Brombach?

Wir wollen vor allem aktuelle und repräsentative Daten erheben. Denn politische Entscheidungsträger brauchen aktuelle Daten, um Ernährungsprogramme oder Empfehlungen aussprechen zu können. Ohne diese Daten könnten sie die Zielgruppen nicht erreichen. Die vorliegenden Daten sind alt und unvollständig.

Derzeit befragen sie die erste Teilnehmergruppe über ihre Essgewohnheiten. Lassen sich die Leute denn ausfragen? Haben sie keine Bedenken wegen des Datenschutzes?

Die Bereitschaft mitzumachen ist gut. Und wir garantieren den Datenschutz. Die Daten werden anonym erhoben. Am liebsten wäre es uns, wenn alle Menschen, die wir angeschrieben haben, an der Verzehrstudie teilnehmen würden. Wir schreiben pro Untersuchungspunkt 88 Personen zwischen 14 und 80 Jahren an. Ziel ist es, jeweils mindestens 40 Personen zu befragen. Insgesamt haben wir 500 Untersuchungspunkte. Ende November 2006 zum Abschluss der Studie werden wir 20 000 Menschen befragt haben.

Gerade für Jugendliche sind Aussehen und Essen doch eher ein peinliches Thema. Machen auch Jugendliche mit?

Gerade für Mädchen ist Ernährung ein spannendes Thema, eben weil sie eine bestimmte Idee im Kopf haben, wie sie aussehen wollen. Auch für männliche Jugendliche ist die Ernährung interessant, dort eher unter dem Gesichtspunkt, wie das Essen zum Sport passt, den sie betreiben. Aber man muss die jungen Leute gezielt ansprechen und ihnen verdeutlichen, dass die Ernährung für ihr eigenes Wohlbefinden und ihre Leistungsfähigkeit eine zentrale Rolle spielt.

Wann rechnen Sie mit ersten Ergebnissen?

Wir rechnen im Februar 2007 mit den ersten Ergebnissen. Wir werden sie zügig nach Abschluss der Studie präsentieren.

Wie läuft die Befragung ab?

Das Essen im Alltag ist eine komplexe Angelegenheit. Es hat mit Gewohnheiten, Herkunft, Bildung und Einkommen zu tun. All das spiegelt sich auf dem Teller wider. Um das auch so detailliert zu erfassen, gibt es ein persönliches Eingangsinterview. Dabei fragen wir nach dem Alter, wie lange sie schon in Deutschland leben, falls sie da nicht geboren sind, welche Schulbildung sie haben und wie sie ihren Gesundheitszustand einschätzen. Erst dann führen wir ein detailliertes Ernährungsinterview, in dem wir nach ihren Gewohnheiten fragen. Zum Beispiel, ob sie frühstücken, und wenn ja wie oft und was. Anschließend füllen die Teilnehmer einen Fragebogen aus. Außerdem messen und wiegen wir die Teilnehmer. Zwei Wochen später werden sie noch einmal angerufen, und gefragt, was sie am Tag vor dem Telefoninterview gegessen haben.

Antworten die Teilnehmer ehrlich?

Ja, das denke ich schon. Denn die Teilnehmer können eine individuelle Ernährungsanalyse von uns bekommen. Da ist es doch im eigenen Interesse, ehrlich zu antworten. Aus den ersten Erfahrungen wissen wir, dass die Menschen tatsächlich daran interessiert sind, etwas über ihre Ernährungsweise zu erfahren, aber auch herauszufinden, ob sie mit ihrem Essverhalten sozusagen im Durchschnitt der Bevölkerung liegen.

Was erfährt ein Teilnehmer aus seiner Ernährungsanalyse?

Er bekommt eine Aufschlüsselung darüber, wie hoch seine Energiezufuhr ist, und welche Nährstoffe er zu sich nimmt. Außerdem vergleichen wir das mit den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Christine Brombach leitet die Nationale Verzehrstudie in der Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe.

Das Gespräch führte Dagmar Dehmer.

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