Zeitung Heute : Das gefräßige Tier

Tiefgefrorenes Fleisch, Italienisches Mineralwasser, Schokoriegel und Melonen haben die Transporter geladen, wenn sie in Ramstein starten. Von der größten europäischen US-Airbase kommt Nachschub für den Krieg im Irak. Auf dem Rückflug sind Verletzte an Bord. Oder Särge.

Christine-Felice Röhrs[Ramstein]

Von Christine-Felice Röhrs,

Ramstein

Ein paar dutzend Mal am Tag kommt der Krieg über die Meere nach Deutschland. Er kommt und geht mit den Flugzeugen. Es gibt Menschen hier, die dienen ihm. Sie füttern ihn, mit Wasser, Nahrung, Arznei und Waffen. Mit allem, was ihn am Leben erhält. Und sie nehmen zurück, was er ausspuckt. Das Leid, die Verletzten, die Gefallenen. Es ist so etwas wie eine zweite Front, verlagert ins friedensbewegte Land, wo der Krieg sonst nur in den Nachrichten stattfindet.

Der Himmel über Ramstein dröhnt. Er dröhnt, wenn wieder und wieder eines der behäbigen steingrauen Flugzeuge zur Landung ansetzt, wenn die Maschinen, frisch bepackt, das Rollfeld Richtung Irak oder Kuwait wieder verlassen, und wenn die Trucks über das Flugfeld kreuzen und hoch bepackte Paletten in die Schlünde der Frachtmaschinen manövrieren. Allein der Ladeplatz ist 200000 Quadratmeter groß. 16 Transportmaschinen können dort gleichzeitig beladen werden. Ramstein in der Pfalz ist das Hauptquartier der US-Luftstreitkräfte in Europa, die größte Airbase außerhalb der USA und auch Außenstelle des Lufttransportkommandos AMC, das Material zu den Krisenherden dieser Welt bringt. Damit ist Ramstein das logistische Rückgrat des Irak-Krieges.

Eine Galaxy landet, und John McAllister verzieht gequält das Gesicht. Die Galaxy ist das größte Frachtflugzeug der Airforce, und McAllister, der die Verladung des Nachschubs für die Truppen in Bosnien, Afghanistan und Irak überwacht, hasst dieses heulende Wimmern in ihrem Turbinenton. McAllister ist 40 Jahre alt, ein großer Mann in schwerer Tarnkleidung, die hier alle tragen, und mit netten Augen hinter der Brille. Seit eineinhalb Jahren schiebt er Zwölf-Stunden-Schichten – seit „Nine-Eleven“. „Seit damals hat sich die Arbeit vervierfacht, aber mehr Personal und Equipment haben wir nicht“, seufzt er. So schnell wird sich das nicht ändern. So lange US-Truppen im Irak sind, herrscht in Ramstein Ausnahmezustand.

Die deutsche Front

100 Flugzeuge am Tag muss McAllister mittlerweile abfertigen, mit insgesamt 300 Tonnen Frachtgut an Bord. Die Piloten fliegen vor allem Lebensmittel, technisches Gerät und Medikamente. Waffen machen nur einen kleinen Teil aus; sie werden auf der anderen Seite der Airbase gelagert. Wasser ist der größte Posten zurzeit, viel Wasser in Plastikflaschen. Armee-Händler suchen in ganz Europa nach dem besten Angebot. Am Anfang hat Ramstein schottisches Highland Spring Water in die Wüste geschickt. An diesem Tag ist es Norda Acquachiara aus Italien und griechisches Vikos.

Überall auf dem Flugfeld wachsen riesige, in Tarnnetze gehüllte Pakete empor – „Jet-Fighter-Maschinen für Saudi-Arabien“, brüllt McAllister gegen den Lärm der rollenden Galaxy an. In anderen Paketen sind Blutkonserven, Melonen und gefrorenes Fleisch. „Kuwait“ hat jemand mit Edding auf einen in Plastikfolie gewickelten Container gekritzelt. Darin stapeln sich Kartons mit „Crispy Wahoos“, Schokoriegeln, und „Chex Mix“. Das ist Müsli. Und in den runden orangefarbenen Ballen sind Briefe von zu Haus.

Der tägliche Kampf an der deutschen Front gilt zwei Gegnern. Es ist ein Kampf gegen die Zeit, allzu kurz sind die Tage. Und es ist auch ein Kampf um die Moral. McAllister scheint ihn zu gewinnen, den Kampf. Er sieht den Krieg als Chance. Er ist ein ehrgeiziger Mann, der in den Nächten versucht, an der Fern-Uni seinen Master Degree in Aerospace Management zu machen. Gute Arbeit in der Krise wird ihn vorwärts bringen.

Douglas Gilliam dagegen scheint den Kampf um die Moral zu verlieren. Gilliam ist ein stiller, kleiner Mann aus Kentucky. Er sagt, er habe Glück, dass seine Frau mitgekommen sei nach Ramstein. Er redet viel mit ihr. Das hilft. Gilliam ist verantwortlich für den Passagier-Betrieb der Airbase: In Ramstein steigen Soldaten ein und um, die von Stützpunkten in aller Welt und auch von Deutschland aus „in die Wüste“ reisen – nach Kuwait, Saudi-Arabien, in den Irak. Eine „Drehscheibe“ wird Ramstein oft genannt. Sie schleudert dem Krieg in den Rachen, was er braucht.

„Gestern Nacht sind 21 Särge zurück gekommen“, sagt Gilliam. Nur ein Satz. Und eine kleine Zahl, verglichen mit den wuchtigen Fakten, die Ramstein sonst so schafft. Aber dieser Satz, diese Zahl, sie relativieren die Bedeutung aller Berichte über „insgesamt geringe Verluste“, relativieren die Virtualität des Krieges, den die meisten nur im Fernsehen erleben. In Ramstein wird der Krieg real. Leer haben sie die Aluminiumsärge in den Irak geschickt. 80 sind bisher zurückgekommen. Um diese Zahl zu erfahren, muss man in den USA anrufen. Die Airbase-Organisatoren selbst zählen nur die Verletzten – 140 sollen es sein. Auch Jessica Lynch, die 19-jährige Soldatin, die von einem US-Sonderkommando aus irakischer Gefangenschaft befreit worden ist, kam letzte Woche in Ramstein an. Die Toten aber zählen sie hier nicht. Die bleiben nur so lange, bis die Maschine aufgetankt ist, dann werden sie in die USA überführt.

Gilliam ist vielleicht der Einzige in Ramstein, der sie manchmal zählt, die Gefallenen. 21 also, letzte Nacht. In jedem Sarg ein Mensch. Wie ist er gestorben? Wer wartet auf ihn? Gilliam sitzt mit gekrümmtem Rücken, die Hände im Schoß gefaltet, auf einer Bank in der Abfertigungshalle. „Viele Kollegen haben Probleme mit dem, was sie sehen“, sagt er leise. Särge quittieren, ausladen, umladen…

Vielleicht kriegt auch Gilliam beides nicht zusammen: den Anblick der Särge und den des modernen Passagier-Terminals, das aussieht wie am Urlauberflughafen. Viel Glas, helles Holz, Reihen von Plastikschalen-Sesseln, Bildschirme für die Ankünfte und Abflüge, ein glänzend gebohnerter Steinfußboden; die Sonne spiegelt sich darin. „Passenger Service Center“ steht über einem Tresen. Er wirkt wie der Schalter einer exklusiven Fluggesellschaft. Nur dass nicht Stewardessen dahinter sitzen, sondern Jungs in Tarngrün, die anderen Jungs in sandfarbenen Wüstenuniformen Tickets für die Front in die Hand drücken. Die beigen Stiefel sehen so neu aus, dass man denkt, sie werden sich Blasen laufen in der Wüste. „Wenn wir unseren Job nicht täten, dann gäbe es keine Soldaten im Irak“, sagt Gilliam, und es hört sich an, als verlocke ihn dieser Gedanke manchmal.

Ramstein – Lebensmittelpunkt für 40 000 Menschen im Raum Kaiserslautern – trägt immer noch den Stempel seiner Entstehungszeit, des kalten Krieges. Auf zwölfeinhalb Quadratkilometern erstreckt sich ein autarker Stadtstaat, ein kleines Amerika. Die Straßen heißen New York Avenue oder Arizona Street. Es gibt kurzgeschorene Rasenflächen um College-ähnliche Flachbauten, einen Golfplatz, Pools, Baseball- und Footballfelder, zwei Banken, zwei Theater, Schulen und Kindergärten und Tausende Wohnungen. In den Bars und Restaurants essen die Menschen Barbecue Ribs, Burger und Steaks und bezahlen mit Dollar dafür. Man muss nicht vor die Tür dieser Heimat-Welt. Man muss sich der Kritik nicht aussetzen.

Joe Molina aus Florida, ein agiler Typ mit Schnurrbart, der das Rheinland-Restaurant leitet, verlässt die Base abends nicht mehr. Früher war er gern in Deutschland. Hier sind die Leute eigentlich „pretty much wonderful“, sagt er. Niemals war er der böse, hässliche Amerikaner. Jetzt ist das anders. Die Deutschen sind nicht gemein, aber sie sind auch nicht mehr nett.

Militärisch korrekter Ton

Umgekehrt berichten Personalvertreter für die 6000 deutschen Beschäftigten an die Verdi-Gewerkschaft in Mainz, dass sich der Ton der Vorgesetzten erheblich abgekühlt habe, dass er jetzt eben „militärisch korrekt“ sei. Die US-Soldaten fühlen sich im Stich gelassen von den flüchtigen Verbündeten. In Ramstein treffen Amerika und Deutschland aufeinander. Hier wird sie persönlich, die Gewissensfrage nach Krieg oder Frieden.

Joe gehört zu denen, die keine Zweifel haben, dass die Irak-Offensive richtig ist, auch nachdem sie inzwischen länger dauert als vorgesehen. Seine Haltung erwächst aus Dankbarkeit. Mit 18 ist er in die Airforce eingetreten, 20 Tage nach dem Schulabschluss. Die Jets hatten ihn fasziniert. Kein Land habe bessere Jets. Er hatte den Fliegerfilm „Top Gun“ gesehen und gewünscht, „ein Teil dieses American Way zu werden“. Das Wort „flavour“ sagt er oft. Der Geschmack der Airforce. Die Airforce hat ihm alle seine Wünsche erfüllt, mit ihr sieht er die Welt. „Ich werde tun, was man mir befiehlt“, sagt er zackig. Doch die Verletzten, die zurückkehren, die Toten – Joe hat sie noch nie gesehen. „Das ist nicht auf dieser Seite der Base“, sagt er, als handelte es sich um die andere Seite der Erde.

„Ich leiste meinen Beitrag, ich bin ein kleines Rädchen, das zum Erfolg des Ganzen beiträgt“ – das sagen die meisten zu dem, der in Ramstein nach einer persönlichen Meinung über den Krieg fragt. Das ist nicht immer als Ausflucht gemeint. Amerikaner schauen einfach aus einem anderen Blickwinkel auf die soldatischen Tugenden. Sie können die Deutschen nicht verstehen, mit ihren allergischen Reaktionen auf alles, was nach unkritischem Gehorsam oder überbordendem Patriotismus aussieht. Wenn Melvin Fluellen, einer der Stützpunkt-Seelsorger, eine Maschine mit Verletzten betritt, dann legt er ihnen die Hand auf die Schulter und sagt: „Wir schätzen das Opfer, das du für dein Land gebracht hast.“ Ihm kommt das nicht pathetisch vor.

Doch die letztendliche Konsequenz des Krieges ist: Er frisst auch die eigenen Leute, die Guten. In Ramstein wird Nachschub nicht nur verladen. Er wird auch rekrutiert. Die Öffentlichkeitsabteilung wird nicht müde zu verbreiten, alles laufe wie immer. Aber der Einsatz reißt Löcher, das ist überall spürbar. Das Personal wird knapp. Von 13 Seelsorgern sind drei „woanders“. Mary vom Pressebüro hat Verstärkung geschickt bekommen. Und seit vier Wochen übernehmen erstmals deutsche Soldaten die Wache an den Toren und den internen Kontrollpunkten.

Alexander Walford hat schon gepackt. Walford ist Pilot, 34, groß und breitschultrig und sieht tough aus in seinem Fliegeroverall. Er sitzt im Recreation-Room, im Freizeit-Raum seiner Einheit und schaut immer wieder zur Pressebegleiterin. Von aktuellen Einsätzen darf er nichts erzählen, nur von früher, vom ersten Golfkrieg zum Beispiel. Als Copilot auf einer Frachtmaschine war Walford damals dabei. Er weiß noch, dass es heiß war, und dass er pro Nacht nur drei bis vier Stunden geschlafen hat vor lauter Aufregung. Das macht ihn zu einem Mann mit Erfahrung.

Walford könnte also einer der Nächsten sein, die Ramstein gen Wüste verlassen, vielleicht in zwei Wochen, vielleicht in vier. Weil er aber genau genommen nicht einmal diese Daten hätte erwähnen dürfen, erzählt er schnell von Christy, seiner Frau, und den Kindern, drei und sechs Jahre alt, für die er gerne mehr Zeit hätte. Christy mag den Anblick seiner Taschen nicht, die neben dem Bett stehen. Eine mit der Cockpit-Ausrüstung, eine mit Wüstenuniformen. In der dritten das Paket mit Gasmaske und Klebestreifen, die um den Oberarm gelegt werden. Verfärben sie sich, sind Giftstoffe in der Luft.

Alex Walford spielt jetzt noch öfter mit seinen Kindern als früher.

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