Zeitung Heute : Das Geheimnis der vier Schläge

FREDERIK HANSSEN

Harnoncourt und die Philharmoniker analysieren BeethovenFREDERIK HANSSENWozu mußten die zwei Buchstaben nicht schon herhalten: Einsilbig weisen sie darauf hin, daß etwas "da" ist, in der Verdopplung erfassen sie die Mischung aus intellektueller Selbstironie und satirischer Gesellschaftskritik des "Dada", dreifach dumpf stampften sie im "Da, da, da"-Beat der Neuen Deutschen Welle.Zu titanischer Größe aber recken sie sich nur im Quadrat auf, in Beethovens Fünfter: "da - da - da - DA".So und nicht anders klopft das Schicksal an die Tür.So - und leider meistens nicht anders - kennen alle die vier Schläge. Was für ein schöpferisches Potential hinter dem kompositorischen Markenzeichen Beethovens aber wirklich steckt, erklärte Nikolaus Harnoncourt jetzt gemeinsam mit dem Berliner Philharmonischen Orchester.In einem Vortrag ohne Worte, der sprachlos ließ ob seiner Eloquenz: Die vier Töne nämlich - drei kurze und ein langer - bilden nicht nur das "Schicksals-Signal", sondern sind die Keimzelle, aus der Beethoven die gesamte c-Moll-Sinfonie entwickelt. Ganz ohne Wuchtigkeit und Pathos läßt Harnoncourt die Eröffnungsakkorde spielen, elastisch federnd und doch durchglüht von dramatischer Kraft.Der Satz wächst aus dem Viertonmotiv heraus, entfaltet sich in einem organischen Prozeß, den die Musikwissenschaftler so erschöpfend "motivisch-thematische Arbeit" nennen.Aufmerksamkeit fordert das Andante vom Hörer, will er hier alle Erscheinungsformen des konstituierenden Prinzips heraushören - zumal wenn die Solo-Holzbläser mit zaubrisch schimmernden Dialogen faszinieren.Streng erinnern die Hörner am Beginn des dritten Satzes wieder an die rhythmische Basisformel, verscheuchen die gespenstisch huschende Bewegung der Celli. Schließlich reckt sich das Finale zu enormer Größe auf, die Harnoncourt klug zu jubelndem Hochgefühl entmonumentalisiert.Wie der Blitz schießt das allgegenwärtige Ton-Quartett durch die Stimmgruppen, funkelt im virtuosen Spiel der Instrumentalisten. Seit über 45 Jahren erforscht Harnoncourt den metrischen Puls, der allem Klang erst Leben ermöglicht: den Rhythmus.An Beethovens vierter, oft als wenig bedeutend geschmähter Sinfonie zeigte der Dirigent, was es bedeutet, Musik durch Definition von Zeitmaßen entstehen zu lassen: Amorph, widerstandslos setzten die Philharmoniker die Töne der langsamen Einleitung, als sei die Partitur hier formlos, ohne Taktstriche notiert.So wirken die extrem hart genommenen, scharf akzentuierten Tutti-Schläge wie ein Urknall, der das klangliche Material plötzlich mit Leben erfüllt.Der Rhythmus ist geschaffen - und mit ihm eine Welt, die Harnoncourt mit realistischen Klangfarben nachzeichnet, so daß, wer Lust verspürt, vor dem inneren Auge lichtdurchflutete Landschaften entstehen lassen kann. Im Adagio wird das Quartsprung-Motivpartikel zum Herzschlag des Satzes, der mal dominant hervortritt, mal aussetzt und im Geiste fortgedacht werden muß - weil nur so die Melodie ihre Leuchtkraft entfalten kann.Auf das als spannende Studie über rhythmische Betonungsvarianten angelegte Allegro vivace folgt schließlich ein furios ausgereiztes Finale, das Analyselust, Virtuosität und Eleganz auf allerhöchster Ebene vereint.Ovationen.

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