Zeitung Heute : Das Geheimnis des grünen Hefters

In seiner Kaserne gab es Misshandlungen, aber Oberstleutnant Wiens Gewissen ist ruhig. Die Wahrheit jedoch bleibt Verschlusssache

Nana Brink[Brandenburg an der Havel]

An diesen Samstagnachmittag im Dezember kann sich Wolfgang Wien sehr gut erinnern. Da stand er in seiner grünen Tarnuniform vor ein paar hundert Familienangehörigen im Saal der Roland-Kaserne in Brandenburg an der Havel. Eigentlich wollte der Kommandeur des Panzergrenadierbataillons 421 über den bevorstehenden Einsatz in Afghanistan reden, „aber ich wusste gleich, da kommen ganz andere Fragen“. Also ist Wien zum Angriff übergegangen: „Wir gehen nach Kabul, weil wir die Menschenrechte schützen, und das gilt doch zu Hause erst recht.“ Es war sehr still im Saal. Ein paar Tage zuvor war über Misshandlungen in der Bundeswehr berichtet worden; auch in der Roland-Kaserne wurden Vorwürfe gegen Ausbilder laut. Wolfgang Wien wusste, was die Familien von ihm hören wollten: Keiner der Vorgesetzten, die in den Einsatz gingen, hätte etwas mit diesen Vorwürfen zu tun.

„Das sage ich auch heute noch“, meint Wien und bittet in sein Büro im zweiten Stock eines nüchternen Klinkerbaus. Wahrscheinlich müssen Büros in Kasernen so aussehen: grelles Deckenlicht, braune Möbel, an der Wand Bundespräsident, Minister und zahlreiche Wimpel und Fahnen. Der Boden quietscht vor Sauberkeit. Im Türrahmen steht ein großer Mann mit einem Jungengesicht und freundlichen dunkelbraunen Augen hinter der randlosen Brille. Oberstleutnant Wolfgang Wien, 41, ist für rund 1000 Soldatinnen und Soldaten verantwortlich. Seit Monaten bereitet er sich darauf vor, im Januar als Kommandeur des deutschen Einsatzverbandes mit einem Teil seines Bataillons nach Kabul zu gehen. „Eine große Herausforderung“, sagt Wien.

Genau das aber beschäftigt momentan weder den Verteidigungsminister noch seine Generäle besonders. Alle haben in der letzten Zeit ganz andere Fragen: die Lokalreporter, die Bürgermeisterin, die Eltern seiner Rekruten, sogar seine beiden Töchter. „Sag mal, haben die bei euch Menschen misshandelt?“, wollte seine jüngste Tochter wissen.

Was ist passiert in der Roland-Kaserne? Es gibt Anschuldigungen gegen Vorgesetzte, ihre krankgeschriebenen Untergebenen schikaniert zu haben; sie mussten angeblich „robben, bis die Knie blutig aufgeschürft waren“. Ein Rekrut berichtete im Fernsehen, ihm sei die ärztliche Versorgung verweigert worden. Sogar von rechtsradikalen Parolen in den Fluren der Mannschaftsunterkünfte war die Rede; angeblich soll ein Soldat die Bundeswehr verächtlich gemacht und die Wehrmacht gelobt haben. Immer größer wurde der Raum für Spekulationen.

Auf dem akkurat geordneten Schreibtisch liegt ein dicker grüner Hefter; wochenlang hat Wien ermittelt. Aber: Sagen darf er darüber kein Wort. Dennoch versucht er sich in Erklärungen, bemüht sich, immer freundlich, verheddert sich in Standardsätzen. Dabei blickt Wien sein Gegenüber aufmerksam an. Man erkennt an seiner Miene, dass er sich nicht wohl fühlt. „Wir sind von diesen Dingen überrascht worden.“

Das geht nicht nur dem Oberstleutnant so. Der Verteidigungsexperte der Grünen, Winfried Nachtwei, kritisierte kürzlich im Tagesspiegel, man habe „wenig Einblick in den Alltag dieser Großorganisation“. Im Verteidigungsministerium zweifelt man, natürlich nur halblaut, ob viele Offiziere überhaupt noch ihrer Pflicht zur Dienstaufsicht nachkämen. Explizit ging der Vorwurf an den Kommandeur der Kaserne in Coesfeld, wo die ersten Misshandlungen bekannt wurden.

„Ich habe die Verantwortung“, sagt Bataillonskommandeur Wien abrupt und guckt aus dem Fenster auf die gleichförmigen Häuserblöcke der Soldaten. Seit Anfang Dezember herrscht in der Roland-Kaserne Ausnahmezustand, zumindest innerhalb des Führungsstabes. Binnen einer Woche musste sich Wien intern zu den Misshandlungsvorwürfen äußern. „Wir haben die Nadel im Heuhaufen gesucht.“ Und gefunden? „Ja“, sagt Wien knapp. „Wir haben die Kaffeemaschine angeschmissen und verhört.“ Alle: Offiziere, Unteroffiziere, Rekruten – bis nachts um drei. „Ich will, dass hier nichts unklar bleibt.“

Der Oberstleutnant guckt plötzlich streng und legt die Hand auf den grünen Hefter; er könnte ihn jetzt einfach aufklappen und berichten. Den Wirrwarr aus Gerüchten, Halbwahrheiten und Schlagzeilen ordnen. Aber natürlich tut er das nicht. Er hat schließlich seine Anweisungen. Wiens Lächeln bleibt trotz allem verbindlich. Besonders ärgert ihn der Vorwurf, sie hätten „ihre Pflicht zur Dienstaufsicht“ vergessen. Was heißt eigentlich Dienstaufsicht, und wie viel Zeit hat ein Bataillonskommandeur dafür?

Die Dienstaufsicht von Oberstleutnant Wien findet derzeit am Schreibtisch statt, in der Regel bis zu 16 Stunden. Kein Tag ohne neue Stellungnahmen zu neuen Beschwerden. Fast sieht es so aus, als wolle man durch eine Vielzahl von Detailermittlungen ein schlechtes Gewissen ersticken. „Ich habe kein schlechtes Gewissen“, kontert Wien und leistet sich dann den Satz: „Dienstaufsicht hat auch etwas mit Zeit zu tun.“ In der Tat muss sein Bataillon heute viel mehr Aufgaben erledigen als früher. Hauptsächlich wegen der Auslandseinsätze. Dafür müssen ja nicht nur Leute abgestellt, sie müssen auch vorbereitet und trainiert werden.

Neben dem Hefter liegt ein Stapel mit rund drei Dutzend so genannten „BS-Anträgen“. Wiens Unterschrift entscheidet, ob jemand Berufssoldat werden kann oder nicht. Der Kommandeur muss sich dabei weitgehend auf die Einschätzung seiner Offiziere verlassen. Den künftigen Berufssoldaten sieht er höchstens manchmal auf dem Übungsplatz oder beim Appell auf dem Kasernenhof – aus der Entfernung. Zeit für Gespräche gibt es selten. Zumindest kennt Wien, der Vater eines bald wehrpflichtigen Sohnes, die Soldatenunterkünfte. „Das ist schon mal echt die Ausnahme“, erzählt ein Soldat aus der Roland-Kaserne.

David Meinke, seit Oktober als Rekrut hier, kennt seinen obersten Chef. „Hab ihm schon mal die Hand geschüttelt.“ Aber die ganzen Vorwürfe, nein, sagt der 19-jährige Abiturient, seit kurzem Vertrauensperson der 6. Kompanie, „das ist bei uns gar nicht Thema“. Meinke ist „ziemlich begeistert“ von der Ausbildung bisher, „schließlich lernen wir, uns anzupassen“. Und das könne ja nicht schaden für das spätere Berufsleben. Seine Meinung scheint sehr verbreitet zu sein. In einem Chatroom, in dem sich Soldaten aus der Roland-Kaserne austauschen, kann man lesen: „Ich hab auch im Dreck gelegen … Wenn jemand sich aufspielen will, soll er doch zur Mickymaus gehen, mir hat’s gut getan, und ich bin wirklich weiter gekommen in meinem Leben.“

Im anonymen Netz macht sich schon mal „Schütze Z“ über seinen Kommandeur lustig: „Was wissen Sie denn schon über unseren Alltag, Herr Oberstleutnant!“ Beliebt sind auch die Erzählungen ehemaliger NVA-Offiziere, die sich über die „Weicheier“ bei der Bundeswehr amüsieren und ihre „Scherze“ zum Besten geben, zum Beispiel die „Musikbox“: Bei diesem „Spiel“ wurden Rekruten in einen Spind eingeschlossen und so lange geschüttelt, bis sie ein Lied gesungen hatten. Oder die „Schildkröte“: Dabei wurden vier Helme an Knien und Ellenbogen fest geschnürt und Rekruten den Flur entlanggeschleudert.

„Ich kann nicht sagen: Bei uns passieren keine Schikanen.“ Wolfgang Wien ist sich darüber im Klaren, dass der Imageschaden für die Bundeswehr beträchtlich ist. Wiens älteste Tochter erzählte ihm, eine Bekannte im Sportverein habe sie gefragt, warum ihr Vater einen Beruf hat, in dem er „Leute totmacht“.

„Gerade jetzt dürfen wir uns nicht abschotten“, sagt Wien. Das klingt überzeugend – wäre da nicht dieser geheimnisvolle Hefter auf dem Schreibtisch. Bevor er sich wieder mit ihm beschäftigt, drückt der Kommandeur sein grünes Barett auf die raspelkurzen Haare und geht sehr schnell zum Appellplatz. Eine kleine Gruppe Soldaten steht schon seit längerem in Reih und Glied, um einen Feldwebel zu verabschieden. Routiniert und mit verhaltener Stimme gibt der Chef seine Kommandos. Wien ist ein Mann der leisen Töne, Rambos in Grün sind im zuwider. Ob die Auslandseinsätze die Soldaten gewalttätiger machen? Der Oberstleutnant schüttelt den Kopf und pustet ein bisschen genervt in die Winterluft: „Das ist die falsche Frage.“

Er selbst geht zum zweiten Mal in ein Krisengebiet, nach 1999 im Kosovo nun nach Afghanistan. Mitte Januar fliegt Wolfgang Wien mit seinen Soldaten nach Kabul. „Endlich, das muss jetzt losgehen“, sagt er und lächelt etwas müde. Der Hefter bleibt auf seinem Schreibtisch – in Brandenburg.

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