Zeitung Heute : Das Geheimnis des schwarzen Buchs

In Jassin F.s Notizen stehen Namen der mutmaßlichen Allawi-Attentäter. Kam der entscheidende Tipp aus einem Gefängnis im Irak?

Erwin Decker[Sulemaniya]

Warum er im Gefängnis ist? Er weiß es nicht, sagt er. Er ist ja nur ein gläubiger Moslem aus Deutschland auf Besuch. Und das kleine Buch mit den vielen Adressen von Kurden in Deutschland? Und dieses Blatt Papier mit den vielen Zahlen, die niemand versteht? Und die CD mit den Fotos der toten kurdischen Peschmergakämpfer. Und die 40000 Dollar in bar, die er in einer Tasche dabei hatte? Was soll das alles bedeuten?

Jassin F., im graugrünen Jogginganzug und mit roten Plastiksandalen an den bloßen Füßen, sitzt im Vernehmungszimmer der „Asaisch“. So heißt der Geheimdienst der Kurden im Nordirak. Brauner Teppichboden, neue Metallschreibtische, alles sehr sauber. Zwischen dem Beamten und Jassin F. steht ein tragbarer Petroleumofen auf dem Boden. Das Zimmer ist trotzdem kalt. Hassan Nuri, der Asaisch-Abteilungsleiter für Extremismus, nennt F. nur „den Deutschen“. Der Gefangene kommt aus München. Dort hat er vor über sechs Jahren einen Antrag auf Asyl gestellt. Er spricht sehr gutes Deutsch. „Ich habe viel Deutschunterricht genommen“, sagt der Mann aus München.

Der kurdische Geheimdienst ist sicher, dass Jassin F. ein hohes Mitglied der Extremistengruppe Ansar al Islam ist. Auch deutsche Sicherheitsexperten rechnen F. Ansar al Islam zu – und bestätigen, der Mann habe eine Münchner Adresse.

Mitglieder der Ansar al Islam sollen in Berlin versucht haben, einen Anschlag auf den irakischen Premierminister Allawi zu verüben. Ansar al Islam wird von Osama bin Laden unterstützt. Im Irak zählt die Gruppe zu den eifrigsten Kämpfern des Jordaniers Sarkawi, des Statthalters der Al Qaida.

Der ganze Bezirk, in dem Asaisch liegt, ist ein Hochsicherheitsdistrikt. Alle zehn Meter steht ein Soldat. Jedes Auto wird fast zerlegt, bevor es auch nur in die Nähe der Sicherheitsbüros kommt. Man will hier keine Verhältnisse wie in Bagdad. Das Gefängnis liegt im Inneren eines Bürohauses. Fast alle Gefangenen sind Mitglieder von Ansar al Islam. Die gewöhnlichen Kriminellen kommen in ein Gefängnis vor den Toren der Stadt.

Die kurdische Behörde hat Jassin F. vor einigen Monaten in Sulemaniya festgenommen, als er gerade aus Deutschland kam. „Wir hatten den Tipp aus Deutschland, dass er wieder einmal in den Irak reiste. Dieses Mal wollten wir ihn festnehmen, weil wir genug Informationen haben, dass er ein wichtiges Mitglied von Ansar al Islam ist. Er war gerade in einem Haus von Verwandten in Sulemaniya.“

Als Jassin F. verhaftet wurde, trug er in einer Tasche 40000 Dollar mit sich. Immer wieder wird der Sozialhilfeempfänger aus München nun bei den Verhören nach der Herkunft der großen Geldsumme gefragt. Seine stereotype Antwort: „Ich habe das Geld gespart, um es einer Moschee im Irak zu schenken.“ Die Polizisten schütteln nur den Kopf. „Sag uns, woher du das Geld hast!“

In einer Moschee in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs, sagen die irakischen Beamten, sollen sich unauffällig die Ansar-al-Islam-Mitglieder aus Deutschland getroffen haben. Sie sind sich sicher, dass Jassin F. Namen kennt. Doch der rückt sie nicht heraus. ,„Ich kenne niemanden mehr aus Deutschland“, sagt er immer wieder. Jetzt holt der Geheimdienstmann das Notizbuch von F. aus seinem Schreibtisch und liest Namen daraus vor. Es ist ein kleines schwarzes Buch mit einem Gummiband. Die Hälfte ist mit Kugelschreiber oder Bleistift voll geschrieben. Der Finger des Beamten geht auf die Seite zwei: ein Name und daneben drei Telefonnummern. Ja, gibt F. jetzt zu, diesen Mann kenne er – aber nur „flüchtig“.

Mehrmals waren in den vergangenen Monaten auch deutsche Beamte hier im Gefängnis von Sulemaniya. Und sie haben sich ganz besonders für dieses kleine schwarze Buch interessiert. Schließlich haben sie darin alle Namen von den Personen gefunden, die jetzt in Deutschland wegen des geplanten Anschlags auf Allawi festgenommen wurden: Ata R. aus Stuttgart, Mazen H. aus Augsburg, Rafik M. aus Berlin. Kam ein entscheidender Tipp für die deutschen Ermittler also aus diesem Gefängnis im Irak?

Zwischen den Fragen der Beamten lacht F. immer wieder verlegen. Dann schaut er auf den Boden und reibt seine Hände. Nach einer Stunde bringt ein Mann Tee ins Vernehmungszimmer. Auch für F. Er schlürft aus der kleinen Tasse das heiße Getränk.

„Ich glaube an Allah“, sagt er zwischendurch immer wieder. Der Beamte ist weniger fromm: „Wir sind hier nicht in der Moschee, sondern im Gefängnis. Und wir wollen endlich wissen, was eure Leute hier vorhaben.“ Aber F. antwortet nicht. Er sei nur ein einfacher Mann, er wisse von nichts. Und sagen wolle er jetzt ohnehin nichts mehr. Schließlich wird er in den Gefängnishof geführt.

Das mit dem „einfachen Mann“ glauben die kurdischen Geheimdienstleute ganz und gar nicht. Sie halten Jassin F. für den Sekretär und Geldboten des berüchtigten Mullah Krekar. Dieser lebt als Asylbewerber in Oslo und gilt als Auslandsführer der Ansar-al-Islam-Gruppe. Alle nennen ihn „Prinz“. Für die Norweger ist er ein zweiter Fall Kaplan: Sie werden ihn nicht los. Drei Tage nach dem Anschlag vom 11. September gratulierte Krekar in der Moschee von Biala an der iranischen Grenze bin Laden für die gelungene Operation gegen die USA. Die Ansprache ist auch als Kassette bei den Mitgliedern von Ansar al Islam im Umlauf.

Zu diesem Mullah soll der „Deutsche“ ein ganz besondere Beziehung unterhalten haben. Krekar, sagt der kurdische Geheimdienst, ist persönlich nach München gekommen, um eines der vier Kinder von F. zu taufen. Der wiegelt ab: „Jemand hat mich angerufen, dass Mullah Krekar da ist, dann ist er zu mir gekommen.“ Die kurdischen Ermittler gehen auch davon aus, dass die 40000 Dollar in F.s Tasche etwas mit Mullah Krekar zu tun haben. „Wir wissen“, sagt ein Geheimdienstmann, „dass der Verein ,Islamische Kurden’ in Deutschland Geld für Mullah Krekar sammelt. Wenn der Vorstand eine größere Summe für den Irak hat, holt Jassin F. das Geld und bringt es zu Ansar al Islam in den Irak.“

In München scheint F. ein unauffälliges Leben geführt zu haben. Sein Name steht auf dem Klingelschild ganz unten rechts, das zu einem schmucklosen Wohngebäude in der Albert-Roßhaupter-Straße in München-Sendling gehört. Ordentlich mit dem Computer ausgedruckt, steckt das Schildchen unter der durchsichtigen Plastikabdeckung – anders als bei einigen der aus Ex-Jugoslawien oder der Türkei stammenden Nachbarn, die ihren Namen in krakeligen Buchstaben mit einem Kugelschreiber auf ein Stück Papier gekritzelt haben. In der offensichtlich zu der Klingel gehörenden Wohnung im Hochparterre sind um zwei Uhr nachmittags die Jalousien unten.

Natürlich kenne er den Herrn F., erklärt ein freundlicher Nachbar aus dem dritten Stock. Man habe öfter mal geplauscht im Treppenhaus, sogar einen „recht guten Kontakt“ gehabt. „Doch von einem Tag auf den anderen war er weg mit seiner Familie“, wundert er sich. „Irgendwann vor den Sommerferien“ sei das gewesen, ganz genau könne er sich nicht mehr erinnern. Wohin die Familie F. gegangen sein könnte, weiß er nicht, Herr F. habe keine Nachricht hinterlassen. „Es kommt aber immer noch Post für ihn hierher.“ Meistens aber nur Werbebriefe. Eine Nachsendeadresse gebe es offensichtlich nicht.

Der irakische Ermittler Hassan Nuri holt jetzt den blauen deutschen Fremdenpass, den jeder Asylbewerber bekommt, aus der Akte. Damit darf Jassin F. in jedes Land, nur nicht in den Irak, steht auf der vierten Seite. Aber gerade dahin reiste er während seiner Zeit als Asylbewerber in München über 20 Mal. Das bestätigt er selbst. „Ich wollte meine Eltern sehen“, lautet die Erklärung. „Wir glauben ihm kein Wort“, sagt Nuri. Die Türken ließen ihn nicht in den Irak, aber über Syrien und den Iran war die Einreise kein Problem, sagt F.

Die Zusammenarbeit mit deutschen Sicherheitsbehörden funktioniert trotz der Kriegswirren im Irak. Mehrmals, bestätigt F., waren schon deutsche Beamte bei ihm im Gefängnis von Sulemaniya. „Sie haben mit mir geredet und mich gefragt, ob ich nicht mitkommen möchte nach Deutschland. Sie versprachen mir, wenn ich mit ihnen zusammenarbeite, sorgen sie dafür, dass ich nicht in das Gefängnis muss.“ Jetzt schaut er etwas gequält und meint mit Blick zu Hassan Nuri. „Ich muss aber hier bleiben.“

Die Kurden hoffen, dass F. nach und nach doch noch mehr Informationen über das Netzwerk in Deutschland und Europa preisgibt. „Wir sind sicher, dass wir erst am Anfang der Ermittlungen stehen“, so Hassan Nuri. Inzwischen sind auch die Frau und die vier Kinder von Jassin F. aus München in den Irak gekommen.

Die Kurden würden ihn gern mit den anderen Ansar-al-Islam-Häftlingen vor Gericht stellen, aber es gibt im Irak noch keine Gesetze gegen den Terror. Die Ermittler müssen warten, bis die neu gewählte Regierung in Bagdad die entsprechenden Gesetze erlässt.

Mitarbeit: Frank Jansen und Henry Stern

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar