Zeitung Heute : Das gekaufte Tor

1971 erschütterte ein Skandal um manipulierte Spiele die Fußball-Bundesliga. Hertha BSC steckte mittendrin

Sven Goldmann

Im Frühling 1971 hat Eberhard Wittig viel zu tun. Seit gut zwanzig Jahren verfolgt er für den Tagesspiegel so ziemlich jedes Spiel von Hertha BSC, jetzt verarbeitet er das Erlebte in einem Buch. „Ha Ho He, Hertha BSC“ soll ein kleines Denkmal werden für den Verein, in dem Wittig nicht nur Freunde hat. Seine kritischen Berichte sind gefürchtet. Verleger Franz Karl Maier hat über Wittig einmal gesagt: „Der Mann macht vor keiner roten Ampel Halt.“

Wittig ist mit dem Buch so gut wie fertig, als am 5. Juni 1971 das letzte Spiel einer erfolgreichen Bundesligasaison ansteht. Platz drei ist Hertha nicht mehr zu nehmen, Platz zwei aber auch nicht mehr zu erreichen, und das ist keine gute Konstellation für das letzte Spiel gegen den Abstiegskandidaten Arminia Bielefeld. Als es zur Halbzeit 0:0 steht, rufen die ersten unter den 45000 Zuschauern im Olympiastadion: „Schiebung, Schiebung!“ Wittig und seine Kollegen telefonieren mit ihren Redaktionen – und sind erstaunt, als plötzlich Zoltan Varga in den Presseraum stürmt. Der ungarische Star von Hertha BSC hat in der ersten Halbzeit so schlecht wie noch nie gespielt. „Er verlor fast jeden Zweikampf, spielte den Ball dem Gegner in die Beine, schoß ihn an und stand sonst nur herum“, schreibt Wittig. Jetzt, in der Pause, ruft Varga seine Frau an. Der „Spiegel“ hat später folgendes Protokoll des Telefonats gedruckt: „Ist das Geld da?“ – „Nein.“ – „Diese Schweine, sie wollen ohne uns Ausländer kassieren. Aber denen mache ich die Sache kaputt!“

Varga läuft zurück auf den Platz und spielt wie aufgezogen. Einmal trifft er die Latte des Bielefelder Tores, und die Zuschauer wundern sich, warum der plötzlich so spielfreudige Varga von seinen Kollegen offenbar geschnitten wird. Später werden sie erfahren, dass Bielefeld viel Geld dafür geboten hat, dass Varga und seine Kollegen möglichst schlecht spielen. 250000 Mark Schmiergeld waren verabredet, allein 50000 für Varga, aber der hatte Vorkasse verlangt. Als die ausbleibt, „spielte Varga verrückt“, sagt Herthas Verteidiger Tasso Wild später.

Das Spiel nimmt dennoch seinen verabredeten Verlauf. 20 Minuten vor Schluss schießt Gerd Roggensack das Tor zum 1:0-Sieg für die Arminia, die damit in der Bundesliga bleibt und den Konkurrenten Kickers Offenbach zum Abstieg in die Regionalliga zwingt. Roggensack, eigentlich rechter Außenstürmer, spielt an diesem Tag auf der linken Seite, wo er es mit Herthas Nationalspieler Bernd Patzke zu tun hat. Der Berliner stellt sich dumm an beim entscheidenden Tor. „Das sah nach abgekartetem Spiel aus“, schreibt Wittig und ahnt noch nicht, wie Recht er damit hat. Bernd Patzke zählt zu den Schlüsselfiguren jener Affäre, die später als Bundesliga-Skandal in die Geschichte eingeht.

Am nächsten Tag feiert Horst-Gregorio Canellas seinen 50. Geburtstag. Der Präsident des Absteigers Offenbach spielt seinen Gästen, unter ihnen Bundestrainer Helmut Schön, ein Tonband vor. Zu hören sind Telefonate zwischen Canellas und Spielern anderer Klubs, es geht ganz offensichtlich um Bestechung. Bundestrainer Schön erschrickt, als er Nationalspieler Patzke sagen hört: „Gestern habe ich mit einem von Bielefeld gesprochen, aber wir verhandeln noch. Wenn Sie, Herr Canellas, was draufpacken, sagen wir 140000 Mark, dann versuchen wir natürlich, die Bielefelder zu schlagen.“

Nach Canellas’ Geburtstagsparty ist nichts mehr, wie es einmal war. Schön streicht Patzke noch am selben Tag aus dem Kader der Nationalmannschaft. Er wird nie wieder in der Bundesliga spielen. Das weiß Eberhard Wittig noch nicht. In ein paar Wochen soll sein Buch auf den Markt kommen. Über Nacht schreibt er noch ein Kapitel dazu, es trägt den Titel „Der große Wirbel“.

Dabei ist es nur ein leichter Luftzug, verglichen mit dem, was in den kommenden Monaten ermittelt wird. Als Eberhard Wittigs Buch ausgeliefert wird, stehen die Berliner lediglich im Verdacht, sie hätten über die Annahme einer Siegprämie von dritter, Offenbacher Seite verhandelt. Im Lauf der Ermittlungen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) kommt heraus, dass zwischen dem 3. April 1971 und dem 5. Juni 1971 bei 18 Bundesligabegegnungen Bestechungsgeld im Spiel war. 52 Profis wurden gesperrt, allein 15 von Hertha BSC. Die Berliner hatten das meiste Geld herausgeschlagen und dazu doppelt verhandelt. Offenbach hatte 140000 Mark für einen Berliner Sieg gegen Bielefeld geboten. Ein Vorstandsmitglied saß am 5.Juni mit dem Geld im Stadion, Patzke hatte vorher nachgezählt.

Was ist im Juni 1971 vor und nach dem Spiel gegen Arminia Bielefeld im Berliner Mannschaftskreis beredet worden? Zoltan Varga lässt seine Version über einen Anwalt verbreiten: „Am Dienstagabend vor dem Spiel gegen Bielefeld veranstaltete Hertha BSC eine Mannschaftsfeier. Es wurde besprochen, wie das Spiel laufen sollte. Es lagen Angebote aus Bielefeld und Offenbach vor. Nur Lorenz Horr sprach sich dafür aus, mit Bielefeld solle nicht weiter verhandelt werden, auf keinen Fall dürften wir gegen Bielefeld auf Niederlage spielen. Er konnte sich nicht durchsetzen.“ Stürmer Horr fehlt gegen Bielefeld wegen einer Verletzung. Als Einziger wird er später nicht gesperrt.

Verteidiger Wild dagegen besteht darauf, die Mannschaft habe gegen Bielefeld unbedingt gewinnen wollen, es sei ja um die 140000 Mark aus Offenbach gegangen, den Bielefeldern will er zuvor abgesagt haben. Wolfgang Holst, damals Zweiter Vorsitzender, erinnert sich: „Die Spieler saßen alle bedrückt nach der Niederlage zusammen. Ich musste raus zur Pressekonferenz, und gleich danach ist unser krankgeschriebener Spieler Jürgen Rumor gekommen.“ Rumor habe dann vorgeschlagen, jetzt könne man doch auf das Angebot aus Bielefeld zurückkommen. Mannschaftskapitän Uwe Witt lässt in der Kabine abstimmen. Sieben sind für den Vorschlag, fünf dagegen. Rumor holt das Geld vom Bielefelder Mittelsmann Jürgen Neumann ab, noch am selben Abend wird es in der Wohnung von Torhüter Volkmar Groß aufgeteilt. Dann geht die Mannschaft in den Urlaub.

Vier Wochen später beginnt die Vorbereitung für die neue Saison. Wolfgang Holst reist mit ins Trainingslager nach Hessen und bittet alle Spieler zum Einzelgespräch. Einer nach dem anderen gesteht die Annahme des Geldes aus Bielefeld. Die Transferperiode, in der die Klubs neue Spieler verpflichten können, ist bereits abgelaufen. „Wenn ich also mit meinem Wissen zum DFB gegangen wäre, hätte ich die goldene Verbandsnadel für die Aufklärung des Falles erhalten“, sagt Holst heute. „Aber die gesamte Mannschaft wäre gesperrt worden, das hätte den sicheren Abstieg bedeutet.“ Holst spielt auf Zeit, zögert die Aussage der Berliner vor dem DFB immer weiter hinaus, bis ins Frühjahr 1972. Erst als Hertha am 15. April endgültig den Verbleib in der Bundesliga gesichert hat, sagen die Berliner aus. Fast die gesamte Mannschaft wird gesperrt, Hertha beendet die Saison mit Ersatz- und Juniorenspielern.

Die Strafen fallen milde aus: 15000 Mark Geldbuße und zwei Jahre Sperre. Zum 26. November 1973 werden alle begnadigt. Der Verein aber reagiert so konsequent wie selten in seiner turbulenten Geschichte. Kein einziger der Skandalsünder läuft je wieder für Hertha BSC auf. Der FC Schalke 04, dessen Spieler erst Schmiergeld annahmen und dann auch noch einen Meineid schworen, tut so, als sei nie etwas geschehen. Klaus Fischer und Rolf Rüssmann spielen später sogar in der Nationalmannschaft.

Das alles erlebt Eberhard Wittig nicht mehr. Der Reporter ist 49 Jahre alt, als ihn beim Beobachten des Hertha-Trainings ein Ball mit voller Wucht trifft. Wittig trinkt so gut wie nie Alkohol, aber dieser Unfall fügt seiner Leber irreparablen Schaden zu. Er stirbt am 29. April 1972. Am Tag, als die deutsche Nationalmannschaft zum ersten Mal im Londoner Wembleystadion gegen England siegt.

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