Zeitung Heute : Das geklonte Dorf

Eva-Maria Baumgart ist die Erste. Sie hat Horno, das der Braunkohle weichen muss, verlassen und ist nach Horno II, dem Ersatzort, umgezogen. Jetzt lebt sie auf einer Baustelle zwischen 24 Kränen. Aber bald wird alles aussehen wie früher. Dann geht sie mit ihren alten/neuen Nachbarn kegeln.

Silke Becker[Horno]

Allein hätte sich Frau Baumgart doch nie so ein Haus leisten können. Kein kleines, kein mittleres und schon gar nicht so ein hübsches großes mit gelbem Putz. Da hätte sie noch so lange sparen können, sie wäre ihr Lebtag lang keine Bauherrin geworden.

Aber nun hat sie das Haus, und bezahlt hat es das Braunkohleunternehmen. Jetzt hat sie viel mehr Platz als vorher, im Flur geht automatisch das Licht an, ohne dass sie einen Schalter betätigt. Nein, Eva-Maria Baumgart fällt wirklich kein Grund ein, warum sie sich nicht freuen sollte. Aber ungetrübte Freude darf nicht sein. Denn Frau Baumgart, 51, stammt aus Horno. Ein kleines Dorf, 270 Einwohner, ganz im Süden von Brandenburg, in der Nähe von Cottbus, fast an der polnischen Grenze. Ein berühmtes Dorf, denn die Menschen leisteten hier jahrelang zivilen Widerstand.

Die Entscheidung, dass Horno der Braunkohle weichen muss, stammt schon von 1977. Zu DDR-Zeiten hätten sie hier keine große Chance auf Widerstand gehabt. Die Hornoer wären, genauso wie die Menschen in den umliegenden Dörfern, einfach versetzt worden. Mit etwas Glück in ein eigenes Haus, mit etwas weniger Glück in einen Plattenbau.

Kurz nach der Wende sah es so aus, als könnte Horno doch noch gerettet werden. Braunkohle gilt ja als Energie von vorgestern. Die Menschen nutzten, was ihnen das neue System bot, übten sich in Einspruch und Protest und klagten bis zum Europäischen Gerichtshof. Vergeblich. „Wir sind Verlierer“, sagt Bernd Siegert, der Ortsvorsteher, ein kräftiger Mann, der versucht hat, mit seinem breiten Kreuz den Ort zu retten. Bis zum 30. September müssen sie nun ihr Dorf verlassen. 15 Kilometer weiter, am Rand von Forst, entsteht ein neues Horno. Auf einem Acker, 44 Hektar groß, wächst ein komplett neues Dorf. Und Eva-Maria Baumgart ist die Erste, die in diesem neuen Ort wohnt.

Frau Baumgart sagt, „einer muss ja den ersten Schritt machen“. Sie hatte irgendwann genug vom Reden und Warten und wollte „Nägel mit Köppen“ machen, und dann ist ihr auf einer der Gemeinderatssitzungen, die alle vier Wochen stattfinden, der Kragen geplatzt, und sie hat die „wilde Sau gespielt“, wollte sofort ihren Bauantrag. Frau Baumgart ist nämlich nicht so gut mit Worten, und manchmal fällt ihr dann nichts anderes ein, als laut zu werden. So setzt sie immer ihren Willen durch, und dieses Mal hat es auch wieder geklappt. Sie bekam ihren Bauantrag, und das Braunkohleunternehmen, das jetzt Vattenfall Europe Mining AG heißt, hat sich so darüber gefreut, dass es ihr zum ersten Spatenstich ein Büfett spendierte. Die Fotos von dem Tag bekam sie zum Einzug geschenkt, am 14. Dezember 2002.

Noch ist es ein wenig ungemütlich im neuen Horno. Frau Baumgart wohnt jetzt mit ihren Kindern mitten auf einer Baustelle. Der Möbellieferant hat ihr Haus jedenfalls ziemlich lange suchen müssen, und der Otto-Versand will ihr nichts an diese Adresse schicken. Die Frau am Telefon dort sagte, mein Computer kennt diese Adresse nicht. Überall stehen Rohbauten, manche Häuser haben schon gedeckte Dächer, dazwischen Paletten mit Steinen. Vor ein paar Tagen hat Frau Baumgart 24 Kräne gezählt, „irgendwie witzig“, findet sie. Angst hat sie nicht, und gruselig ist ihr auch nicht zumute, so ganz allein auf der Baustelle. „Vor was soll ich mich denn gruseln?“ Nein und nochmals nein, wie oft soll sie das denn wiederholen? Nur ihr Jüngster, der 18-jährige Stephan, der sich manchmal an den neuen Esszimmertisch dazusetzt, sagt, der Wind pfeife nachts ganz schön um das Haus. Und still findet er’s, nicht mal ein Hund oder eine Katze sind zu hören. Im alten Horno habe es nachts wenigstens noch Betrunkene gegeben, die nach Hause torkelten.

Im Flur, da, wo jetzt die Bewegungsmelder für das automatische Licht sorgen, links neben der Treppe, hängt ein Bild vom alten Haus. Es ist von einem leicht erhöhten Standort aufgenommen, im Frühjahr, die Obstbäume blühen. Ein kleines Bauernhaus, weiß gestrichen, drei Fenster nach vorn, zwei an der Giebelseite, dann noch Scheune, Stall, die alte Schmiede des Schwiegervaters. Das Elternhaus ihres Mannes. Würde er noch leben, wären sie wohl nicht schon ausgezogen. Aber ihr Mann kam vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben. Von seinem Elternhaus wird nichts bleiben. Der Bagger wird es in 1000 Stücke zerbrechen und die Reste auf einem Schutthaufen abladen. Aber trotzdem denkt Frau Baumgart, „dass mein Mann ganz schön stolz auf seine Ehefrau wäre, wenn er sehen könnte, wie schön wir’s jetzt haben“.

Das Foto mit den Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäumen weckt aber auch andere Erinnerungen: Nach dem Tod ihres Mannes stand sie mit allem alleine da, den Nebengebäuden, dem alten Zaun, den beiden Hunden, einem Collie und einem Schäferhund, und dann kümmerte sie sich noch um ihren 88-jährigen Vater, dem sie das Essen brachte. Die ganze Arbeit, die Fahrerei, der Schichtdienst in der Kantine des Kraftwerks, ihr wurde alles zu viel.

Auch Pfarrerin Dagmar Wellenbrink spricht über Arbeit. Aber bei ihr klingt das anders, warm. Sie redet vom Werkeln im Garten, dem Dreck unter den Nägeln, der rissigen Haut. Dagmar Wellenbrink sorgt sich um die alten Leute, die im Sommer das Obst einkochen, erst die Kirschen, später die Äpfel, Birnen und Pflaumen, die immer zur gleichen Zeit viel Arbeit machen. Dann sind da die Stauden, die Jahre brauchten, bis sie groß wurden; die Pfingstrosen, die am besten ihr ganzes Pflanzenleben am gleichen Platz bleiben, weil sie sonst nicht blühen. Dagmar Wellenbrink denkt an die Männer, die jedes Wochenende in ihren Gärten zu werkeln hatten. Sie alle werden nicht zurückkehren können an die Stellen, wo die Erdbeeren wuchsen, nur ein großes tiefes Loch wird bleiben. Dagmar Wellenbrink könnte Hunderte von Beispielen bringen, was fehlen wird im nigelnagelneuen Dorf. Auch der Ortsvorsteher Bernd Siegert sagte schon zu ihr: „Dagmar, das Schlimmste kommt noch!“

Siegert steht nun im Gemeindebüro vor einem Modell des neuen Horno. 69 kleine Papphäuser sind darauf. Jetzt, sagt er, sind alle mit Bauen beschäftigt. Aber später werden die Menschen in ihren blitzenden Küchen sitzen, raussehen, und dann ist da nichts. Ach, seufzt Siegert, was soll er noch sagen? Dass ein Nussbaum zehn Jahre braucht, bis er trägt.

Damit der Umzug wenigstens ein bisschen leichter fällt, wurde das neue Horno entworfen wie das alte. Es gibt wieder einen Dorfplatz, zwei Dorfanger, und die meisten Nachbarn wohnen wieder nebeneinander. 15 Kilometer vom alten Dorf entfernt entsteht keine klassische Reihenhaussiedlung mit Garagen, in denen der Rasenmäher steht. Zu den neuen Häusern gehören Scheunen für die Maschinen, Ställe für das Kleintier. Eva-Maria Baumgart will ja auch wieder Enten und Kaninchen unterbringen. Horno II bekommt ein Gemeindezentrum, eine Kegelbahn, eine Gaststätte, eine eigene Feuerwehr und eine Kirche. Und irgendwann ist der Friedhof dran. Darüber wird jetzt noch nicht so gern geredet. Frau Baumgart hat ihren Mann extra einäschern lassen, obwohl ihr das eigentlich gar nicht behagt. Die Pastorin Wellenbrink sagt, dass es in den letzten Jahren wenig Erdbestattungen gab. Man kann sich wohl leichter vorstellen, dass Urnen umziehen, als dass Särge ausgebuddelt werden.

Bernd Siegert kennt natürlich den Neid, dass in der Umgebung geschimpft wird, die Hornoer hätten die Preise hochgetrieben. Siegert sieht einem dann klar in die Augen. Das hier ist eine Zwangsumsiedlung, und der Ersatz ist für ihn „das Mindeste“. Er hätte gern auf das neue Haus verzichtet, er wollte bleiben. Weil es so viel Neid gibt, will auch niemand mehr über Geld reden. Für jedes Haus wurden Tauschverträge ausgehandelt. Die Häuser, die Grundstücke, Bau- und Ackerland, jeder Strauch – alles wurde bewertet, und danach richtet sich, wie viel die Hornoer für ihren Neubau ausgeben dürfen. Die Baufirmen bekommen ihr Geld letztlich vom Braunkohleunternehmen.

Frau Baumgart sitzt nun an ihrem neuen Esszimmertisch, draußen flackert eine runde gelbe Baustellenlampe. Ende des Jahres wird sie aus dem Fenster auf das Gemeindezentrum schauen, und vor ihrer Haustür entsteht ein Spielplatz. Darauf freut sie sich. Nur, dass alles wieder genauso aussehen soll wie früher, versteht sie nicht. Sie hat sich auch über die beiden Gestaltungskataloge, Teil 1 und Teil 2, aufgeregt, die jeder in Horno bekam. Jemand hat sehr viel Mühe auf diese beiden Kataloge verwandt, und viele Kleinigkeiten in Horno und anderen Dörfern fotografiert. Abgebildet sind Zäune, Gartentore, Haustüren, Mauerstücke, Fensterläden, und darunter steht, was davon zu halten ist: gut, schön, unpassend, nicht empfehlenswert. Frau Baumgart braucht nur durchzublättern und ärgert sich. Sie will nicht wieder so einen „ollen Bretterzaun“, der nur Arbeit macht, sondern einen Eisenzaun. Wenn jemand was dagegen hat, wird sie sich wehren.

Im April, Mai werden die nächsten Hornoer ihre Häuser beziehen, und Frau Baumgart wird dann mit ihren Nachbarn kegeln gehen. Nächstes Jahr, glaubt sie, werden sich alle wohl fühlen. Alles so schön neu, da muss man sich doch freuen.

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