Zeitung Heute : Das Geld fühlt mit

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Von Ursula Weidenfeld,

Madison

Kevin muss kein bisschen nachdenken, wieso ihn der alte Boss gefeuert hat: „Er war ein Arschloch“, sagt er. Kurz und knapp. Im kahlen Trainingsraum des Dane County Job Center schütteln Schüler und Trainer missbilligend die Köpfe. Das war falsch. Noch mal. Nun braucht Kevin ein bisschen länger: „Wir haben uns gut verstanden, mein Boss und ich, aber am Ende musste er Leute feuern. Und ich war der Letzte, der dort angefangen hatte.“

So geht es. Zufrieden nickt Angela, die Trainerin. Kevin, ein ziemlich junger, ziemlich gelangweilter Schwarzer ohne Schulabschluss und Ausbildung, ballt die Faust und blickt triumphierend in die Runde. Als hätte er den Job, um den er sich demnächst bewerben wird, schon bekommen.

In dem fensterlosen Klassenzimmer in einem Randbezirk von Madison, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Wisconsin, wird geübt: Vorstellungsgespräche. Die Kandidaten lernen die richtigen Antworten auswendig, und es schadet überhaupt nichts, dass sie sich bis auf einige biografische Details alle gleich anhören. Schließlich müssen die Teilnehmer nur das Schema besiegen. Den Fragebogen, nach dem in den USA Vorstellungsgespräche für schlecht bezahlte Jobs geführt werden.

Arbeitsvermittlung in Wisconsin. Der Staat im mittleren Westen gilt als neoliberal – und als wenig tolerant, was Faulenzer angeht. Insgesamt nur fünf Jahre ihres Lebens bekommen Bedürftige in den USA Sozialhilfe. Dieses Gesetz der Clinton-Regierung trat 1997 in Kraft. Und Wisconsins republikanischer Gouverneur Tommy Thompson setzte noch einen drauf: Geld sollen die Berechtigten nur dann bekommen, wenn sie etwas dafür tun. Berechtigt sind im Wesentlichen allein erziehende Mütter. Wer keine Kinder hat, bekommt Essensmarken, sonst nichts. Nicht nur in Wisconsin, überall in den USA.

Thompson ist inzwischen Gesundheitsminister in der Bush-Regierung – „Welfare to Work“ hat auch seiner Karriere geholfen. Es ist zum Modell für alle US-Staaten geworden. Und auch für Hessen. Dort will Ministerpräsident Roland Koch (CDU) fördern und fordern wie in Wisconsin. Am Freitag müssen die Länder im Bundesrat entscheiden, ob das Kochsche Vorhaben, er nennt es Offensiv-Gesetz, als Entwurf eingebracht wird.

Mehr oder weniger?

Wenn man die Empfängerzahl um mehr als die Hälfte senken kann, hilft man den Betroffenen. Und spart eine Menge Geld. Denkt Koch. Nur, dass das Programm, das in Deutschland von den Liberalen kühl vorgetragen und von den Gewerkschaften heißblütig bekämpft wird, bislang keinen Dollar gespart hat. Im Gegenteil: Die USA geben seit 1997 nicht weniger, sondern mehr Geld für Sozialhilfe aus. 17 Milliarden Dollar zahlt allein Washington an Zuschüssen, dazu kommen dann die Mittel aus den Haushalten der Bundesstaaten. Und das, obwohl die Zahl der Sozialhilfeempfänger in den USA um mehr als 50 Prozent zurückgegangen ist, in Wisconsin allein von rund 100 000 im Jahr 1997 auf 12 000 im vergangenen Jahr.

Aber das liegt nicht nur daran, dass Sozialhilfeempfänger jetzt arbeiten müssen, sondern es wurden auch Fälle in die Invalidenstatistik abgeschoben. Invalide oder anderweitig behindert zu sein, ist beliebt bei den Sozialhilfeempfängern: „Da gibt es keine Fünf-Jahres-Frist und kein Arbeitsprogramm“, sagt Diane Reynolds von der Arbeitsverwaltung. Ein paar sind auch umgezogen, als es in Wisconsin ungemütlich wurde.

Selbst die Liberalen in Wisconsin versichern, dass auch nach den fünf Jahren, niemand auf der Straße sitzt: Es gibt Ansprüche, die nicht verjähren, es gibt Geld für die Kinder, es gibt Essensmarken. Aber die Mitarbeiter der Arbeitsverwaltung des Staates Wisconsin sagen, dass „es ohnehin nicht um Geld geht dabei, sondern um eine Philosophie: Jeder der arbeiten kann, soll es auch tun dürfen.“ Das ist die Philosophie der Vollbeschäftigung. Die befristete Sozialhilfe ist unumstritten in den USA, die „New York Times“ nennt das Programm aufrichtig „mitfühlenden Kapitalismus“.

So will das Dan Kittel, der Chef des Dane County Job Center, auch verstanden wissen. Der freundliche Endvierziger trägt an diesem Tag einen schlabbrigen lila Pullover, es ist Freitag, und man sieht ihm an, dass er schwer darunter leidet, in seinem fensterlosen Büro nicht rauchen zu dürfen. Im Kinderbetreuungsraum spielen ein paar Kleinkinder, ihre Mütter werden gerade geschult. Na ja, sagt Kittel, „wir haben 90 Prozent Frauen, wenn wir nicht auf die Kinder aufpassen, dann kommen sie nicht.“ Wenn sie kommen, kriegen sie eine Rundumbetreuung, bis sie sich im Job etabliert haben: Computer, Telefone, um Bewerbungsgespräche zu führen, Übersetzer, die jede gängige Sprache der Welt ins Englische und zurück übersetzen. Formulare, um Essensmarken, Zahnarzt, Kinderbetreuung, Wohngeld zu beantragen.

Und eine Kleiderkammer. „Da können sich unsere Kunden Sachen für Vorstellungsgespräche und die ersten Tage im Job aussuchen“, sagt Kittel. Einer der Gründe, warum die Dane-County-Bewerber anfangs abblitzten, war nicht unbedingt, dass sie zu schlecht angezogen waren. Im Gegenteil: „Sie sind in Brautkleid und Smoking hingegangen.“ Jetzt lernen sie zuerst, was angemessene Kleidung ist – und dann bekommen sie sie gleich verpasst. Cheree zum Beispiel trägt beim Probevorstellungsgespräch ein beiges Etuikleid. Die füllige Krankenpflegerin trägt sonst zwar lieber Jogging-Klamotten, doch nun hat sie sich in die Spende einer Vorort-Lady gezwängt. Es geht darum, dem Standard zu entsprechen. Wie es dann aussieht, ist egal.

Cheree würde wahrscheinlich auch alleine einen Job finden, sagt Kittel. „Fördern und Fordern“ heißt halt, dass jeder gefördert und gefordert wird, der einen Anspruch an den Staat Wisconsin hat – auch die, die es nicht nötig haben. 30 Wochenstunden sind Pflicht, wenn es Geld vom Staat geben soll. Wer den ersten Job nicht schafft, wird wieder qualifiziert. Wer es dann noch nicht packt, bekommt einen persönlichen Betreuer, einen „Caseworker“. Im schlimmsten Fall sitzt der über Monate hinweg neben dem schwierigen Kandidaten und passt auf, dass der lernt, wieder zu arbeiten, nicht zu trinken, pünktlich zu sein. Die Methode funktioniert. Nach 30 Tagen haben im Schnitt noch 80 Prozent der Teilnehmer ihren Job, nach 180 Tagen sind es noch fast 60 Prozent.

In der Rezession sind jetzt viele der Erfolgsgeschichten doch gescheitert. 14 Beschäftigte aus dem Programm habe er gehabt, erzählt der Chef des besten Hotels im Ort. Nach dem 11. September sind es jetzt nur noch zwei. „Es funktioniert eben doch nicht“, sagt der Hotelmanager, „die Leute wollen zwar arbeiten, aber sie sind die Ersten die rausfliegen. Und dann gehen sie wieder ins Job Center und lernen, wie man sich bewirbt.“ Das Programm sei ohnehin wie eine Krake, die wachse und wachse und niemand wisse, warum und wohin.

Die ersten Korruptionsfälle machen die Sache nicht leichter für die Fans des Wohlfahrtsprogramms: In Milwaukee hatte eine gemeinnützige Gesellschaft eine Plastikfabrik gekauft, angeblich, um Sozialhilfeempfänger ans Arbeiten zu bringen. Bei einer ersten Kontrolle Anfang des Jahres beschäftigte das Unternehmen gerade mal zwei Leute. Den Geschäftsführer, der das Geld beantragt hatte und seine Sekretärin. Die Zuschüsse dagegen hatten sie selbst eingesteckt.

Das Programm wächst

Fälle wie dieser empören den Hoteldirektor – und lösten eine Diskussion aus, die auch in Europa erbittert geführt wird: Wem nutzen Arbeitsbeschaffungsprogramme? Und auch ein anderer Streit ist allen Wohlstandsgesellschaften bekannt: In Wisconsin endet die Betreuung erst, wenn die Bewerber deutlich über das Einstiegslevel von acht Dollar in der Stunde hinausgewachsen sind. Bis zu 30 000 Dollar im Jahr können Sozialhilfeempfänger verdienen, bevor sie auch aus der letzten Förderung fallen. Nicht einmal die „Caseworker“ verdienen deutlich mehr: „Nach einem halben Jahr haben sie in der Regel ein, zwei Dollar mehr als das Einstiegsgehalt, da sind sie noch nicht auf der sicheren Seite“, sagte Maureen Shea, deren Unternehmen das Programm für den Dane County organisiert.

Deshalb arbeitet sie mit Kittel an einem Nachsorge- und Aufbauprogramm – in dem die Kandidaten lernen sollen, qualifiziertere und besser bezahlte Jobs zu bekommen. Das kostet wieder Geld. Dazu kommt, dass das Programm selber wächst. Das Gesundheitsministerium hat eine Studie in Auftrag gegeben, die herausfinden soll, ob die Kinder allein erziehender Mütter profitieren oder darunter leiden, wenn die Mütter arbeiten. Dabei kam heraus, dass sie als Teenager schneller straffällig werden als andere Kinder. „Das hängt mit der Übernahme der Betreuungskosten zusammen“, sagt Kittel. Für Kinder bis zwölf Jahre haben die Mütter Anspruch auf eine Betreuung. Danach nicht mehr. Nun denken die Sozialarbeiter in Washington und in Wisconsin über Ganztagsschulen und beaufsichtigte Treffpunkte für Jugendliche nach.

„Das wird Geld kosten, aber es ist gut investiertes Geld“, sagt das Gesundheitsministerium und auch die Sozialarbeiter im Dane County Job Center. Und die Mitarbeiter der Arbeitsbehörde von Wisconsin erkundigen sich neuerdings gelegentlich bei ihren deutschen Besuchern, wie es die Deutschen denn schaffen, so vielen Jugendlichen einen Schulabschluss oder eine Ausbildung zu verschaffen.

Roland Koch ist auf dem Weg nach Wisconsin. Und Wisconsin? Ist auf dem Weg zu Roland Koch.

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