Zeitung Heute : Das Geschäft belebt die Konkurrenz

Henrik Mortsiefer

Die Deutsche Börse will die Londoner Börse übernehmen. Was wären die Folgen?

Langsam wird es spannend im Poker um die Übernahme der Londoner Börse. Zwar hat die Deutsche Börse AG, die die London Stock Exchange (LSE) für etwa zwei Milliarden Euro kaufen will, noch kein offizielles Angebot vorgelegt. Außerdem regt sich Widerstand bei den Anteilseignern. Doch am Finanzplatz Frankfurt am Main werden schon die Konsequenzen einer Übernahme diskutiert. Käme Börsenchef Werner Seifert tatsächlich zum Zuge, würde die mit Abstand größte Börse Europas und ein – gemessen am Aktienumsatz – mächtiger Konkurrent für die New Yorker Wall Street entstehen. Nicht ausgeschlossen ist, dass sich auch andere europäische Finanzplätze dem Bündnis anschließen. Auch Seiferts Gegenspieler Jean-Francois Théodore, Chef der Fünf-Länder-Börse Euronext, könnte beitreten, wenn seine eigenen Übernahmepläne in London scheitern.

Für Anleger und Investoren würde der Zusammenschluss zunächst keine gravierenden Veränderungen bringen. Schon heute wird ein Großteil des europäischen Wertpapierhandels über Computer abgewickelt. Deren Standort ist für deutsche oder britische Investoren nebensächlich. Allerdings machen sich die Anleger Hoffnung, dass die Gebühren einer Großbörse sinken, weil die gemeinsame IT-Infrastruktur kostengünstiger betrieben werden könnte. Zwar will Seifert die Wertpapierabwicklung, die die Deutsche Börse über ihren Spezialisten Clearstream in Luxemburg betreibt, nicht aufgeben oder mit dem Londoner Abwickler bündeln. Nach einer Übernahme rechnen Experten aber auch hier mit Synergieeffekten.

Nicht alle der etwa 1200 Beschäftigten der Deutschen Börse AG sind glücklich mit Seiferts Expansionsdrang. Denn: Viele Mitarbeiter fürchten, dass sie künftig an der Themse arbeiten werden. Schon heute ist London Europas wichtigster Handelsplatz für Anleihen und Rohstoffe, ein Großteil des Investmentbankings und Terminhandels findet hier statt. Deutsche Großbanken sind deshalb schon mit großen Niederlassungen auf der Insel vertreten. Experten erwarten, dass Börsenchef Seifert wegen der starken operativen Stellung der LSE Zugeständnisse im Übernahmepoker machen muss. So wird damit gerechnet, dass die deutsch-schweizerische Terminbörse Eurex ihren Sitz künftig in London haben wird. Wo die Zentrale eines fusionierten Börsenkonzerns angesiedelt würde, ist indes noch offen. Nicht nur die hessische Landesregierung hofft, dass es Frankfurt bleiben wird. Um den LSE- Anteilseignern den Verkauf zu erleichtern, könnten aber der Kassa- und Derivatebereich künftig von London aus geführt werden. Außerdem würde das neue Unternehmen wohl einen neuen Namen bekommen.

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