Zeitung Heute : Das Gesicht einer unbequemen Wahrheit

30.05.2007 16:53 UhrVon Constanze von Bullion

Sie war eine populäre TV-Moderatorin in Saudi-Arabien, bis ihr Mann sie fast totprügelte – aus Eifersucht und wegen ihres Erfolgs. Dann brach Rania al Baz ein Tabu: Sie machte ihre Geschichte publik. Nun ist sie eine Symbolfigur

Als das erste Leben der Rania al Baz endet, beginnt sie, um Vergebung zu beten. Sie tut das nicht freiwillig, sondern weil sie mit dem Gesicht auf dem Marmorboden ihres Wohnzimmers liegt. Auf ihrem Rücken sitzt ihr Ehemann, er hat sie am Hals gepackt, würgt sie und schlägt ihren Kopf auf den Boden. Er tut das immer wieder und so hart, dass die Haut platzt, die Nase bricht, Blut in die Augen läuft und die Wangenknochen splittern. Sie brüllt um ihr Leben und hört ihn noch sagen: „Bete, los jetzt, du hast noch Zeit.“ Also betet sie. Bis sie das Bewusstsein verliert.

Rania al Baz ist heute nicht mehr anzusehen, was sie hinter sich gelassen hat.

Nur eine kleine Narbe an der Nase verrät, dass mal jemand kaputtmachen wollte, was ihr die Selbstständigkeit garantiert: ihr Gesicht.

Rania al Baz ist Fernsehmoderatorin, sie kommt aus Saudi-Arabien und ihr erstes Leben endet, als sie 29 Jahre alt ist. Da schlägt ihr Mann sie fast tot, aus Wut. Jetzt sitzt sie hier, in ihrem dritten Leben und in einem teuren Berliner Hotel: eine Buchautorin in Jackett und Hosen, die gegen schweren Jasminduft anraucht und eine heikle Mission verfolgt.

„Entstellt“ heißt das Buch, das Rania al Baz kürzlich veröffentlicht hat, es ist im Lübbe-Verlag erschienen und trägt den etwas reißerischen Untertitel: „Sie erlebte einen Albtraum – und wurde die mutigste Frau Saudi-Arabiens“. Rania al Baz ist eine der ersten Frauen ihres Landes, die öffentlich beschrieben hat, was viele schamhaft verschweigen: häusliche Gewalt in einem goldenen Käfig.

Saudi-Arabien, das ist ein reiches Land mit modernen Großstädten und einer frommen Gesellschaft, die es Frauen verbietet zu wählen, Autos zu steuern und ohne Zustimmung eines männlichen Verwandten ins Ausland zu reisen. Eine Frau kann nicht allein ins Hotel gehen, allein eine Wohnung mieten oder sich operieren lassen. Sie kann aber studieren, Professorin werden, Ärztin oder Journalistin. Das führt dazu, dass unter den Abajas, den schwarzen Ganzkörperschleiern saudischer Frauen, viele gebildete und wütende Köpfe stecken.

„Feuer“, sagt Rania al Baz, wenn sie gefragt wird, was sie für ein Mensch ist. „Ich war schon als Kind so, wie Feuer, ich habe immer Nein gesagt.“ Ihr Vater ist Finanzbuchhalter bei der Regierung, die Mutter stammt aus einer Großbürgerfamilie und regiert einen Haushalt mit vielen feinen Möbeln, sechs Töchtern und einem Patriarchen, ihrem Ehemann. Der findet, es ist Zeit zu heiraten, als Rania elf ist. Ein Jahr später ist sie mit einem Offizier verheiratet, wird schwanger, aber ihr Mann lässt sie bald sitzen. „Liebe gehört nicht zu unserer Kultur, es ist ein Gefühl, das ich gar nicht kenne“, steht in ihrem Buch.

Sie heiratet trotzdem wieder, auch weil sie nicht mehr so misstrauisch beobachtet werden will. „Eine Frau, die allein mit einem Kind lebt, was ist bloß mit der los?“, fragen die Nachbarn sich, schreibt sie. „Bestimmt ist sie eine Frau mit einer zweifelhaften Vergangenheit.“ Als ein Sänger ihr den Hof macht, sagt sie Ja – und feilt weiter an ihrer Karriere. Sie hat Radiologie studiert, will aber keine Ärztin werden und macht sich mit Talent und guten Kontakten einen Namen als Fernsehmoderatorin.

Das sorgt für Aufsehen, aber es geht. Was nicht geht, ist die Eifersucht ihres Mannes. Der fühlt sich gedemütigt, weil sie die Familie ernährt, ihn nicht liebt und ihm das auch sagt. Sie darf nicht mehr telefonieren, erklärt er ihr, und als sie es doch tut, zerschlägt er ihr Gesicht, prügelt sie ins Koma und legt sie bewusstlos vor ein Krankenhaus. Rania al Baz muss Dutzende von Gesichtsoperationen durchstehen und es beschleicht sie irgendwann die Panik, „meine Identität zu verlieren“.

Nun kann man natürlich einwenden, dass die Identität einer Frau nicht nur von ihrer Schönheit abhängt. Es gibt im Buch von Rania al Baz auch ein paar Sätze, die ein wenig eitel wirken. „Es macht mir Spaß zu gefallen“, schreibt sie, und dass sie eine „unvergleichliche Köchin“ sei, eine „Anführerin“ an der Uni und im Job der „Superstar“.

Eine Frau muss sich da pausenlos beweisen, und Mitleid ist das Letzte, was sie gebrauchen kann. Rania al Baz hat ihr verwüstetes Gesicht im Krankenhaus fotografieren lassen, sie hat es auf den Titelseiten der Zeitungen gesehen, und sie hat ein Buch geschrieben, um publik zu machen, was so vielen Frauen passiert. Das war sozusagen ihr zweites Leben, und auch das hat sie inzwischen hinter sich. Fragt man sie, ob sie jetzt eine Feministin ist, sagt sie vorsichtig: „Ich hoffe es.“ Sie weiß, dass Welten zwischen ihr und den Frauenrechtlerinnen des Westens liegen.

Rania al Baz will sich nicht instrumentalisieren lassen, um Vorurteile christlicher Nationen gegen die islamische Welt zu schüren. Sie weiß auch, dass ihre Geschichte bestens ins Bild eines gewalttätigen Islams passt. Deshalb guckt sie wohl auch leise verärgert, als sie gefragt wird, warum ihr Land so undemokratisch ist. „Das ist eine falsche Darstellung“, sagt sie, packt einen Stift und zeichnet eine Pyramide. Das ist die saudische Gesellschaft, erklärt sie, oben an der Spitze steht der König. „In dieser Pyramide hat jede Frau das Recht, sich bis an die Spitze zu kämpfen.“ Warum dürfen Frauen dann nicht mal den Gemeinderat wählen? Dürfen sie nicht, sagt sie, das ist ärgerlich. „Aber das kommt, wir wandeln uns eben langsam.“

Ein großes „Wir“ steht jetzt im Raum, und es umschließt Rania al Baz, ihr Land und ihre Leute. Die werden im Westen für Kameltreiber gehalten, behauptet sie, als ob sie im Zelt lebten und Frauen verkauften. „Sie sagen den Leuten, die Muslime sind schlecht, sie sind Terroristen, sie sprengen sich in die Luft.“ Rania al Baz ist jetzt kaum noch zu bremsen, sie schimpft auf den Irakkrieg, die USA und auf das, was sie als Demokratie verkaufen. Das will sie nicht.

Was sie will, hat sie in den grünen Bergen über der Stadt Beirut gefunden. Rania al Baz lebt mit ihren drei Kindern im Libanon, sie arbeitet wieder als Moderatorin, fährt Auto und genießt es, nicht mehr gemaßregelt zu werden. Aber das alles hat seinen Preis. „Es hat sich noch kein Mann um meine Liebe beworben“, sagt sie ohne zu lachen und erzählt dann, wie es ist, als arabische Frau die Männer zu verunsichern. „Ich glaube, ich mache denen Angst, die fühlen sich neben mir schwach und krank.“ Na ja, sagt sie, gegen Einsamkeit gibt es Medizin. Freunde zum Beispiel und die Überzeugung, dass irgendjemand eben vorangehen muss.

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