Zeitung Heute : Das gespaltene Erbe

BERND ULRICH

Deutschland hat in den letzten Jahren viel Glück gehabt - auch mit seinen Politikern.Außenpolitisch könnte sich diese Glückssträhne nach dem Weggang Helmut Kohls durchaus fortsetzen.Kontinuität ist dabei ein wichtiges Stichwort, aber nicht das einzige.Denn es verdeckt, daß die Grundorientierungen deutscher Außenpolitik zwar bleiben, die Rahmenbedingungen sich aber rapide verändern.Und es verdeckt, daß die Politik von Personen abhängt - je unübersichtlicher die Lage, desto mehr.Intuition und Biographie werden weiterhin entscheidend sein.

Wer also ist der Außenpolitiker Joschka Fischer? In den Wochen seit der Bundestagswahl wurde stets betont, wie sehr der ehemalige Sponti dazugelernt habe, wie akzentfrei er den O-Ton deutscher Außenpolitik mittlerweile sprechen könne.Doch führt die Frage nach seiner Biographie nicht nur zu dem, was er spät gelernt, sondern auch, was er früh erfahren hat.Sein enger Freund Daniel Cohn-Bendit hat Fischers Verständnis von Europa stark geprägt.Der deutsch-französische Jude Cohn-Bendit würde, so empfindet er es selbst, nicht leben, wenn die Alliierten nicht Deutschland besiegt hätten.Cohn-Bendit brachte Fischer dazu, einem deutschen Einsatz in Bosnien zuzustimmen, und er trug dazu bei, daß die europäische Einigung Fischer mehr bedeutet als nur ein politisch und wirtschaftlich vernünftiges Unternehmen.So wird wohl Joschka Fischer das Europa-Pathos von Helmut Kohl erben und mit frischer Energie aufladen.

Neben diesem Pathos ist von Joschka Fischer eine stärkere Menschenrechtsorientierung zu erwarten.Das hat nur in zweiter Linie mit grünen Parteiprogrammen zu tun, deren Halbwertzeit ohnehin sehr gering geworden ist.Es hängt mehr mit jener Frau zusammen, die einst auf recht amerikanische Weise - spektakulär, symbolisch und auffahrend moralisch - grüne Außenpolitik verkörperte: mit Petra Kelly.Zwar blieb sie Fischer, wegen ihrer Unbedingtheit, immer fremd, doch Spuren hat sie bei ihm hinterlassen, Spuren, die von den Bürgerrechtlern aus der DDR vertieft wurden.

Europa-Pathos und Menschenrechtsorientierung - das läßt kühl kalkulierende Diplomaten leicht zusammenzucken.Insofern ist es sicher gut, wenn deutsche Außenpolitik noch von einem zweiten Mann vertreten wird.In Gerhard Schröders Biographie lassen sich schwerlich tiefe außenpolitische Kerben finden.Gerade darin könnte - in Verbindung mit Fischer - die glückliche Fügung bestehen.Denn dieser Umstand ermöglicht es Schröder, in den Vordergrund zu stellen, was ihm am nächsten liegt: deutsche Interessen.Die hätten, gerade in der Europapolitik, ohnehin auf der Tagesordnung gestanden.Kohl hatte mit Sendungsbewußtsein und Erfolg die europäische Einigung vorangetrieben.Er fühlte sich in Europas Schuld, wegen des Krieges und wegen der deutschen Einheit.Dieser Antrieb trug bis zur Währungsunion.Bei der aber zeigte sich bereits die neue Leitfrage: Was nützt uns jetzt?

Schröder betont denn auch gegenüber den Polen, daß sie völlige Freizügigkeit bei Waren und Dienstleistungen vorerst nicht erwarten dürfen.Er verlangt mit dem gleichen Nachdruck wie Edmund Stoiber, Deutschland solle nicht mehr so viel in die EU-Kasse einzahlen.Nur braucht er, anders als Kohl, für diese Vorstöße keine Anstöße aus Bayern.

Kohls außenpolitisches Erbe spaltet sich auf: Kontinuität und Pathos gehen mehr zu Joschka Fischer, Interesse und Erneuerung mehr zu Gerhard Schröder.Im Spannungsverhältnis zwischen beiden könnte sich deutsche Außenpolitik vielleicht sogar besser entwickeln, als wenn Pathos und Interesse weiter im Kopf des Kanzlers Kohl gegeneinander abgewogen worden wären.Deutschland könnte mit seinen Außenpolitikern erneut Glück haben.

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