Zeitung Heute : Das Glück der Unverwundbarkeit

„Ich springe einfach rein und gucke, dass ich ankomme“, sagt Christiane Paul über ihre erste Theaterrolle. Sie spielt in Heiner Müllers „Der Auftrag“. Bisher kennt man sie aus Filmkomödien, nebenbei arbeitete sie als Ärztin und hat eine Tochter. Ihr Geheimnis dabei: Sie hat keine Angst.

Verena Mayer

Christiane Paul kennen lernen heißt organisieren lernen. Christiane Paul ist Filmschauspielerin und Ärztin, sie hat eine kleine Tochter, jetzt macht sie auch noch Theater. In den eineinhalb Minuten, die es nach der Probe im Haus der Berliner Festspiele braucht, mit ihr ein Interview zu vereinbaren, verlegt Christiane Paul den Babysitter für ihr krankes Kind um eine Viertelstunde vor, macht mit der Presse-Dame eine Zeit aus, um per SMS diverse Termine darauf abzustimmen, und sie wählt das Café so, dass sie viertel vor drei in der Maske sein kann. Sie sagt „exakt vierzehnfünfundvierzig“, wobei das Wort „exakt“ in zwei Teile zerfällt, „ex“ und „akt“. Bei Bewerbungsverfahren gibt es diese Tests, die Postkorb-Übungen heißen. Man muss absurd viele Aufgaben, die eigentlich nicht miteinander zu vereinbaren sind, unter einen Hut bringen. Das Leben von Christiane Paul scheint eine solche Postkorb-Übung zu sein.

Dass die Übung gelingt, muss an dieser Art von staunender Unbefangenheit liegen. Nach der Durchlauf-Probe für Heiner Müllers Stück „Der Auftrag“, in dem sie ab heute zu sehen ist, wird sie von einer Journalistin abgefangen. Christiane Paul hat noch die Schminkreste im Gesicht, der Regisseur wartet mit der Nachbesprechung. Christiane Paul setzt sich trotzdem mit der Journalistin kurz in den Zuschauerraum und erkundigt sich auch noch, wie es so läuft beim Radio. „Kommt darauf an, ob Sie die Arbeit meinen oder das Geld“, erwidert die Frau und beginnt detailreich zu erzählen, wie schwierig das Dasein als freie Radio-Journalistin geworden ist. Christiane Paul sieht dabei nicht etwa auf die Uhr oder verdreht die Augen. Sie antwortet etwas Verständnisvolles, in der Art, dass die Zeiten hart geworden seien.

Bester Kumpel und bester Sex

In ihren Filmen war Christiane Paul oft das Mädchen, das plötzlich auftaucht und genau das tut, was die Situation erfordert. In „Das Leben ist eine Baustelle“ hilft sie einem Jungen beim ersten Rendezvous, die Leiche seines Vaters zu schleppen. In der Komödie „Im Juli“ trampt sie mir nichts dir nichts nach Istanbul, um die große Liebe zu finden, und klaut unterwegs auch mal ein Auto. Sie ist der Typ Frau, der mal Pagenkopf und mal Rastazöpfchen trägt, dem ein hautenger Minirock genauso gut steht wie ein Palästinensertuch. Eine Frau, die aber die verlässliche Freundin bleibt, mit der man am Küchenboden sitzen und über den Sinn des Lebens reden kann. Eine Frau, die sauber ist, selbst wenn sie Männer mordet wie in „Die Häupter meiner Lieben“. Ein wenig verkörpert Christiane Paul das, was Uschi Glas im deutschen Film Ende der 60er Jahre gewesen sein muss: die moderne Frau, die alles ist. Bester Kumpel und bester Sex zugleich.

Christiane Paul, aufgewachsen in Pankow, ist 29, sie hat in 14 Kino- und zwölf Fernsehfilmen mitgespielt, sie hat den Max-Ophüls-Preis, den Bayerischen Filmpreis und die Goldene Kamera erhalten. Und sie hat den romantischen Traum vieler Künstler, die gerne etwas Nützliches tun würden, in die Praxis umgesetzt: Sie ist Doktor der Medizin.

– Frau Paul?

– Mhm?

– Kann es sein, dass Frauen Komplexe kriegen, wenn sie Ihnen gegenübersitzen?

Christiane Paul überlegt kurz, es ist eine Frage wie jede andere, dann sagt sie: „Nee. Es ist ja jetzt nicht so toll.“ Sie zieht das „so“ in die Länge. Das ist kokett und kindlich und komisch zugleich. Vor allem aber ist es ohne Arg, und diese Arglosigkeit an Christiane Paul entwaffnet einen sofort. Auch erzählt sie von einem Hänger, den sie bei den Dreharbeiten zu „Ex“ hatte. Der Regisseur hatte ihr aufgetragen „toll, ganz toll“ zu sagen. Sie habe das aber nicht auf die Reihe gekriegt und immer „toll, ganz super“ gesagt. Christiane Paul gibt sich keine Blößen, weil Blößen für sie keine Kategorie sind. Das macht sie erhaben, auch über manch eher dämliche Rolle.

Die unbefangene Frau

Ulrich Mühe, der Regisseur von „Der Auftrag“, sagt, dass er auf Christiane Paul gekommen sei, weil ihn ihre Autonomie fasziniert habe. Heiner Müllers Stück handelt von drei Männern, die während der Französischen Revolution die Sklaven auf Jamaika befreien sollen. Doch dann kommt Napoleon an die Macht, der Auftrag wird storniert, und einer der Revolutionäre seilt sich ab. Es ist ein Stück über Zweifel und Verrat, über die Kluft zwischen Schwarz und Weiß, zwischen privatem Interesse und den Zielen der Allgemeinheit, ein sehr thesenhaftes Stück. Christiane Paul spielt den „Engel der Verzweiflung“, der zu Beginn die Nachricht vom Scheitern des Auftrags bringt und so die Geschichte noch einmal aufrollt. Ulrich Mühe hat dafür den Part des Engels mit dem Part des Matrosen zusammengelegt. Auf der Bühne trägt Christiane Paul daher einen dunklen Militärmantel, die Haare stehen struppig vom Kopf ab, das Gesicht ist weiß geschminkt. Es ist dunkel, Christiane Paul tastet sich durch eine rötliche Kraterlandschaft, die einen ein wenig an die Bilder erinnert, die derzeit von der Marssonde gesendet werden. Christiane Paul legt den Mantel ab, das Engelskostüm kommt zum Vorschein, ein weißes Fähnchen, von dem weiße Seile herabhängen. Sie stapft nach vorne und beginnt ihren Monolog als Engel.

Paul, die bisher Filmdialoge der Sorte „Du, Max, wir müssen endlich miteinander reden“ geführt hat, wird nun solche Sätze deklamieren: „Vielleicht hatte der Tanz schon aufgehört, und es war nur noch sein Herz, das dröhnte, während der Verrat, die Arme vielleicht über den Brüsten verschränkt oder die Hände an den Hüften oder schon in den Schoß gekrallt, mit vor Begierde vielleicht schon zuckender Scham aus schwimmenden Augen ihn, Debuisson, ansah, der jetzt die Augen mit den Fäusten in die Höhlen drückte aus Angst vor seinem Hunger nach der Schande des Glücks.“

An diesen Text ist sie herangegangen, wie an alles andere Neue auch: „Man fängt erst mal an“, sagt Christiane Paul. „Ich mache das natürlich nicht perfekt wie jemand, der das schon tausend Mal gemacht hat, das ist klar. Ich will das so gut wie möglich in meinem Rahmen machen, und ich hoffe, dass ich noch einmal die Chance bekomme.“ Was Ulrich Mühe in der Figur des Engels sieht? Jemanden, „der unbefangen und ohne Hintergedanken“ an die Dinge herangehe, antwortet er. So unbefangen, wie wohl auch der Schauspieler Mühe selbst seine erste Regiearbeit vorbereitet hat, gedacht als Geburtstagsgeschenk für seinen Freund Heiner Müller, der an diesem Freitag 75 Jahre alt geworden wäre: „Der Auftrag“ ist eine freie Koproduktion mit einem aus prominenten Film-, Fernseh- und Theater-Schauspielern zusammengesuchten Ensemble. Für Christiane Paul ist es die erste Rolle am Theater.

Christiane Pauls Geheimnis müssen das Glück und die Unverwundbarkeit sein, die man als Anfänger hat. Als sie sich das erste Mal für etwas bewarb, war sie zehn. Die Familie kam gerade aus dem Urlaub, Christiane Paul hatte aufgeschnappt, dass für den Film „Aktion Geigenkasten“ noch ein kleines Mädchen gesucht würde. Die Zehnjährige griff zum Hörer und telefonierte sich bei der Defa durch. Diese Rolle bekam sie zwar nicht, aber nachdem sie später genauso spontan für eine Sendung im DDR-Jugendfernsehen vorgesprochen hatte, ließ man sie Texte lesen. Ihre Eltern, die beide Ärzte sind, hätten sie zu nichts angestachelt, sagt Christiane Paul.

Sie hat dann als Model gearbeitet, und als 1991 für den Film „Deutschfieber“ gecastet wurde, ist sie hingegangen und hat die Hauptrolle bekommen. „Das erste Mal ist gar nicht das Problem, das zweite und das dritte Mal, dann wird es kompliziert. Das habe ich auch beim Tauchen gemerkt. Ich war tauchen ohne Tauchschein, das war prima. Dann habe ich den Tauchschein gemacht, und es wurde schwierig. Wenn du lernst, dich mit einer Sache zu beschäftigen, siehst du ja auch die Probleme“, sagt Christiane Paul. Sie hat keine Schauspielausbildung. Nur einmal war sie für drei Monate in New York an der Strasberg-Schule, wo man zum Beispiel üben muss, wie das ist, wenn man eine Tasse mit heißem Kaffee in der Hand hält.

Traumrolle Jeanne d’Arc

Ihre Karriere beim Film hatte gerade begonnen, als sie sich entschloss zu studieren. Sie habe an ihren Eltern immer bewundert, wie sehr sie in ihrem Beruf aufgehen und trotzdem Zeit für die Kinder haben. Christiane Paul studierte Medizin, verfasste ihre Dissertation über künstliche Hüftgelenke. Ihre Rollen hat sie in dieser Zeit so gewählt, dass sie in die Ferien fallen, zeitweise hat sie nur vier Stunden geschlafen. Ihre medizinische Laufbahn – sie arbeitete während ihres praktischen Jahrs in einem Berliner Krankenhaus – irgendwann wieder aufzunehmen wäre für sie möglich. Sie hat auch schon daran gedacht, dass sie Ärztin auf einem Greenpeace-Schiff werden könnte. „Ich kann mir aber auch vorstellen, etwas ganz anderes zu machen“, sagt Christiane Paul. „Mich interessiert so viel!“ Sie zählt auf: Flamenco, Fremdsprachen, Umweltpolitik. Ein bisschen muss man bei Christiane Paul an ein Kind denken, das alles ausprobieren will und begeistert „Ich, ich, ich!“ ruft.

Ob sie denn keine Angst habe vor dem Theater, vor Heiner Müller, vor Kollegen wie Inge Keller oder Udo Samel, vor hunderten Premierenbesuchern? „Es kann sein, dass ich viele Gefahren nicht sehe, weil ich sie nicht kenne. Vielleicht schützt mich das, vielleicht demaskiert es mich auch. Ich springe einfach rein und gucke, dass ich ankomme. Sobald man über das Schwimmen nachdenkt, schwimmt man nicht mehr.“ Und was würde sie gerne später einmal auf der Bühne spielen? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: Jeanne d’Arc. Es besteht kein Zweifel, dass sie sich auch das zutraut.

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