Zeitung Heute : Das Glück in der Fremde

Deutschland verliert an Anziehungskraft und könnte wichtiges Zukunftspotenzial verspielen

Mehr Gehen als
Mehr Gehen alsFoto: Hero Fotolia

Unsere Kinder gehen in die Welt hinaus. Die Enkel der ersten Generation türkischer Zuwanderer zieht es in die Türkei, wo die Wirtschaft boomt und die jungen Erwachsenen mit „Migrationshintergrund“ bessere Chancen sehen als in Deutschland. Junge Ärzte gehen nach jahrelanger Ausbildung nach Schweden oder in die Schweiz, wo die Vorteile höherer Familienfreundlichkeit und Bezahlung locken. Es ist alles andere als ungewöhnlich, wenn Studenteneltern nicht wissen, auf welchen Kontinent das nächste Praktikum ihre Sprösslinge führt oder ob das Auslandsstudium zur Auswanderung wird.

Die Abwanderung übertrifft seit einigen Jahren die Einwanderung nach Deutschland. Die Statistik widerspricht unserer Wahrnehmung. In unserem Bewusstsein und den öffentlichen Diskussionen rangieren die Probleme der Integration weit vor denen der Abwanderung. Ein Zufall ist das nicht. Denn dass wir ein Einwanderungsland sind, haben wir erst in diesem Jahrtausend richtig verstanden. Aber das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei datiert aus dem Jahr 1961. Bis zum Anwerbestopp von 1973 kamen rund 650 000 angeworbene Frauen und Männer aus der Türkei. Erst die Erzählungen ihrer Enkel bringen uns die Härte ihres Lebens näher. Hier waren sie „Gastarbeiter“, die irgendwann wieder gehen würden. „Wir riefen Arbeiter, doch es kamen Menschen“ hieß es auf einem bekannten Plakat der 1970er Jahre.

Migration gehört zu den Grundtatsachen des Lebens im 20. und erst recht im 21.Jahrhundert. Sich gegen sie zu verschließen, wäre ungefähr so klug wie zu meinen, wir könnten hinter die Globalisierung zurück oder unsere demografische Entwicklung leugnen. Wir müssen sie vernünftig gestalten – und menschlich. Denn der große Fehler der „Gastarbeiter“-Zeit droht sich wiederholen. Es handelt sich immer um Menschen, die kommen und gehen – oder andere Länder vorziehen, wenn sie als qualifizierte Fachkräfte ihr Glück, um es etwas traditionell ausdrücken, in der Fremde machen wollen.

Der Fachkräftemangel ist zum Thema geworden. Aber die Diskussion darum wird ähnlich funktional geführt, wie die Gastarbeiter seinerzeit behandelt wurden. Wir brauchen sie als Arbeitskräfte, für unsere Wirtschaft. Die Anzahl der Erwerbstätigen geht aus Gründen der Demographie so zurück, dass bis 2050 eine Halbierung droht. 250 000, gar eine halbe Million Einwanderer jährlich sind nötig, um das Beschäftigungspotential zu halten.

Starke Zahlen, die allerdings auf viele Bürger eher provokatorisch wirken. Denn immer noch sitzen wir auf Integrationsversäumnissen aus den Jahren, als die Einwanderungsrealität geleugnet wurde. Immer noch gibt es zu viele Langzeitarbeitslose, deren Qualifikation verfällt und viele Zuwanderer, die Taxi fahren müssen, statt ihr Ingenieurwissen produktiv einzusetzen. Und zu viel Heranwachsende, die „Hartz IV“ für ihre Berufsaussicht halten. Während die Wirtschaft von der Politik eine auf ihre Bedürfnisse exakt zugeschnittene Zuwanderung fordert, hat Thilo Sarrrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ ungeheuren Zulauf.

Wir brauchen Zuwanderung für unsere Zukunft; sie muss weiter denken als an den unmittelbaren Bedarf in Forschungszentren und Betrieben. Wir stehen in einem globalen Wettbewerb darum, wo talentierte junge Leute einen Platz für sich sehen, für sich und die Kinder, die sie einmal haben werden.

Donnerstag, 3. November 2011, 18 Uhr. Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Initiative „DeutschPlus“. Allianz Forum, Pariser Platz 6, 10117 Berlin. Eintritt frei, Anmeldung erforderlich: Telefon 030/ 321 80 81 oder E-Mail an allianz0311@event-consult-berlin.de

Tissy Bruns ist Politische Chef- korrespondentin des Tagesspiegels und moderiert die zweite Veranstaltung der Reihe.

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