Zeitung Heute : Das Glück kann eine Brücke sein

Ein Symbol ist wiedererstanden, Tausende feiern in Mostar – doch die Wunden des Kriegs sind geblieben

Was war das? Als die Nacht am tiefsten ist, als Tausende von den Ufern der Neretva auf die leuchtende Brücke blicken, sprengt ein Knall die Stille. Eine Sekunde des Schreckens. Dann hört man erleichtertes Gelächter. Amir, ein Cafébesitzer in der Altstadt, lacht sich selber aus: „Vatromet!“ Feuerwerk. Nichts als Feuerwerk. Nur die erste Leuchtrakete, ein Probeschuss. Gleich darauf explodiert der Himmel über Mostar, zur Feier der „neuen Alten Brücke“, der wiederaufgebauten „Stari Most“. Es regnet goldene Fäden, Lichtglocken in allen Farben des Regenbogens wölben sich hoch über den Dächern, um rasch wieder zu erlöschen. Dann rufen und jubeln die Leute, wie sie es auf der ganzen Welt bei Feuerwerken tun.

Auf der „katholischen“ Westseite des Flusses und auf der „muslimischen“ Ostseite scheinen zwei Feuerwerke miteinander zu wetteifern, wer der Brücke mehr Ehre zollt, und sie feiern, bis der Samstagmorgen anbricht.

Aber in den Ohren der Einwohner von Mostar klingen Geschützfeuer nach. Der Krieg, das war nicht gestern – das war neulich. Dass der Prince of Wales heute Mittag über die Brücke gegangen ist, dass Hunderte von Prominenten aus aller Welt in die Sommerhitze der Herzegowina pilgerten, um die „Stari Most“ zu begrüßen, das kann nichts ungeschehen machen. Und das können auch nicht die 200 weißen Tauben, die zu beiden Seiten der Brücke in den Nachthimmel entlassen werden, von einem kroatischen und einem bosniakischen Politiker. „Ein Triumph der Hoffnung“ sei die Brücke, sagt Paddy Ashdown, der Hohe Kommissar der internationalen Verwaltung. „Wir feiern heute den Sieg des Guten und des Friedens“, erklärt Bosniens Präsident Sulejman Tihic. Die „neue Alte“ wird geehrt, als könnte sie Wunder wirken.

Aus Ländern der Europäischen Union sind Ehrengäste da, auch aus der Türkei und den Nachbarländern, sogar aus Serbien-Montenegro. Die USA haben Vertreter geschickt ebenso wie ein Land der „Achse des Bösen“, der Iran, und 50 weitere Staaten von Japan bis Südafrika. Es scheint, als gelte es hier und heute den Weltfrieden zu retten, mit einem Symbol, dessen Metaphorik den Einheimischen schon auf die Nerven geht. „Denkt daran, die ,Locals’ wollen das nicht dauernd hören, von der Brücke der Versöhnung, dem Symbol und so weiter“, mahnt ein britischer Diplomat seine „Internationals“ auf einem Empfang im „Ero“, dem besten Hotel der Stadt.

Zehn Jahre nach dem Daytoner Abkommen ist der Frieden in Bosnien-Herzegowina noch brüchig. Brücken allein können nicht kitten, was geteilt ist: Bosnien selbst ist gespalten in die Föderation der Kroaten und Bosniaken sowie die „Republika Srpska“, Mostar in zwei Teile zu beiden Seiten der Neretva. Wie heikel der Status quo in Mostar ist, beweist auch der Sicherheitsaufwand für das Brückenfest. Tagelang tasteten Taucher die Felsen am Flussgrund nach Bomben ab. Vor den Hotels mit prominenten Gästen parken gepanzerte Polizeifahrzeuge, ganze Straßenzüge sind abgesperrt, 2800 Polizisten der EU und aus Bosnien-Herzegowina selbst sind im Einsatz. Wohl noch nie hatte eine Brücke so viele Wächter, auch wenn die Stadt nach den „Mostari“, den Brückenwächtern, benannt ist.

Elma Tancica erinnert sich noch an die „Stari Most“ ihrer Kindheit. Als Elma wegmusste aus Mostar, war sie eine schmale Zwölfjährige. Mostar war keine Stadt mehr für Kinder, und Elmas Eltern beschlossen Anfang 1993, das Kind zur Großmutter zu schicken, ins Nachbarland Kroatien. Nach den Serben hatten auch die Kroaten begonnen, Mostar, das Kleinod der Herzegowina, unter Beschuss zu nehmen, um es von Muslimen wie der Familie Tancica zu „säubern“. Elma arbeitet heute als Buchhändlerin, sie schreibt Gedichte, trägt einen Pagenkopf, modische Jeans und ein ärmelloses T-Shirt. „Auf ,poetry. com’ kannst du etwas von mir lesen, im Internet“, sagt sie mit schüchternem Stolz. Ernst blickt sie ihr Gegenüber an.

„Ich wollte nicht fort von der Familie, damals, im Krieg“, erzählt Elma Tancica. Doch der Vater nahm sie bei der Hand und zog mit ihr quer durch die Stadt, zum Busbahnhof. Das Kind sträubte sich, vergeblich. Auf der „Stari Most“ klammerte sich Elma ans Geländer, „so fest ich konnte“, sagt sie, „mit beiden Händen“. Sie sieht, sagt sie, das alles noch vor sich. Auch die Brücke, wie sie dastand, „mit Holzplanken, Decken und Autoreifen gegen Geschosse gesichert. Es war nicht mehr die Brücke, auf der wir spielen konnten.“ An dem Tag überquerte Elma Tancica zum letzten Mal die „Stari Most“.

In Kroatien, im Haus der Großmutter und anderer Verwandter, trafen nur spärlich Nachrichten aus Mostar ein. Dann, am 9. November 1993, als Elma in ihrem Kinderexil mit Kopfhörern Popmusik hörte, während der Fernseher lief, kam die Nachricht. Über den Schirm liefen Bilder, die sie aufschrecken ließen. „Ich nahm die Kopfhörer ab, und ich stand unter Schock: Da zeigten sie unsere Brücke. In Stücken. Seht ihr das auch?, habe ich die anderen gefragt. Ist das wahr?“

Es war wahr. Einem General der kroatischen Armee, Slobodan Praljak, einst Theaterregisseur, dann aktiv beim Militär, nach dem Krieg Zigarettenmillionär in der Halbwelt und heute Angeklagter vor dem Haager Tribunal, diesem General Praljak hatte es gefallen, die 1566 erbaute Brücke von einem Panzer unter Beschuss nehmen zu lassen. Die Bilder gingen um die Welt. „Erst als die Brücke zerstört war, habe ich begriffen“, sagt Elma Tancica, „was sie mir und uns allen bedeutet hatte. Sie war immer da. Selbstverständlich, ein Teil von uns.“ Das Mädchen aus Mostar hat drei Tage lang geweint. „Keiner, nichts konnte mich trösten.“ Sie lächelt kurz. Das war damals. Ihre Trauer galt auch dem Abschied von der Kindheit. Wie in den Jahren von 1992 bis 1995 alle Kinder Bosniens lernten, mit dem Krieg der Erwachsenen zu leben, der 250000 Menschen im Land den Tod brachte und dessen Spuren noch lesbar sind, in jeder Straße.

„Achtung: gefährliche Ruinen!“ warnen die Schilder an den zerfallenden Bauten, in denen Büsche und Gestrüpp wuchern, Katzen hausen und Vögel nisten. 75 Prozent der Bausubstanz von Mostar wurden zerstört, im osmanischen Kern, im österreich-ungarischen Gürtel um das Zentrum und in den Randbezirken aus der Tito-Ära. An vielen Orten wird restauriert, einflussreiche Stiftungen wie der Aga Khan Trust for Culture bemühen sich, Investoren zu finden, die etwas von der Pracht historischer Bauten verstehen und verhindern, dass Mostar weiter entstellt wird. „Unbeschreiblich ist Mostars Schönheit“, hatte einst Derwisch Pascha Bajezidagic geschrieben, „nirgends im Universum, nicht einmal im Paradies findest du auch nur Luft und Wasser wie in Mostar.“ Heute gehören die Pockennarben von Artillerie- und Maschinengewehrsalven zu den Fassaden wie Ornamente eines Spuks.

Die Hälfte aller Einwohner ist ohne Arbeit. Restaurants und Cafés finden sich noch in der kleinsten Gasse. Doch Landwirtschaft, Obstplantagen, Tabakanbau, Bauxitminen, ein Wasserkraftwerk und Tourismus – alles, wovon man früher lebte, liegt brach. Und die 100000 Menschen in der Stadt leben in parallelen Welten, Kroaten in der einen, bosnische Muslime in der anderen. Schulbücher bieten zwei Interpretationen der Geschichte, es gibt zwei Gesundheitssysteme, zwei Rundfunksysteme. Eine Brücke allein genügt nicht, wo die Gesellschaft wie die internationale Gemeinschaft bisher versagt haben. Mit den parallelen Strukturen will Paddy Ashdown aufräumen – wie andere vor ihm es versucht haben. Im Januar hat er eine neue Aufteilung der Stadtbezirke verfügt. Nach zwölf Jahren Gerangel zwischen mediokren, nationalistischen Politikern soll die „Apartheid“ zwischen muslimischen und kroatischen Zonen zumindest auf dem Papier aufgehoben werden, die Zahl der Stadtverordneten sinkt von 194 auf 35. Ashdowns Dekrete sind nicht immer beliebt. So hat der „High Representative“ unlängst 60 korrupte und nationalistische Politiker der „Republika Srpska“ ihrer Ämter enthoben. Endlich, fanden die Muslime. Undemokratisch, riefen die Serben. Auch in Mostar wurde gemurrt, als die Verwaltungsreform kam. Aber sie war notwendig, sagen viele.

Denn die Spaltung der Stadt treibt die groteskesten Blüten. So haben Franziskaner auf der Westseite eine gigantische Kirche, St. Peter und Paul, errichtet, deren Campanile, eine unverputzte Betonsäule, „höher sein soll als das höchste Minarett“. „Architektonischen Analphabetismus“ bescheinigt der Architekt Robert Bevan dem Bau, der als Zeigefinger hinüber zu den Muslimen weisen soll. „An Gott zu glauben“, sagt Elma Tancica, „das ist eine Frage des Herzens. Dazu braucht man keine großen Zeichen.“ Je größer solche Zeichen, egal wessen Zeichen, glaubt Elma Tancica, desto größer die Unsicherheit. Schuldgefühle auf der einen, Vorwürfe auf der anderen Seite, Traumata und Verluste – auch daran erinnert die Brücke.

Auf den weißen, oft von steinernen Turbanen gekrönten Stelen der muslimischen Gräber im Innern Mostars sprechen die Todesdaten ihre Sprache: geboren 1960 – gestorben 1993; geboren 1971 – gestorben 1993. Friedhöfe, Seite an Seite mit belebten Cafés, Boutiquen und Plätzen, gehören zu der Stadt wie die Narben an den Fassaden. Tausende Einwohner Mostars, die meisten unter ihnen Muslime, fielen dem Krieg zum Opfer. Niemand kann sie zurückholen.

Die „Stari Most“ ist „auferstanden aus dem Fluss“, schreiben die Zeitungen. Es ist nicht dieselbe, doch sie ist so rekonstruiert, geschwungen und schlicht, wie das Wunderwerk des osmanischen Architekten Mimar Hajrudin. „Die Steine mit der osmanischen Inschrift zum Bau der Brücke und beider Türme sind verschwunden“, bedauert der Orientalist Machiel Kiel, Mitglied der Unesco-Kommission, die für den Wiederaufbau zuständig ist. „Wahrscheinlich hat sie jemand mitgehen lassen.“ Ansonsten steht der Bau wieder, dessen Zerstörung die Welt aufrüttelte, die dem Krieg in Bosnien bis dahin zugesehen hatte. Denn die Brücke hatte für „den Westen“ einen Namen und eine Aura. Die Toten und Flüchtlinge auf den Bildschirmen waren namenlos gewesen. Quasi als Bußgeld gab dann die „International Community“ 14 Millionen Dollar zum Aufbau, den Löwenanteil spendeten Weltbank und Unesco. Wie sie es in Mostar seit Hunderten von Jahren taten, sprangen in der Festnacht wieder junge Männer von der Brücke in die Neretva, 20 Meter tief.

Hunderte von Malen sei er vom Scheitelpunkt ins kühle, grüne Flusswasser gesprungen, erzählt der Alte, der in einem Straßencafé im Carina-Viertel jeden Abend seinen Loza trinkt, einen starken Schnaps. „Im Krieg waren wir ohne Wasser, ohne Strom, ohne Essen“, sagt er. „Die Leute haben Vogelfleisch gegessen und Gras. Wir haben gekämpft, gegen die Serben, gegen die Kroaten. Meine Söhne und ich, wir haben unsere Stadt verteidigt. Der Jüngste hat ein Auge verloren und ein Bein.“ Dann wurde die Brücke zerstört, und alles schien zu Ende. Das große Fest jetzt, nun ja, seufzt der Alte, „das muss eben sein“. Beethovens Ode an die Freude, Orffs Carmina Burana. Garniert mit Folklore, Militärorchestern aus der Türkei und Österreich, Kinder in historischen Kostümen, ihm ist das alles ein bisschen zu viel.

Für den 20-jährigen Alen Obradovic, Student der Pädagogik und Sänger der lokalen Popgruppe „The Flame“, steht fest: „Die kaputte Brücke wäre das stärkere Mahnmal gewesen!“ Der Bassist Sejo Zaklan widerspricht: „Die Brücke ist wunderschön.“ Seine Schwester tanzt mit bei der Feier, seine Familie ist glücklich. Im „Pavarotti Music Center“ von Mostar bekommen er und seine Freunde gegen ein symbolisches Entgelt Instrumente und einen Probenraum. Sie unterbrechen ihre Version von Pink Floyds „The Wall“, und Alen sagt: „The Wall, das haben wir hier auch, eine psychologische Mauer.“ Er grinst. „Uns vier interessiert das nicht. Wir gehen auf die andere Seite.“ Auf die andere Seite gehen, das hat in Mostar nur eine Bedeutung – auf die andere Seite des Flusses. „Hier“, er zeigt auf den Verstärker im Probenraum. „Ein Kroate hat uns den geschenkt.“ Die Serben, sagt er, machen den besten Pop in der Region, „mit denen würden wir auch spielen, wenn wir eine Chance hätten.“ Hier spielt jeder mit jedem, egal ob Kroate, Muslim oder Serbe. Doch Meister Luciano Pavarotti, mit dessen Spenden das Center entstand, will nicht mehr hierher reisen. Er ist verärgert. Hunderttausende Dollar sind in den Taschen der Direktion verschwunden. „Meine Drums flicke ich mit Klebeband“, sagt Saša Fetic, Percussionist von „The Flame“, „das Geld ist weg.“

Jeder, schimpft der Chefredakteur der „Hercegovacke Novine“, Alija Lizde, „will sich hier nur bereichern, ob Fremder oder Einheimischer“. Man müsse alles anders anpacken, kooperativer, moralischer. „Bei mir arbeiten Leute aller Seiten, Hauptsache, sie schreiben gut“, fügt der Mann hinzu, der im Krieg 283 Tage in kroatischen Gefangenenlagern verbracht hat und darüber ungern spricht. Sein kroatischer Freund und Kollege Mladen Bošnjak wirft ein: „Gut, dass General Praljak in Den Haag sitzt. Da gehört der hin.“ Auch Hans Koschnick, nach dem Waffenstillstand Mostars Bürgermeister, habe nichts wirklich verändert, behaupten die beiden Redakteure. Trotzdem, sie lieben ihn in Mostar. „Divan covjek!“, rufen sie, wenn sein Name fällt, ein wunderbarer Mensch. Natürlich ist Koschnick zur Feier angereist, obwohl er Mühe beim Gehen hat. Was er von der Brücke hält? „Ganz einfach, die alte Brücke symbolisierte den Weg vom Gestern zum Heute. Die neue Brücke ist der Weg vom Heute zum Morgen.“ Dann dreht er sich noch mal um: „Vergessen Sie nicht zu schreiben: Nur zusammen erreichen wir was, die internationalen und die Leute von hier!"

Elma Tancicas Begeisterung ist nicht zu bremsen. „Als ich das erste Mal meinen Fuß auf die neue Alte Brücke gesetzt habe“, sagt sie, „habe ich gezittert vor Glück.“ Den Krieg, sagt sie, kann sie immer noch nicht verstehen. Nicht diesen und keinen anderen. Darum hat sie zusammen mit einem kroatischen Freund, dem Dichter Ivo Kresic, eine Anthologie mit Gedichten herausgegeben: „Im Raum des Schweigens“. Zu ihrem „Club junger Dichter“ gehören auch serbische Freunde. „Unsere Generation“, sagt sie, „muss es schaffen, dass Bosnien blüht.“

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