Zeitung Heute : Das große Ereignis ist ihr Thema

HERMANN RUDOLPH

Eine Nationalstiftung, die gestiftet wird, weil die Nation fehltVON HERMANN RUDOLPHDer Historiker spricht es aus mit der Beiläufigkeit des Selbstverständlichen, und gemünzt ist die Formel auf den 3.Oktober 1990.Er sagt: Die zweite Gründung eines deutschen Nationalstaates, der Bezug zu 1871, zum berühmten Festakt von Versailles, ist unüberhörbar und gewollt.Geschah bei der staatlichen Wiedervereinigung vor sieben Jahren wirklich so große Geschichte? Man spitzt etwas ungläubig die Ohren, denn viel zu spüren ist von einem säkularen Ereignis im vereinten Deutschland nicht, eigentlich gar nichts; es waren auch nicht unbedeutende Gruppen, die dem Tag nicht einmal den Charakter eines Feiertages zubilligen wollten, als es an die sozialen Besitzstände ging.Es scheint die Menschen auch nicht gerade zu enthusiasmieren, denn im "Haus der Kulturen der Welt", zwei Steinwürfe weit entfernt vom Reichstag, an dem das Ereignis seinen Höhepunkt hatte, folgen ganze Hundert oder Zweihundert der 4.Jahrestagung der Deutschen Nationalstiftung.Das große Ereignis ist ihr Thema.Sie macht es unter der Frage: "Was hält unser Land zusammen?" zum Gegenstand einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung. Dabei kann der Historiker, Hagen Schulze, wahrhaftig beweisen, daß die Vereinigung ein überragender Vorgang war, der ersten Gründung weit überlegen.Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte ist der Nationalstaat "gesättigte" Gegenwart, liegen Einheit und Freiheit nicht mehr im Streit, haben sich die Deutschen nicht gegen, sondern mit Zustimmung ihrer Nachbarn zusammengeschlossen, ist der deutsche Nationalstaat Teil des demokratischen Westens, ist also die alte Sehnsuchtsfrage Ernst Moritz Arndts: "Was ist des Deutschen Vaterland?" beantwortet - unmißverständlich und überzeugend und zutiefst positiv.Der Hintergrund für diese kühnen Schlüsse ist ein breites Panorama der Geschichte der Nation, angelegt mit aller Kritik an Mythen und Stereotypen, deren die moderne Historie fähig ist, hoch ausdifferenziert und durchaus skeptisch koloriert.Eigentlich gab es, so Schulze, nie eine deutsche Geschichte, vielmehr mehrere Stränge, die nebeneinander herliefen, und nur Adolf Hitler zwang sie zu unserem Unglück zusammen.Als 1945 der "siegesdeutsche Anstrich" (Jacob Burckhardt) der Nation abfiel, fiel auch die Nation auseinander.Aber nun hat, wie gesagt, die Historie, endlich einmal, gute Nachricht zu vermelden. Nur sie? Natürlich hat Schulz recht, aber er hat eben so recht, wie Historiker recht haben: unter dem Blick der Ewigkeit.Was dringt davon in die Alltagswirklichkeit? Was leistet diese normativ begriffene Nation für das von seinen Vereinigungsproblemen geschüttelte Deutschland? Den Arbeitslosen im Osten, der zweimal umgeschult wurde und noch immer keine Arbeit hat, führte Richard Schröder in die Debatte ein.Er ist, wahrhaftig, nicht der einzige Maßstab, aber es gibt ihn, vielhundertfach.Und vielleicht braucht es die Vergegenwärtigung der vielfältigen Schicksale -, im geteilten Deutschland wie im vereinten -, um die Nation so nachdrücklich wie der Berliner Theologe und seinerzeitige SPD-Fraktionsvorsitzende in der ersten frei gewählten Volkskammer auf das Bewußtsein des gewollten und gelebten Wir-Gefühls zurückzuführen.Das ist das Echo der Wir-sind-ein-Volk-Losung vom Herbst 1989.Aber wenn Schröder darauf beharrt, dieses "Wir" solle nicht wieder ein "Wir" sein, das das "Ich" verschlingt, so hängt darüber auch noch ein Hauch des Wegs vom Ich zum Wir, den der DDR-Sozialismus proklamierte. Es ist ein durch die Ereignisse von Teilung und Wende nicht pathetisch aufgeladener, sondern praktisch und nüchtern gewordener Begriff von Nation, den Schröder vorstellt.Er enthält durchaus noch etwas von der leichten Fassungslosigkeit, mit welcher der DDR-Bürger der westdeutschen Verdrängung des Begriffs begegnete: denn da, so staunt er noch heute, "verboten sich manche im Westen selbst, was uns im Osten von oben verboten wurde".Trotz aller "posttotalitärer Melancholie" im Osten und der mangelnden Fähigkeit im Westen, sich über die stattgehabten Veränderungen im ganzen Deutschland klar zu werden, vertraut Schröder auf die Belastbarkeit der Nation.Sie sei, so formuliert er knapp, "nichts Besonderes, wohl aber etwas Bestimmtes".Sie solle sich nicht vom berühmt-berüchtigten deutschen Wesen her definieren, sondern von den "Aufgaben", die "nur wir Deutschen und wir Deutschen gemeinsam lösen können". Klaus von Dohnanyis Beitrag nahm sich da aus wie die Bestätigung für das Auseinanderfallen der Selbstwahrnehmung der Deutschen in West und Ost zur Zeit der Teilung (die Schulz registriert hatte).Denn nichts anderes als den merkwürdigen, so timiden wie hysterischen Umgang mit dem Thema sollte seine Frage zum Thema machen, weshalb denn vor 1989 niemand auf den Gedanken der Nationalstiftung gekommen sei.Und das Kuratorium Unteilbares Deutschland mit seinen zahllosen Tagungen, Seminaren und Publikationen? Der frühere Hamburger Bürgermeister ließ keine mildernden Umstände gelten.Wäre die DDR wirtschaftlich etwa in der Verfassung Österreichs gewesen, so Dohnanyi, so wäre die Wiedervereinigung schon an der unterschiedlichen Regelung des Schwangerschaftsabbruchs gescheitert.Und überhaupt: was für eine Merkwürdigkeit: eine Nationalstiftung, die gestiftet wird, weil die Nation fehlt! Fehlt sie wirklich? Es ist richtig, daß es, wie Dohnanyi anmerkte, im vereinten Deutschland so gut wie keine hervorgehobene staatliche Instanz gibt, die diese Vereinigung zur Aufgabe hat.Es ist auch unbestreitbar, daß der Mangel an emotionaler Übereinstimmung längst zu einem realpolitischen Faktor im Vereinigungsprozeß geworden ist? Außer dem Dritten Reich erkennt Dohnanyi so gut wie kein verbindliches nationales Erbe - wobei nach seinem Eindruck die Erinnerung an Hitler und die Folgen schwerer wiege als die Jahrzehnte der Teilung.Selbst die Kulturnation will er nicht gelten lassen, weil sie - was in der Tat nicht zu bestreiten ist - der deutschen Selbstüberschätzung den Weg bereitet habe.Was bleibt da, um das Land zusammenzuhalten? Dohnanyi nennt es das "deutsche Modell": Wirtschafts-, Sozial- und Rechtsstaat in ihrer besonderen, solidarischen und liberalen Prägung, wie sie seit Bismarck und Schmoller und allen den Staats- und Kathedersozialisten gedacht werden.Wer da eine Assoziation an das "Modell Deutschland" heraushört, für das der Politiker Dohnanyi einst focht, hört vermutlich nicht falsch. Die Diskussion, die es nach solchen großkalibrigen Einlassungen sowieso schwer hat, zelebrierte immerhin einen Abschied: den vom Verfassungspatriotismus, der nun als Notnagel für die staatsbürgerlichen Bedürfnisse der späten Bundesrepublik erkannt wird.Nun solle der Weg, so Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, sozusagen zum "Aufgabenpatriotismus" führen.Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt forderte in alter Markigkeit dazu auf, sich den Forderungen des Tages zu stellen und sie zu lösen.Ministerpräsident Stolpe findet im nationalen Diskurs einen nützlichen Platz für den Föderalismus.Hans Modrow, DDR-Nachlaßverwalter, beschwört das Gewicht der Eigentumsfrage und sieht Forderungen an Polen heraufziehen.Die Aufgabe der DM zugunsten des Euro erhebt sich kurzzeitig als Bedrohung des nationalen Zusammenhangs und wird an die Fachleute zurückgewiesen.Die patriotischen Neigungen flattern etwas unbefriedigt durch das Auditorium.

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