Zeitung Heute : Das große Ich

Vertrauliches regele er mündlich, sagt er – wie etwa Panzerdeals. Kohls Anhörung beim Pfahls-Prozess lehrt einiges über Deutschland

Mirko Weber[Augsburg]

Helmut Kohl sagt: „Ich hatte kein Problem damit, nach Augsburg zu kommen.“ Zu einem Salz-und-Pfeffer-Anzug trägt er ein weißes Hemd und eine rot gemusterte Krawatte. Er kommt durch den Hintereingang und geht wie ein alter Elefant, bedächtig, schwer. Als die Fotografen im Augsburger Landgericht ihn lautstark bitten, sich umzudrehen, hebt er die Hand, wie er früher immer die Hand gehoben hat, um jovial die Menge zu grüßen. Die Gestik ist die alte. Der Mann auch.

Wie man ihn ansprechen solle, fragt der Vorsitzende Richter Maximilian Hofmeister. Kohl bläht die Backen und zuckt so heftig mit den Schultern, dass man die Hosenträger sich kreuzen sieht. Außerhalb der deutschen Staatsgrenzen sei das kein Problem, sagt Helmut Kohl: „Mit Bundeskanzler.“ Innerhalb freilich…Nun bläst er nochmal. „Es kommt darauf an, ob Sie grasgrün oder knallrot sind!“ Er nimmt einen Schluck Wasser. Seine Hände zittern stark. Hofmeister entscheidet sich für „Dr. Kohl“. Der Staatsanwalt schließt an mit leicht ironischer Verbrämung: „Ich sage ,Herr Bundeskanzler’.“ Kohl nimmt das lächelnd zur Kenntnis: „Das spricht für Sie“, antwortet er.

Helmut Kohl kommt nach Augsburg auf Ersuchen der geschickten Verteidigung von Holger Pfahls, der als Staatssekretär unter Kohl arbeitete und vom flüchtigen Waffenlobbyisten Karl-Heinz Schreiber Anfang der 90er Jahre 873000 Mark für Vermittlungen im Fuchspanzergeschäft mit Saudi-Arabien bekommen hat. Pfahls hat das nach seiner Festnahme eingestanden.

Bis jetzt lassen sich die Aussagen aller damals hochrangigen Vertreter der Bundesregierung in diesem Prozess in einem Satz zusammenfassen: Unser Mann war Pfahls nicht. So hat es Theo Waigel gesagt, so Horst Teltschik, so vorgestern Hans-Dietrich Genscher. Pfahls muss so eine Art Mann mit der Maske gewesen sein. Er war zwar oft dabei, wenn über Waffengeschäfte geredet wurde, hat aber letztlich keinen Einfluss auf Entscheidungen gehabt. Das bestätigt auch Kohl, der Protokollen aus gutem Grund misstraut. „Das müsste ich ja wissen“, sagt er.

Ich. Kein Wort fällt in den knapp zwei Stunden der, nun ja, Anhörung des Bundeskanzlers a. D. öfter. Allerdings wird Kohl dazu schon fast genötigt. Das Gericht möchte sich nämlich ein Bild machen, wie es damals zuging im Kanzleramt, als zu den Wirrnissen der deutschen Einigungsprozesse auch noch der Angriff auf Kuwait durch Saddam Hussein kam. Mit Helmut Kohl sind sie da an den Richtigen geraten: Geschichten schüttelt der nur so aus dem Sakkoärmel. Das ist, was Pfahls angeht, nicht großartig erhellend, auch wenn durchscheint, dass Pfahls weder mit Bimbes noch mit Machtpolitik richtig umgehen konnte, aber doch interessant, wenn man „die Zusammenhänge sieht“, wie Kohl sagt.

Die Zusammenhänge sahen beispielsweise so aus, dass am 15. September 1990 der damalige amerikanische Außenminister James Baker, „der Jim“, sagt Kohl, den Bundeskanzler in Ludwigshafen besucht. Kohl sagt, er habe damals gespürt, wie die Welt Deutschland beargwöhnte, weil es den Einsatz gegen den Irak verweigerte. Kohl war Flakhelfer am Kriegsende. „Ich wollte nie wieder Krieg mit deutscher Beteiligung.“ Und dann kommt also James Baker auf Kohls Sofa, kommt aus Moskau, wo die Zwei-plus-Vier-Gespräche zugunsten Deutschlands ausgegangen sind, trotz Maggie Thatcher. Kohl hat das nicht vergessen. Und da sagt Kohl also Baker die Lieferung von Fuchs-Spürpanzern zu, 60 für die USA, 36 für Saudi-Arabien. Kohls Generäle sagten ihm, die Füchse und der Leo II „seien das Nonplusultra“. Kohl organisiert den Deal, alles andere „war nicht mehr meine Sache“. Er wollte Deutschland mit den Lieferungen „da raushalten“. „Da“, das ist der Krieg.

Erst Monate später, nach der gesamtdeutschen Wahl, wird die Geschichte im Bundessicherheitsrat durchgewinkt. Von Kohl. „Ich war ja der Bundeskanzler“, sagt er. Es klingt einfach, aber so war es wohl, einfach so. „Die Demokratie hat sich durchgesetzt“, sagt Kohl und schaut sonnig. Die Demokratie war er. Wohlweislich ist in Briefen an die Hardthöhe, wo die Füchse „fix und fertig auf dem Hof standen“, nicht von der Lieferung an Saudi- Arabien die Rede. Wirklich Vertrauliches, sagt der Altkanzler entspannt, regle er immer mündlich. Er habe da schlechte Erfahrungen gemacht. Wiewohl „nicht so schlechte wie mein Nachfolger“, ergänzt er. Im Gericht wird gelacht, und Kohl schaut vergnügt, als wolle er sagen: Bitteschön, keine Ursache.

Man kann viel lernen an diesem Mittag im Augsburger Landgericht. Über Staatsführung. Über Kohls Ich. Und über Deutschland. Auch Holger Pfahls hätte von Kohl lernen könne. „Ich war nie bestechlich, und ich werde es auch nicht werden“, sagt der Bundeskanzler a. D. Manchmal schaut Pfahls, der während der Sitzung viele Tabletten nimmt, ihn an, ganz von unten. Kohl hat keinen Blick für ihn. „Was ich nie verstanden habe“, sagt er, „warum einer Geld gibt“ – er meint Karl-Heinz Schreiber –, wo doch „die Sache längst geregelt“ war. Durch ihn.

Kohls Lektionen in Sachen deutscher Politik entlasten Pfahls entscheidend. Er wird jetzt wohl nur noch wegen Vorteilsannahme und Steuerhinterziehung verurteilt. Schon im September könnte er wieder ein freier Mann sein. Am Schluss wendet sich Pfahls Verteidiger an Kohl und entschuldigt sich im Namen seines Mandanten für dessen Fehlverhalten. Kohl nimmt die Entschuldigung an. Schließlich steht er auf und gibt allen Richtern und Schöffen die Hand. Dann ist sein Auftritt Geschichte.

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